Lesereise · 2017

Abenteuer Alter

Zwei Freundinnen, 77 und 80 Jahre alt, machen sich auf den Weg: Heide Bock läuft, Brigitte Halenta liest. Von München nach Lübeck – und mitten hinein ins Abenteuer Alter.

Gemeinsam unterwegs

20 Kilometer. 20 Seiten. Eine Freundschaft.

Im Sommer 2017 verbinden die Marathonläuferin Heide Bock und Brigitte Halenta ihre ganz unterschiedlichen Leidenschaften: Heide läuft jeden Tag etwa 20 Kilometer nach Norden. Brigitte begleitet sie mit dem Auto und liest abends am jeweiligen Etappenort 20 Seiten aus ihrem Roman „Die Breite der Zeit“.

Die beiden wollen gemeinsam etwas erleben, ihre langjährige Freundschaft feiern und die üblichen Vorstellungen vom Alter auf den Kopf stellen. Heide ist 77, Brigitte 80. Von Petershausen bei München führt die Reise in 39 Tagen bis nach Lübeck.

Es ist auch eine Reise zu dem Thema, das Brigitte Halenta besonders am Herzen liegt: den Möglichkeiten, die im Älterwerden stecken. Ihr Roman erzählt von Henriette, die sich mit siebzig ein neues Leben erfindet. Auf dieser Tour lassen die beiden Freundinnen ihre eigenen Vorstellungen vom Leben Wirklichkeit werden.

Unterwegs beim Projekt Abenteuer Alter

Liebe Freunde und Interessierte
mein ganz persönliches Abenteuer Alter startete diesen Sommer am 10. Juni 2017 in Petershausen bei München zusammen mit meiner Freundin Heide.
Heide, die dieses Frühjahr 3 Mal hintereinander Weltbestzeit im Halbmarathon in ihrer Altersklasse gelaufen ist, ist von München nach Lübeck gelaufen, jeden Tag 20 km, und ich begleitete sie mit dem Auto und laß jeden Abend, dort, wo wir übernachten, 20 Seiten aus meinem Roman DIE BREITE DER ZEIT vor. Mitte Juli kamen wir dann nach 39 Tagen in Lübeck an. Was wir so erlebt haben, könnt Ihr hier in meinem Blog lesen. Bilder der einzelnen Stationen und die gesamte Tour gibt es hier.

Begegnungen am Weg

Eine Reise, die Kreise zieht.

Die Reise findet ihr Publikum

Im Tagebuch vom 16. Juni berichtet Brigitte Halenta von der Veröffentlichung ihrer Pressemitteilung im Donau-Kurier und einem ausführlichen Gespräch mit einer Reporterin des Neumarkter Tagblatts.

Brigittes Originalbericht lesen

Lesungen wie im Freundeskreis

Am 24. Juni beschreibt sie das Vorlesen in kleiner Runde: persönliche Gespräche, Fragen und Diskussionen. Auch die Frankenpost ist dabei.

Brigittes Originalbericht lesen

„Liebeserklärung ans Alter“

So lautet laut ihrem Tagebuch die Überschrift des Interviews in der Lüneburger Landeszeitung. Am nächsten Abend kommen so viele Zuhörerinnen ins Alte Kaufhaus, dass zusätzliche Stühle geholt werden müssen.

Brigittes Originalbericht lesen

39. Tag · Ankunft Lübeck

39. Tag · Ankunft Lübeck
39. Tag · Ankunft Lübeck

38. Tag · Ratzeburg

38. Tag · Ratzeburg
38. Tag · Ratzeburg

37. Tag · Mölln

37. Tag · Mölln
37. Tag · Mölln

36. Tag · Lauenburg

36. Tag · Lauenburg
36. Tag · Lauenburg

35. Tag · Lüneburg

35. Tag · Lüneburg
35. Tag · Lüneburg

32.-34. Tag · Hitzacker

32.-34. Tag · Hitzacker
32.-34. Tag · Hitzacker

31. Tag · Lüchow

31. Tag · Lüchow
31. Tag · Lüchow

30. Tag · Salzwedel

30. Tag · Salzwedel
30. Tag · Salzwedel

29. Tag · Klötze

29. Tag · Klötze
29. Tag · Klötze

28. Tag · Gardelegen

28. Tag · Gardelegen
28. Tag · Gardelegen

27. Tag · Calvörde

27. Tag · Calvörde
27. Tag · Calvörde

26. Tag · Haldensleben

26. Tag · Haldensleben
26. Tag · Haldensleben

25. Tag · Magdeburg

25. Tag · Magdeburg
25. Tag · Magdeburg

24. Tag · Oschersleben

24. Tag · Oschersleben
24. Tag · Oschersleben

23. Tag · Egeln

23. Tag · Egeln
23. Tag · Egeln

22. Tag · Aschersleben

22. Tag · Aschersleben
22. Tag · Aschersleben

21. Tag · Eisleben

21. Tag · Eisleben
21. Tag · Eisleben

20. Tag · Querfurt

20. Tag · Querfurt
20. Tag · Querfurt

19. Tag · Bad Bibra

19. Tag · Bad Bibra
19. Tag · Bad Bibra

17+18. Tag · Naumburg

17+18. Tag · Naumburg
17+18. Tag · Naumburg

16. Tag · Jena

16. Tag · Jena
16. Tag · Jena

15. Tag · Ziegenrück

15. Tag · Ziegenrück
15. Tag · Ziegenrück

14. Tag · Selbitz

14. Tag · Selbitz
14. Tag · Selbitz

13. Tag · Münchberg

13. Tag · Münchberg
13. Tag · Münchberg

12. Tag · Bischofsgrün

12. Tag · Bischofsgrün
12. Tag · Bischofsgrün

11. Tag · Kemnath

11. Tag · Kemnath
11. Tag · Kemnath

10. Tag · Weiden

10. Tag · Weiden
10. Tag · Weiden

9. Tag · Hirschau

9. Tag · Hirschau
9. Tag · Hirschau

8. Tag · Ursensollen

8. Tag · Ursensollen
8. Tag · Ursensollen

7. Tag · Neumarkt in der Oberpfalz

7. Tag · Neumarkt in der Oberpfalz
7. Tag · Neumarkt in der Oberpfalz

6. Tag · Parseberg

6. Tag · Parseberg
6. Tag · Parseberg

5. Tag · Bellingries

5. Tag · Bellingries
5. Tag · Bellingries

4. Tag · Kipfenberg

4. Tag · Kipfenberg
4. Tag · Kipfenberg

3. Tag · Eichstätt

3. Tag · Eichstätt
3. Tag · Eichstätt

2. Tag · Neuburg an der Donau

2. Tag · Neuburg an der Donau
2. Tag · Neuburg an der Donau

1. Tag · Schrobenhausen

1. Tag · Schrobenhausen
1. Tag · Schrobenhausen

Start · München / Petershausen

Start · München / Petershausen
Start · München / Petershausen

Zum ursprünglichen Tagebuch Abenteuer Alter

Originale Projektbeschreibung · PDF

Das Reisetagebuch im Original

Unterwegs erzählt.

Die Originalberichte von Brigitte Halenta. Öffnen Sie einen Eintrag zum Lesen.

2017-04-24Interview

Brigitte Halenta beantwortet 5 Fragen zum Thema Alter

VON INGKILI

SEPTEMBER 2016

Laut einer aktuellen Studie im Auftrag der Deutschen Bank und der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ haben eher jüngere Menschen (14- bis 29-jährige) Angst vor dem Alter und der damit verbundenen Einsamkeit. Hingegen haben aber erstaunlicher Weise nur 11 Prozent der von TNS Infratest befragten über 60-Jährigen Angst vor dem Alleinsein!

Frage:

In deinem Roman DIE BREITE DER ZEIT muss deine Protagonistin, die siebzigjährige Henriette, nach einem Schicksalsschlag ihr Leben neu erfinden. Sie stellt u.a. fest, dass Alter „im Kopf gemacht wird“ und verwirklicht u.a. ihren Traum, Kunstmalerin zu werden. Inwiefern wird deiner Ansicht nach »Alter im Kopf gemacht«?

Antwort:

Es ist aus der Psychoimmunologie bekannt, wie stark positive oder negative Gedanken körperliche Prozesse beeinflussen. Unser ganzes Leben lang stellen wir mit unseren Vorstellungen und Überzeugungen Weichen – körperlich wie seelisch – aus denen schließlich unser Leben wird. Warum sollte das im Alter anders sein? Ein Beispiel: Plötzlich tut das Knie weh, man kann nur noch unter Schmerzen laufen. Jetzt kann der Mensch denken: Ach, das geht vorüber, morgen ist es bestimmt schon besser, oder er kann denken: Jetzt fängt das auch bei mir an, ich werde alt, es wird immer schlimmer werden. Was glauben Sie, welcher Gedankengang fördert die Heilung mehr? Übers Alter reden, macht alt. Und das besonders in der westlichen Welt, in der die Menschen für Alter ein Defizitmodell im Kopf haben. „Think young“ ist meine Devise. Dann fällt es auch nicht schwer, unter Menschen zu sein und Freunde zu finden.

Frage:

Henriette stellt im Verlauf ihrer Entwicklung fest, dass ihre Lebenszeit zwar begrenzt ist, aber sie dennoch sehr viel Zeit hat. Sie entdeckt nämlich „Die Breite der Zeit“. Kannst du dies näher erklären und hast du dies selbst erlebt?

Antwort:

Die verschiedenen möglichen Erfahrungen von Zeit (und nicht nur von Zeit) müssen für eine Autorin mindestens im Ansatz zugänglich sein, sonst kann sie nicht glaubhaft darüber schreiben.

Im Alter kann die Bereitschaft, sich auf eine neue Erfahrung von Zeit im Alltag einzulassen, wachsen. Die Breite der Zeit ist eine Erfahrung, die jedem Menschen möglich ist. Traditionell wird sie mit bestimmten Techniken wie Meditation, AT, Yoga und dgl. in Verbindung gebracht und steht bestimmten Religionen wie z.B. dem Buddhismus nahe. Psychologisch geht es um eine primärprozesshafte Erfahrung, wie wir sie vom Traum und von manchen spontan sich einstellenden, entrückten Zuständen kennen. Die Breite der Zeit heißt bei den modernen Psychologen „Flow“ (Mihaly Csikszentmihalyi).

Frage:

Henriette lernt den Galeristen Carl kennen und lässt sich trotz ihres Alters noch einmal auf die Liebe und auch auf Sexualität ein. Welche Botschaft möchtest du damit deinen Leserinnen und Lesern vermitteln?

Antwort:

Eigentlich möchte ich nichts vermitteln, sondern nur gute Geschichten erzählen, weil ich fest glaube, dass Menschen Geschichten brauchen, in denen sie sich spiegeln können. Sexualität ist Leben, und Leben ist Sexualität, daran ändert sich auch mit dem älter werden nichts. Aber wie wir uns alle unser ganzes Leben lang verändern, verändert sich auch die Sexualität im Laufe des Lebens. Der deutlichste sexuelle Unterschied zwischen jungen und alten Menschen besteht wohl darin, dass die jungen unter Triebdruck stehen und nach Befriedigung suchen, wohingegen die alten es langsamer und geduldiger angehen lassen können und vornehmlich nach Nähe suchen.

Frage: 

Gibt es Reaktionen von Leserinnen und Lesern, die dich besonderes bewegt und berührt haben?

Antwort:

Ja, es gab viele ganz persönliche Leserinnenbriefe, die mich sehr berührt haben, für die allein es sich schon gelohnt hätte, ein solches Buch zu schreiben. Besonders gefreut hat mich der oft geschriebene Satz: „Ich hätte auch gerne einen Carl! Wo finde ich denn einen Carl?“, weil er mir unter anderen sehr persönlichen Bekenntnissen auszudrücken schien, dass es mir doch wohl gelungen sein muss, etwas Wesentliches über weibliche Sexualität in Sprache zu fassen.

Frage:

Wie siehst du dich selbst als Autorin? Glaubst du, dass Verlage grundsätzlich Vorbehalte gegen Autorinnen und Autoren haben, die über sechzig Jahre alt sind?

Antwort:

Da glaube ich gar nichts, das weiß ich. Für die großen Publikumsverlage sind Autorinnen über sechzig, wenn sie zum ersten Mal publizieren wollen, tot.

Diese Branche ist sehr konservativ und hat noch immer nicht verstanden, mit wie viel geschenkter Lebenszeit heutzutage noch zu rechnen ist. Die Zeitspanne nach sechzig kann leicht genauso lang werden wie die kreative Zeit davor. Die etablierte Verlagswelt verzichtet damit auf lebenserfahrene Autoren, die etwas über die Welt zu sagen hätten zugunsten von vielen jungen, die vor allem erst einmal sich selbst interessant machen wollen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview · Fotografie 1
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2017-05-14Ein herzliches Hallo jedem, der hier hereinschaut!

Hier werde ich demnächst täglich (wenn ich das schaffe) das Neueste von unserem Sommerprojekt berichten.

 

Wir sind Freundinnen seit bald 50 Jahren. Kennengelernt haben wir uns in psychologischen Ausbildungsgruppen in Hamburg. Aus Heide wurde eine Studienrätin an der Montessori-Schule in München, aus mir eine Psychotherapeutin in eigener Praxis in Lübeck. Dabei kam bei Heide der Sport zu kurz und bei mir das Schreiben. So um die 60 herum fanden wir beide, dass die Zeit drängt, endlich das zu tun, was wir eigentlich schon immer wollten. Heide begann, Marathon zu laufen, ich begann mit meinem ersten Roman. Nun wird Heide im Juli 77, und ich bin im März 80 geworden.

Höchste Zeit, etwas zusammen zu unternehmen!

Am 10. Juni starten wir in München-Petershausen unsere Tour:

Warum machen wir das?

Wir haben uns das Projekt ausgedacht, um einmal unsere divergierenden Interessen unter einen Hut zu bekommen (laufen und schreiben passt nicht so besonders gut zusammen), und darüber hinaus wollen wir etwas dazu beitragen, die gängigen Altersbilder in der Gesellschaft zu verändern. Heide ist in diesem Jahr 3 Mal hintereinander Weltbestzeit im Halbmarathon in ihrer Altersklasse gelaufen, und ich habe in den letzten 10 Jahren 5 Romane geschrieben und veröffentlicht. Von Ruhestand* wollen wir nichts hören.

Abzüglich diverser Zipperlein sind wir beide fit und wollen mit dieser Aktion vor allem Spaß haben und unsere lebenslange Freundschaft feiern. Heide muss jeden Tag laufen, sonst ist sie nicht glücklich, und ich möchte auf meinen Roman DIE BREITE DER ZEIT aufmerksam machen, der sich genau mit dem Thema der jungen Alten befasst. Einer unserer Slogans stammt aus diesem Buch: Alter wird im Kopf gemacht. Das soll nicht heißen, dass man sich das Alter wegdenken kann, aber das, was wir darüber denken, trägt ganz entscheidend dazu bei, wie wir es erleben.

Zum Thema Ruhestand* Seite 358 aus DIE BREITE DER ZEIT:

„So etwas Ähnliches hatte doch auch die Munske zu ihr gesagt. Machen Sie sich einen schönen Lebensabend, Frau Bosselmeyer. Das war eine lebensgefährliche Empfehlung. Ruhestand, Lebensabend, Altersschwäche, Tod. Eine schlüssige Abfolge. In Bugendorf fallen ihr etliche ein, und Ilse gehört auch dazu, die schon mit fünfzig anfingen, vom Alter, das sie ja nun erwarte, zu reden. Sie schraubten ihre Erwartungen zurück, mäßigten ihren Gang, kleideten sich bedeckt, traten ihr Leben an die Kinder und Enkelkinder ab und starben mit siebzig.

Nicht nur die Zeit, sondern auch das Alter wird im Kopf gemacht.

Start!!!

Statt Ruhestand besser Widerstand gegen alles, was die anderen von ihr erwarten, bloß weil sie zweiundsiebzig ist; statt des verdämmernden Lebensabends ihre Lebensgeschichte zu der in ihr angelegten Vollkommenheit bringen; statt Altersschwäche Altersstärke, auch oder gerade, wenn die sich nicht in ihrem lahmen Bein zeigt; und statt des sicheren Todes, der unentrinnbar auf sie zukommt, der wunderbaren Zukunft entgegengehen, die sich, so lange sie am Leben ist, jeden Tag aufs Neue entfaltet. Das ist heute auch nicht anders als vor vierzig Jahren, nur dass damals ihr Leben über weite Strecken von den anderen bestimmt wurde. Darum braucht sie jetzt ganz dringend ein paar gute Jahre. Eine abenteuerliche, sich nach allen Seiten ausdehnende Lebenszeit, in der sie, soweit das in ihrer Macht steht, alleine bestimmt, was geschehen soll.“

Ich lese am:

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2017-06-10Tag 1

10. Juni 2017 Petershausen

Ab heute sind wir unterwegs. Heide und Brigitte on Tour haben wir auf unser Auto geklebt. Alles ist offen: Ob wir uns an die geplante Route halten werden, ob Heide genau 20 km pro Tag – weniger oder mehr – laufen wird, ob wir nach 4 Wochen abbrechen, weil wir uns zum ersten Mal in unserer Freundschaft ernsthaft zerstreiten oder weil Heide die Puste ausgeht, ob eine von uns das Zeitliche segnet – alles ist möglich, und sterben kann man schließlich überall. „Wenn wir scheitern“, sagt Heide heute Morgen, vor ihrem geöffneten Koffer auf dem Boden kniend, dann scheitern wir an unserem Chaos in den Koffern und im Auto.“

Getroffen haben wir uns gestern Abend in Petershausen, Heide mit der S-Bahn von München, ich mit dem Auto von Lübeck, im Landgasthof Ostermair, der in 5. Generation von der Familie geführt wird. Irgendwie fühlten wir uns beide etwas benommen: Von der Schwüle, die sich den ganzen Tag gesteigert hatte, von dem jähen Wechsel unserer Umstände und der Erkenntnis, dass nach Wochen der Vorbereitung nun endlich aus Fiktionen Fakten werden sollten. Beim Italiener des Ortes (echte Italiener) gab es unter dem Regendach draußen eine gute Pizza und ein Weizenbier (wegen der Elektrolyte). Auf irgendwelche Planungen oder organisatorische Fragen hatten wir beide keine Lust, wir genossen den schönen Abend und die regenfrische Luft nach einem heißen Tag.

Ausgeschlafen, mit klarem Kopf hatten wir einen guten Start in unseren 1. Tag. Mit unserer Hotelwahl am Computer hatten wir richtig Glück. Betten gut, ein Zimmer, das nichts zu wünschen übrig ließ, nette Wirtsleute, mit denen wir beim Frühstück ein Gespräch über die Weltlage und die katastrophale Niederlage von Theresa May hatten. Frau Ostermair schenkte mir noch einen Rest Glasreiniger. Der war nötig, um die letzten Sprüche an unser Auto zu kleben. Und mit dieser Kutsche fahren wir jetzt als Botschafterinnen für ein verändertes Bild vom Alter durch die Lande.

Ich fahre, Heide läuft – unserem nächsten Ziel Schrobenhausen entgegen. Zwischenstopp in Jetzendorf, wo auch im Tod niemand aus der Reihe tanzt. Gräber so ordentlich wie Dominosteine in der Schachtel.

Dafür geht es im Kletterpark Jetztendorf um so gefährlicher zu. Für 23 € + 2 € extra für Handschuhe kann man hier ein bisschen sein Leben riskieren. Dazu fällt mir ein alter Lateiner ein, den Freud zitiert, der gesagt hat: Man kann sein Leben nur gewinnen, wenn man es aufs Spiel setzt.

Danach geht es durch wunderschöne Landschaft nach Schrobenhausen. Das ist zu meiner Überraschung eine richtige kleine Stadt, bekannt für den besten Spargel in Bayern. Unser Hotel liegt außerhalb, urig, bayerisch, und zu meiner Freude gibt es problemlos W-LAN. Heute Abend wird auf der Terrasse gegrillt, wir haben schon zwei Plätze reservieren lassen.

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2017-06-11Tag 2

11. Juni 2017 Langenmosen/Neuburg

Wir haben ein stabiles Hoch über Oberbayern, und passend zum ungetrübten Himmel haben wir auch eine ungetrübte Laune. Die Landschaft ist bezaubernd, sanft hügelig wechseln sich Felder und Wälder ab. Alle Leute, die wir treffen und denen wir von unserem Projekt erzählen, sind interessiert bis begeistert. In Jetzenhausen sprach ich gestern noch mit einer Frau, die einsam und alleine hinter einem verwildertem Biergarten ihre eigenen Erdbeeren verkaufte, lange und ausführlich. Sie wollte alles ganz genau wissen und vor allem interessierte sie die Frage, was denn unsere Männer dazu sagen, wenn wir so lange von Zuhause weg sind. Meine Antwort, dass wir keine hätten, jedenfalls keine, die berechtigt seien, Forderungen an uns zu stellen, quittierte sie mit einem kurzen Satz in bayerischer Färbung, der aus aus tiefem Herzen kam: Das tät mir auch gefallen.

Heute sind wir auf dem Weg nach Neuburg, wo ich heute Abend zum 1. Mal lesen will. Ich bin gespannt, ob die herausgeschickten Pressemitteilungen und die Werbung am Auto wenigstens ein paar ZuhörerInnen herbeigelockt haben. Von jetzt ab lese ich jeden Abend um 20 Uhr stur 20 Seiten DIE BREITE DER ZEIT von vorne bis hinten. Und danach mache ich mit EMILIA SCHLIEßT EINE TÜR weiter. Das werde ich hoffentlich nicht zu Ende bringen, weil wir vorher schon in Lübeck angekommen sind. Aber wer weiß.

Weil wir einen markanten Treffpunkt brauchen, an dem ich Heide auflesen kann, bieten sich die Kirchen mit und ohne Maibaum an. Wenn wir damit fortfahren, reichern sich meine Erfahrungen mit bayerischen Friedhöfen und Kirchen enorm an. Gestern und heute habe ich ein Bänkchen im Schatten gefunden und heute in Langenmosen sogar ein ordentliches Klo. Die Kirche ist für einen Ort mit knapp 1500 Einwohnern beeindruckend.

Heide ist heute Teile der Schloss-Route, der Spargel- und der Gemüse-Route gelaufen. Den Rest nach Neuburg sind wir gefahren, wo wir in der Blauen Traube abgestiegen sind. Heute Abend nach der Lesung machen wir eine Kissenschlacht.

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2017-06-12Tag 3

12. Juni 2017 Eichstätt

Es kommt uns vor, als seien wir schon wochenlang unterwegs, dabei ist heute erst unser 3. Tag. Wir bekommen Routine mit der Unordnung im Auto. Wenn sich Heides Perlenkette (sorgfältig vor dem Laufen verstaut und dann vergessen) endlich in einem Schuh findet, kann man doch nur noch lachen. Wir üben uns darin, gleich zu lachen, wenn etwas nicht auffindbar ist. Diese Art des Reisens – Laufen, Fahren, Schreiben – erfordert ziemlich viel Organisation und gleichzeitig Spontaneität. In unserem sehr urigen Altstadthotel in Neuburg gab es kein Frühstück. Wir beschlossen, im Wald ein Frühstücks-Picknick zu machen und kochten im Zimmer eine große Kanne heißes Wasser (allerlei Küchenutensilien sind immer dabei). Aber als wir das Auto bepackten, drohten die Gewitterwolken vom Vortag nun doch damit, es endlich ernst zu machen. Noch gerade rechtzeitig flüchteten wir in ein Café und hatten ein üppiges Frühstück.

In die Kanne mit heißem Wasser schnippelte ich nachher Brennesselblätter, die am Wegesrand wuchsen, was einen sehr schmackhaften (und gesunden!) Tee ergab. Heute sind wir nämlich beide gelaufen. Ab Sechenfahrtmühle den ostbayerischen Jakobsweg nach Eichstätt, Heide die ganze Strecke, ich 2 km bergauf und wieder zurück bergab zu meinem Auto. In Moritzbrunn, das gar kein Ort sondern nur ein Gutshaus war, lüftete ich unter einem Baum das aufgeheizte Auto aus und erntete den Unwillen der vorbeifahrenden Gutsherrin: Privat! Was nicht unbedingt ersichtlich war.

Das muss für heute reichen. Wenn ich statt zu schreiben auch laufe, wird die Zeit knapp. Heide fragt, ob ich auch berichtet habe, dass sie sich heute im tiefsten Wald zum ersten Mal verlaufen hat. Was ich dann hiermit tue.

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2017-06-13TAG 4

13.Juni 2017 Kipfenberg

Wennn man sich mit der Reisegeschwindigkeit von Postkutschen durch die Landschaft bewegt, sieht man erst, wie schön Deutschland ist. Die B 13 schlängelt sich in Serpentinen an steilen Felswänden entlang, ich fühle mich nach Italien versetzt. Die Hoch-Jura-Straße gewährt atemberaubende Ausblicke über das Land.. Weil ich die Entfernung, die Heide läuft, mit dem Auto in 20 Min. zurücklege, mache ich immer wieder Umwege, fahre nicht die schnellste sondern die langsamste Strecke. Über winzige Straßen, auf denen mir kein Auto begegnet, vorbei an einsamen Gehöften und wie heute an ländlichen Betrieben, die das Material aus den zahlreichen Steinbrüchen verarbeiten. Landschaft pur: keine Häuser, keine Autos, keine Menschen, nicht einmal Kühe.

 

Diese Altmühltal, das von den Eiszeiten tief in den Fels gegraben wurde, ist ein fast 3000 Quadratkilometer großer Naturpark. Der Altmühl-Panorama-Weg, auf dem Heide heute läuft, windet sich parallel zu den Mäandern des Flusses von Rothenburg ob der Tauber bis Kehlheim an der Donau – ja, wer da mitfahren, wandern oder schwimmen könnte!

Aber erst Kipfenberg! Ein kleines Juwel! Nach dem ersten Eindruck besteht der Ortskern nur aus bemalten, blumengeschmückten Gasthäusern und schattigen Biergärten. Das der Ort auch noch Bayerns geographische Mitte ist, passt da gut ins Bild. Vor 2000 Jahren führte der römische Limes über den Marktplatz von Kipfenberg.

Fazit: Ein wunderschöner Teil Deutschlands, den ich nie gefunden hätte, wenn ich nicht eine Freundin hätte, die jeden Tag laufen muss.

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2017-06-14Tag 5

14. Juni 2017 Beilngries

Dieses Altmühltal hat es mir angetan. Wie immer an schönen Orten, an denen ich nur kurz bin, mache ich mir Notizen in meinem mentalen Archiv mit der Überschrift: Wiederkommen! Das beruhigt fürs Erste, auch wenn ich weiß, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht wiederkommen werde – wie an die Ufer des Flusses Li in China, den ich vor Jahren bereiste, der immer wieder Aussichten bot, bei denen mir fast das Herz still stand. Da hat das Altmühltal bessere Chancen, dass ich wiederkomme. Die barocke Bischofsstadt Eichstätt mit ihrem italienischen Flair und den vielen Museen möchte ich noch einmal besuchen und Solnhofen würde ich gerne sehen, wo sie die berühmten Solnhofener Platten aus dem Fels schlagen, die in meinem Elternhaus in der Diele verlegt waren. Und vielleicht in einer kühleren Jahreszeit auf dem Altmühl-Panoramaweg ein kleines Stück wandern (3-4 km, das entspräche meiner Walking-Strecke zu Hause), um die Naturschönheiten in aller Ruhe zu genießen: Diese schroffen Felsenriffe an sanften Flusstälern, sonnenüberflutete Wachholderheiden und natürlich das trägste Fließgewässer Deutschlands: die Altmühl, funkelnd im Sonnenlicht. Schon die Kelten vor 3000 Jahren wussten offenbar landschaftliche Schönheit zu schätzen und siedelten im Altmühltal, ihnen folgten die Römer. Davon zeugen noch heute Wallanlagen, rekonstruierte Kastelle und, wie die Wirtin in Eichstätt erzählt, spektakuläre Schatzfunde. In dem bezaubernden Kipfenberg haben wir zu Füßen der Burg Kipfenberg logiert. Einst eine Raubritterburg, heute von modernen, kapitalistischen Räubern vor dem Verfall gerettet und als Sommerresidenz bewohnt. Ich wäre gerne hinaufgefahren. Aber das kostet Zeit, und die haben wir nicht, denn der Weg bis Lübeck ist noch weit.

Während Heide noch bis Beilngries läuft, mache ich Station am Pfraundorfer See im Café Kratzmühle, genieße den Ausblick, trinke Tee auf der Terrasse und schreibe.

Mit Beilngries komme ich wieder in ein Städtchen, von dem ich vorher noch nie gehört habe. Aber was für ein Ort! Bei dem herrlichen Wetter mutet es mit seinen mittelalterlichen Türmen und barocken Bauten wie eine südländische Stadt an. Hoch über Beilngries die fürstbischofliche Residenz Schloss Hirschberg. Die Sulz und die Altmühl fließen hier im Süden zusammen, im Norden begrenzt der Main-Donau-Kanal Beilngries, und überall sprudeln Quellen, mit deren Wasser das Bier gebraut wird. Eine Stadt braucht Wasser, um ein lebendiger Ort zu sein, an dem ich leben möchte. Hier gibt es genug davon, hier möchte ich bleiben, solange dieser italienische Sommer währt.

 

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2017-06-15Tag 6

15. Juni 2017 Parseberg

Zuerst noch zwei Impressionen aus dem bezaubernden Beilngries, wo wir auch mit dem Goldenen Hahn als Herberge eine sehr gute Wahl getroffen hatten.

Beilngries ist gewissermaßen eine poetische Stadt. Wo sonst gibt es so etwas wie den Seelennonnenturm, in dem die Totenfrau residierte und bestimmen konnte, wie viele Dienstleute „ihrem“ Turm bewohnten (oder ihr beiwohnten, der Prospekt ist da etwas undeutlich in der Diktion), besoldet wurde sie nämlich nicht.

 

Unser heutiges Ziel ist Parsberg.

Wir logieren in einem der Hirschen Hotels, und ein freundlicher Geist hat für ein kostenloses Upgrade gesorgt. Wir haben eine Suite mit Balkon und einem Kaminofen und allerlei Verwöhnutensilien wie zwei elegante Bademäntel, mit denen wir das hauseigene Schwimmbad aufsuchen können. Überhaupt: alles sehr elegant.

 

Parsberg ist die viertgrößte Stadt im oberpfälzer Landkreis und mit 40 Tausend Einwohnern unsere bisher größte Stadt.Es gibt ein Flüsschen mit dem unheilvoll klingenden Namen „Schwarze Laber“. Auf einem Felsplateau über dem Tal der schwarzen Laber thront Burg Parsberg. Seit Jahrhunderten wacht das imposante Bauwerk mit dem romanischen Bergfried und den Renaissancetürmen über der Stadt. Heute ist darin ein Veranstaltungszentrum untergebracht. Parsberg soll sogar ein Nachtleben haben, entnehme ich dem Stadtprospekt, ansonsten ist es berühmt für seine bunten Volksfeste.

 

Damit liegt nun das wunderschöne Altmühltal hinter uns. Wir sind gespannt, was uns jetzt erwartet, Kurs Fichtelgebirge.

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2017-06-16Tag 7

16. Juni 2017 Neumarkt in der Oberpfalz

Wir hatten eine gute Nacht in unserem Luxus-Appartement, nachdem wir abends noch lange auf unserem Balkon den kühlen Abendhauch genossen haben. Der Designer unserer Jagd-Suite im Hotel Hirschenhof muss ein sehr konsequenter Mensch gewesen sein. Er hat keine Möglichkeit Hirschgeweihe ins Bild zu setzen, ausgelassen. Alle Lampenfüße sind Geweihe (aus Metall, Zinn vielleicht), alle Garderobenhaken, allerlei Zierrat, der herumsteht, feiert das Jagdhandwerk und das skurrilste Exemplar der Jagd-Lust am Design ist ein Schuhlöffel, dessen Kopf ich hiermit – auf meiner Bettdecke drapiert – präsentiere.

Mit unserem obligaten Abschiedsfoto vor dem Hotel nach einem opulenten Frühstücksbüfett setzten wir unsere Reise fort.

Nach einer schönen Fahrt in dieser dünnbesiedelten Gegend Deutschlands mit weiten Ausblicken über die Landschaft habe ich Heide in Velburg aufgelesen. Sie musste heute über kleine Landstraßen (glücklicherweise wenig befahren) laufen, da es keine Wanderwege gibt. Die etwas größeren Straßen heißen hier in Bayern Staatsstraßen, abgekürzt ST., was ND. bedeutet, so heißt eine andere Sorte von Straßen, haben wir noch nicht herausgefunden. Ein bisschen fühlt es sich wie Ausland an. Zu dem Eindruck trägt für mich als Norddeutsche auch das anhaltend warme Wetter bei. Velburg hat ein beeindruckendes Rathaus. Leider steht ein Bagger davor – das ist die ernüchternde Realität.

 

Man könnte wirklich glauben, hier in der Oberpfalz sei die Welt noch in Ordnung. Der Wald sieht gesund aus, die Straßen sind so glatt und makellos, als seien sie gerade fertiggestellt worden, und nahezu jedes Dörfchen scheint mit buntgetünchten Fassaden einem Bilderbuch entstiegen zu sein.

Bisher halten wir uns an unsere geplante Route – mit kleinen Abweichungen, wenn wir in einem Ort kein Quartier finden. Dann nehmen wir eben den nächsten. Nachdem der Donau-Kurier unsere Pressemitteilung fast ungekürzt veröffentlicht hatte, hat uns vorgestern eine Reporterin des Neumarkter Tagblatt ausgiebig interviewt. Der Artikel soll Montag erscheinen. Aber auf unsere Anwesenheit in Neumarkt ist in den Veranstaltungsrubriken aller Zeitungsausgaben der Umgebung hingewiesen, das hat Heide gerade in der Redaktion des Tagblatts in Erfahrung gebracht. Da können wir mit ein paar mehr ZuhörerInnen als bisher rechnen. Da freut es mich, dass gerade die Liebesgeschichte der jungen Henriette aus dem 2. Kapitel „dran“ ist.

 

 

 

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2017-06-17Tag 8

17. Juni 2017 Ursensollen

Ein kühler Tag. Heide freut sich, sie hat’s zum Laufen lieber kühl, ich dagegen fühle mich in meinen Italien-Gefühlen gestört. Sie läuft heute auf dem SM-Radweg, benannt nach Seyfried Schweppermann (ca. 1257-1337), einem Feldherrn König Ludwigs des Bayern.

Ich fahre auf namenlosen Straßen, die sich der mäandernden Lauterach anschmiegen. Unberührte, menschenleere Natur! (Die Oberpfalz ist der statistisch dünnbesiedelste Teil Deutschlands.) Besonders reizvoll die vielen blühenden Holunderhecken in den Auen.

Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal so versteckte Dörfer  wie Utzenhofen  und Thürsnacht besuchen werde. Aber die Entdeckung des Tages ist Kastl. Kastl im Lauterachtal. Ein staatlich anerkannter Erholungsort, aber außer Bikern und Wanderern scheint sich niemand hierher zu verirren.

Das Doppelzimmer im Schwarzen Bären kostet 62 €, und der Oberpfälzer Lammbraten mit Kartoffelknödel für 9,80 € ist dazu angetan aus mir Möchtegern-Vegetarierin noch eine passionierte Fleischesserin zu machen. An der Wand hängen eingerahmt die Sieger im Schafskopf, die ein sehr seltenes Blatt auf der Hand hatten. Hat bestimmt einen einprägsamen

Namen, aber ich kenne ihn nicht.

Also dieses Kastl würde ich jedem empfehlen, der wandern, klettern oder Rad fahren möchte, ohne von Autos belästigt zu werden, der die wunderbare Natur mit Felsenhöhlen und seltenen Pflanzen zu schätzen weiß. Auf dem kleinen zentralen Platz steht ein hübsches Rathaus (so viele hübsche Häuser wie hier in der Oberpfalz habe ich noch nie gesehen).

Auf dem Weg zu meinem Auto (Park-Plätze jede Menge) für die Weiterfahrt nach Ursensollen begegnet mir noch ein Krug auf Beinen. Mir will partout nicht einfallen, in welcher Geschichte der die Hauptrolle spielt. Weiß das jemand?

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2017-06-18Tag 9

18. Juni 2017 Hirschau

Falls es wen verwirrt. Ich schreibe zum Datum immer den Ort, an dem wir an diesem Tag übernachten. Der Text handelt dann meistens vom Vortag, also heute von Ursensollen. Von diesem Ort haben wir gar nichts gesehen, weil wir eine Ortschaft weiter in Oberleinsiedl ein Quartier gefunden haben. Das Hotel Garni, das von der netten Familie Kleindienst geführt wird und sich als vortreffliche Wahl herausstellt. In Ursensollen würden wir nichts versäumen, sagt Herr Kleindienst, und fährt uns mit seinem Elektro-Auto, das wie eine Nähmaschine surrt, nach Amberg auf den Klosterberg (Franziskaner). Dort steht die zweitgrößte Wallfahrtskirche Bayerns, Maria Hilf, (die größte ist Altötting), eine imposante Anlage, die darauf vorbereitet ist, zu Festen (Berg-Fest nächstes Wochenende) bis zu 18 000 Menschen aufzunehmen. Die barocke Kirche, von innen mit großer Pracht ausgestattet, von außen mit einer beeindruckender Fassade, ist nur über eine dreiseitige Treppenanlage mit 23 Stufen erreichen.

Im angrenzenden Café für Besucher, die leibliche Genüsse religiösen Exerzitien vorziehen, genießen wir auf der Terrasse eine Sachertorte vom Feinsten. Dabei geht der Blick weit über das Land, zu Füßen Amberg, in der Ferne bei ungetrübter Sicht der Bayerische Wald. Abends warten wir vergebens auf ZuhörerInnen, zu abgelegen ist unsere Herberge. Nur die interessierte Wirtin kauft ein Buch. Dass das Vorlesen ausfällt, ist mir ganz lieb. Ich bin ziemlich müde und freue mich auf eine gute Matratze. Die letzten Nächte auf arg strapazierten Federkernmatratzen waren nicht nach meinem Geschmack.

Die Fahrt nach Ursensollen-Oberleinsiedl auf verwunschenen Nebensträßchen war so voller Naturschönheiten, dass ich immer wieder anhielt um zu fotografieren. Aber mein iPad ist trotz seiner guten Optik nicht in der Lage, das Ausmaß an Schönheit einzufangen – oder ich bin eine lausige Fotografin. Ich versuch’s aber trotzdem mal.

Heide sagt, die Laufstrecke auf einer stillgelegten Bahntrasse sei ab Kastl die schönste ihres Lebens gewesen. Ich hoffe, sie findet noch Zeit, ihr Erlebnis zu beschreiben. Ich sitze jetzt, während ich dies schreibe, in einem Café am Monte Kaolino, nahe Hirschau, und warte auf das Eintreffen von Heide, die auf einem Radweg läuft, der direkt nach Weiden, unserem übernächsten Ziel, führt. Der Monte Kaolino ist 120 m hoch, besteht aus 35 Millionen Tonnen Quarzsand und ist ein Abfallprodukt bei der Kaolingewinnung im Raum Hirschau. Seit 2007 ist hier ein gigantischer Freizeitpark entstanden. Ich zähle mal auf, was es hier alles gibt (die Liste ist unvollständig):

Badelandschaft, Sand-Ski-Strecke, Hochseilgarten, Inlinerstrecke, Sommerrodelbahn, Adventure-Golf, Geo-Park, Farbenwald (zur Meditation), Erlebnis- und Abenteuerspielplatz u.s.w.

Die Betreiber haben nichts ausgelassen, womit man eventuell Geld verdienen könnte. Die Preise für all die Attraktionen sind saftig.

Die Oberpfalz ist nicht nur bezaubernd anzuschauen, sondern auch geologisch sehr interessant. Ich bedaure, dass ich so ungeschulte Augen habe und eine „typische Jura-Landschaft“ nicht erkennen kann. Überhaupt: Zeit, Zeit, Zeit – ist das, was uns am dringendsten fehlt. Es gäbe so vieles, das zu erkunden, das zu erzählen sich lohnte, aber unsere Tage sind von furchterregender Kürze – einerseits, andererseits sind sie so voll von Eindrücken, dass wir das Gefühl haben, schon wochenlang unterwegs zu sein. Aber die Laune ist prächtig.

 

 

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2017-06-18und noch ein Schmankerl:

HEIDE MEINT …

Gestern lief ich auf einem Teil des Schweppermann-Radweges, der auch in das Bayern-Radlnetz integriert ist. Der Abschnitt Kastl-Amberg hat mich so begeistert, dass ich drauf und dran war, ihn nicht nur hin, sondern auch zurück zu laufen. Das wiederum hätte bedeutet, dass ich ihn aus reiselogistischen Gründen dreimal hätte genießen können. Ja, eigentlich hätte ich in Kastl bleiben wollen. Hätte, hätte, hätte….. Wie viele Orte und Landschaften bieten sich da an!

Heute – auf der Strecke von Amberg nach Hirschau – bin ich im Wald gescheitert! Das Überangebot an Radlwegweisern hat mich schlichtweg kirre gemacht. Zig Radwege kreuzen sich, laufen eine Weile nebeneinander her, die Richtungspfeile erweisen sich als interpretationswürdig, ebenso die Wegbeschreibungen von Orts“kundigen“, nur die Sonne erwies sich als richtungsweisend zuverlässig. Bekanntermaßen läuft der Mensch ohne eine Richtschnur im Kreis, und so geschah es mir: Im Dörfchen Pursbruck kamen mir die Schweineställe sehr bekannt vor – ein Umweg von 10 km. Prompt stellte sich das alte Wettkampfgefühl ein: Augen zu und ab durch die Mitte. Die Mitte, das hieß nun Landstraßenlaufen in praller Sonne in Richtung Monte Kaolina, wo Brigitte wartete. Sie erbarmte sich und errettete mich vor dem Verenden auf einer oberpfälzischen Landstraße.

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2017-06-19Tag 10

19. Juni 2017 Weiden

Das schöne Sommerwetter reist zuverlässig mit uns mit. Ich finde es wunderbar, Heide stöhnt, weil es zum Laufen viel zu heiß ist. Da heißt es jetzt immer, früh aufstehen, um die kühlen Morgenstunden zu nutzen. Das Schlosshotel in Hirschau war eine angenehme Bleibe. Das Essen allerdings war nicht nach unserem Geschmack. Wir bestellten zum Abschluss einen Schmarren mit Preiselbeeren und erhielten eine zähe, in Quadrate geschnittene lila Pampe, an der gelegentlich eine zermatschte Preiselbeere zu erkennen war. Wir ließen die Portion fast unberührt wieder zurückgehen. Aber wie das Leben so spielt. Hätte diese Mehlspeise unseren Appetit auf Süßes gestillt, wären wir nicht mehr zur Eisdiele gegangen, und wären wir nicht zur Eisdiele gegangen, hätte ich nicht – angelockt von üppigen Blumenkästen vor den Fenstern – einen Blick in das Innere von Högers Restaurant getan, hätte nicht den „Sommergarten“ im Hof entdeckt und hätten wir schlussendlich nicht Stefan Höger kennengelernt.

Manchen Hamburgern ist der Name Stefan Höger wahrscheinlich bekannt, er hat dort viele Jahre die Galerie im Atrium geleitet. Jetzt ist er in seine Heimat zurückgekehrt und führt in Hirschau, einem ziemlich verschlafenen Nest, nicht nur ein ambitioniertes Restaurant, sondern auch ein Hotel, dessen beeindruckende Zimmer von ihm selbst designed sind. Er ist mein Geheimtipp für die Oberpfalz. Wir kamen schnell in ein interessantes Gespräch über Kunst, und er lud uns für heute Morgen zum Frühstück ein. So begann unser Tag heute mit einem liebevoll gedeckten Tisch in Stefan Högers Blumengarten im Hof. Zusammen mit unseren intensiven Gesprächen war das ein sehr inspirierender Tagesbeginn.

Der Abschied von Hirschau fiel nicht schwer. Die Stadt wirkte auch am Montagmorgen nicht lebendiger als Sonntagabend, als die Hauptstraße so gut wie menschenleer war. Aber Hirschau wäre sicherlich ein guter Ort für ein Standquartier, um die herrliche Umgebung kennenzulernen.

Wir machten auf unserem Weg nach Weiden Station in Schnaittenbach, wo Stefan Höger uns die Besichtigung eines durch das Fernsehen bekannt gewordenen Kräutergartens empfohlen hatte. Das war nun wirklich eine versteckte Idylle der besonderen Art. Für LiebhaberInnen von Pflanzen und Kräutern eine Fundgrube und überall, hinter Hecken, zwischen mit Bux gefassten Beeten und unter herabhängenden Zweigen, kleine Nischen mit Sitzmöbeln zum Verweilen. Dazu unter der heißen Mittagssonne über den verwinkelten, sich zu einem Bächlein hinunterwindenden Garten Schwaden von Kräuterdüften, bekannte wie Thymian, Salbei und Minze und unbekannte, deren Namen man sofort wissen möchte.

Für das wenig anregende Hirschau, in dem abends auch niemand etwas vorgelesen haben wollte, entschädigt uns heute Weiden, eine kreisfreie, kleine Stadt mit vielen Geschäften, Restaurants und quirligen Leben in der hübschen Altstadt. Wir haben ein gutes Hotel am unteren Stadttor, was gar nicht selbstverständlich ist, denn die Buchungen über das Internet immer ein paar Tage im Voraus lassen Raum für jede Sorte von Überraschungen, unangenehme wie angenehme.

 

 

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2017-06-20Tag 11

20. Juni 2017 Kemnath

Nie habe ich so für den Augenblick gelebt wie auf dieser Reise. Täglich ein neuer Ort, täglich ein neues Hotel, ein anderes Bett. Koffer auspacken bei der Ankunft, alle Siebensachen wieder zusammensuchen bei der Abfahrt. Manchmal haben wir Glück, und das Auto steht nahe beim Hotel, aber oft steht es im ein paar Minuten entfernten Parkhaus, und man kann nicht mal eben die vergessenen Schuhe oder Bücher holen. Inzwischen haben wir nämlich nicht nur Koffer, sondern jede Menge Plastiktüten. Begonnen hat die Plastiktüten-Wirtschaft mit unseren Kopfkissen, wir haben nämlich unsere eigenen (orthopädischen) Kopfkissen dabei, was sich übrigens angesichts der sehr divergierenden Auffassung der Hotelleitungen davon, was ein Kopfkissen ist, sehr bewährt hat. Ich habe die Kissen in Lübeck in Gelbe Säcke gesteckt, aber das Material ist zu leicht, um das dauernde Hin und Her zu überstehen, die Löcher werden immer größer. Wir brauchen Ersatz, aber in Bayern sind Gelbe Säcke unbekannt. Wir brauchen also neue Plastiktüten, aber in der Altstadt von Weiden, in der unser Hotel liegt, finden sich nur Restaurants, Cafés und Schickimicki-Läden. Auch wieder nix mit „mal eben“. Das sind so unsere täglichen Organisationsprobleme.

Aber Weiden ist eine sehr interessante Stadt. Nicht nur  von der geschlossenen Altstadt mit Renaissance-Giebelhäusern, alle farbig getüncht, bin ich entzückt (daran gewöhnt man sich schnell in der Oberpfalz), sondern ganz besonders auch auch von den schönen Jugendstilfassaden gleich vor den Toren Weidens.

 

Ein großer Name der Porzellanherstellung (man erinnere sich bitte an den Monte Kaolino) kommt aus Weiden: Seltmann. Und dann ist Max Reger hier geboren und aufgewachsen, wovon es viele Zeugnisse in der Stadt gibt. Gestern Abend „summte“ Weiden buchstäblich! Wie im tiefsten Süden war in den Straßenlokalen der Altstadt kein Platz mehr frei. Erst allmählich wurde uns klar, dass, gefühlt, die Hälfte der Menschen Amerikanisch sprach. Zur Erklärung dieses Phänomens schiebe ich einen Bericht aus dem O(berpfalz)Netzt ein:

„Weiden ist sehr beliebt bei unseren Leuten“, weiß Susanne Bartsch, Pressesprecherin der US-Army in Grafenwöhr. Derzeit leben im Stadtgebiet rund 100 Familien der US-Army (mit durchschnittlich je vier Familienmitgliedern). Unter anderem in Doppel- und Reihenhäusern in den Krummen Äckern und in der Mooslohstraße (die preisgekrönten „sixpack“-Häuser).  
Arbeiten in „Little-America“ in Grafenwöhr, Leben mitten in „Bavaria“ in Weiden: Das entspricht dem Zeitgeist der Army-Angehörigen. „Es geht der Trend dahin, dass Amerikaner eine weltbürgerische Haltung einnehmen“, sagt Susanne Bartsch. Zunehmend werden auch die Kinder in deutsche Schulen und Kindergärten geschickt und dazu nicht extra ins Lager gefahren: „Viele nutzen die Gelegenheit, die Kindern eine Fremdsprache lernen zu lassen.“ 

Heute ist mit 32° der heißeste Tag. In den letzten Tagen sind die Getreidefelder gelb geworden und setzen neue Akzente in die Landschaft. Unser Ziel ist heute Kemnath. Ich fahre wie immer kleine namenlose Straßen. Immer wieder führt die Straße auf eine Anhöhe und gestattet einen grandiosen Rundblick. Man kann es deutlich erkennen: Die Welt ist eine runde Scheibe.

Nachdem ich Heide aufgelesen habe, machen wir in völliger Einsamkeit (weit und breit kein Auto, kein Mensch, kein Rindvieh, kein Sendemast) ein Picknick am Waldrand. Zum ersten Mal probiere ich ein Camping-Koch-System aus, das Kochen ohne Flamme verspricht. In einer hitze-isolierten Box kommt in eine Innenschale das Kochgut, in die Außenschale ein Heatingpack, auf das Wasser gegossen wird. Bis zu 45 Min. soll sich dann eine Temperatur von annähernd 100° halten. Die Box dampfte vor sich hin, während Heide auf den Hochsitz kletterte und Faxen machte. Ihre nassen Lauf-Klamotten trockneten derweil auf der Leiter. Danach gab es Kohlrabi mit Biss und Zucker-Tomaten an Schweizer Käse in Olivenöl geschwenkt.

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2017-06-21Tag 12

An Kemnath gefiel uns am besten unser Picknick, das wir auf der Fahrt dahin hatten, das Städtchen selbst beeindruckte mich wenig, vielleicht braucht es mehr Zeit, als wir haben, um verborgene Schönheiten zu entdecken. Aber nun fällt mir doch etwas Interessantes ein. Hier gibt es ein Museum für historische Musikmaschinen, das Musikeum, das hätte ich gerne besucht.

Aber Kemnath hatte dann doch noch etwas zu bieten. Weil in unserem Gasthof zwar das Zimmer in Ordnung war, Wirtin und Gastraum aber wenig ansprechend wirkten, sagten wir das Frühstück ab und gingen gegenüber beim Bäcker-Adl frühstücken. Wer hätte voraussagen können, dass dieses Frühstück ein Griff in das Zentrum der Geschichte Kemnaths werden würde. Bäcker-Adi (das Adi kommt von Adam) ist die älteste Bäckerei Deutschlands! Seit 450 Jahren ununterbrochen in der Hand der Familie Krauß. Die Inhaberin, Veronika Kraus, führt die Bäckerei in der 19. Generation und wusste viel zu erzählen. Ich habe eine Beschreibung der Familiengeschichte seit dem Jahr 1392 in Kemnath mitgenommen, und wenn ich noch einmal wirklich Zeit auf dieser Reise haben sollte, berichte ich davon ausführlicher. Die Brötchen des Bäcker-Adl sind jedenfalls handgemacht und ohne jede Zusätze – und genauso schmeckten sie auch. Frau Krauß entpuppte sich zu meiner Freude als literaturbegeistert (was für ein Zufall!) und kaufte mir gleich zwei Bücher ab. Von ihr stammte auch der Tipp, zur nahegelegenen Burg Waldeck zu fahren,

Die Burg, deren Grundmauern aus der Zeit 1000-900 vor Christi stammen, hatte über die Jahrhunderte eine wechselvolle Geschichte. In einer Privatinitiative wurde sie mit Hilfe von Arbeitslosen in den letzten Jahren restauriert.

Vom Parkplatz ging es erst eine schattige Straße bergauf, aber dann in brennender Sonne in Serpentinen den eigentlichen Burghügel hinauf. Wieder waren wir allein auf weiter Flur. Je höher wir kamen, um so atemberaubender wurde der Ausblick. Die ganze Anlage in der sengenden Hitze erinnerte mich an Sommerreisen nach England, als ich – noch mit ganz jungen Beinen – unermüdlich auf den alten Mauern herumkraxelte. Heute suchte ich mir lieber ein schattiges Plätzchen, um die Aussicht zu genießen.

Nachdem der Tag schon am Vormittag zwei Höhepunkte aufzuweisen hatte, freuen wir uns nun auf einen Ort mit dem schönen Namen Bischofsgrün. Das ist ein heilklimatischer Kurort im Fichtelgebirge im oberfränkischen Landkreis Bayreuth, von dem ich bisher auch noch nie gehört hatte. Bischofsgrün wird gewissermaßen eingerahmt von den beiden höchsten Erhebungen Nordbayerns: dem Schneeberg (1053 m) und dem Ochsenkopf (1024 m). Wir fuhren wie immer auf Umwegen zu unserem Ziel und waren beide begeistert vom Fichtelgebirge. Im Winter ein begehrtes Ziel für Ski-Fahrer, hat es jetzt im Sommer wenig Besucher. Aber die Landschaft!

Unser Quartier für heute ist bestimmt ein kleines Paradies für Ski-Fahrer, der Idiotenhügel mit Lift beginnt gleich unter den Balkonen des Hotels.

Heute Abend erwarten mich im „Deutschen Adler“ zwei Herren, einer von der Zeitung, einer vom Touristenbüro. Ich hoffe, dass auch noch jemand da ist, der etwas vorgelesen haben will.

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2017-06-22Tag 13

22. Juni 2017 Münchberg

Bischofsgrün haben wir heute Morgen nach einem reichhaltigen Frühstück inklusive Aussicht auf  die sanften Hügel mit dem Gefühl verlassen: Wir kommen bestimmt wieder, um zu wandern, zu schreiben und mit einem Blick aus dem Fenster aufzuwachen, der das Herz öffnet.

Wir wollten uns Zeit nehmen für das schöne Fichtelgebirge, und es wurde ein langer Tag daraus. Am Ende, als wir schon müde waren und Münchberg nur noch 10 km entfernt war, gerieten wir in eine Baustelle, fuhren mehrmals im Kreise, die Frau im Navi 1 drehte durch, die im Navi 2 hielt uns für ein Fahrrad und leitete uns auf Feldwege, die im Nichts endeten. So ist es nun spät geworden und ich nenne nur die drei heutigen Highlights:

Das Oberfränkische Bauernhofmuseum in Kleinlosnitz,

die Saale-Quelle

und den Waldstein, eine grandiose Burganlage.

 

Aus dem Museum dieses Foto mit dem schönen Text  zum Thema  zu Fuß gehen.

Sehr interessant auch die Schaukästen mit den verschiedensten Mineralien der Gegend. Das Fichtelgebirge ist erdgeschichtlich sehr alt. 40 % aller Gesteinsarten der Welt kommen im Fichtelgebirge vor.

Danach machten wir einen wunderschönen Waldspaziergang zur Quelle der Saale. Zum Blaubeerpflücken im Juli sollte man unbedingt wiederkommen. Die Saalequelle ist nur ein Rinnsal, aber das Wasser schmeckt!!

 

Der absolute Höhepunkt aber war der Waldstein. Geologisch hoch interessant, wie so etwas zustandekommen. Schon am Parkplatz empfängt einen so ein Koloss.

 

Der ganze Burgberg ist aus solchen übereinandergeschobenen Riesenquadern aufgebaut. Ich habe nur vom Westturm über das Land geschaut, Heide, als Münchenerin mit dem Klettern vertrauter, war noch ein Stück weiter – siehe unten: Heide meint.

Heide meint:

Die mittelalterliche Burg Waldstein muss auf ihrem klettertechnisch durchaus anspruchsvollen Weg erst erklommen werden, damit sich vom höchsten Aussichtspunkt     (880 m N.N.) eine grandiose Landschaft vor einem ausbreitet, die einem schier den Atem raubt. Das Fichtelgebirge, eingebettet in die nordbayerischen Höhenzüge bis nach Thüringen hinein und rundum weiter und weiter – die geografischen Kenntnisse reichen einfach nicht aus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2017-06-24Tag 14

23. Juni 2017 Selbitz

Das ist nun unsere letzte Station in Bayern. Morgen überschreiten wir die Grenze nach Thüringen. Bayern ist groß, wir haben 2 Wochen gebraucht, um es zu durchqueren, Thüringen dagegen ist klein, das schaffen wir mit 5 Übernachtungen. Von Münchberg haben wir eigentlich nur Baustellen gesehen. Und ausgedehnte Industriegebiete drum herum. Wir waren froh, als wir es hinter uns lassen konnten. Ab Schauenstein lag die offene Landschaft wieder vor uns. Irgendwo (Einheimische wissen wahrscheinlich genau, wo) verläuft zwischen der Oberpfalz und Oberfranken eine unsichtbare Grenze. Die Häuser verändern sich, die Marktplätze, die Dialekte – und wahrscheinlich noch viel mehr, das sich mit Geduld entdecken ließe.

Unsere heutige Etappe endet in Selbitz, wo wir in einem Gasthof mit dem Namen „Napoleon“ nächtigen. Selbitz liegt im oberfränkischen Landkreis Hof, hat 4359 Einwohner und nennt sich Stadt. Auf Grund seiner Lage wird Selbitz auch als Tor zum Frankenwald bezeichnet. Ganz ähnlich wie Münchberg wirkt auch Selbitz auf uns reizlos, es scheint aus einer einzigen Durchgangsstraße zu bestehen, aber die Landschaft drum herum ist herrlich. Auf einem Gang durch Selbitz entdecken wir in einer kleinen Parkanlage hinter Rewe seltsame Apparaturen. Hat jemand eine Idee, wozu das Ding gut sein könnte? Auflösung gibt es morgen.

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2017-06-24Tag 15

24. Juni 2017 Ziegenrück

Unser Abschiedsbild von einer Stadt, das wir meistens morgens vor dem Hotel aufnehmen, machen wir heute in Selbitz in einer kleinen Parkanlage hinter Rewe, und es ist gleichzeitig die Auflösung für mein Rätselfoto von gestern.

Dieses merkwürdige Objekt – und es gibt noch mehr davon – ist ein „Armtrainer“. Laut Tafel fördert er Arm- und Rückenmuskulatur. Die Bügel sollen in aufrechter Haltung angehoben und heruntergedrückt werden. Weder gestern Abend, als wir das Ding entdeckten, noch heute Morgen ist außer uns jemand zu sehen. Wer sich das wohl ausgedacht hat? Die Selbitzer jedenfalls strafen diese Kreation offenbar mit Nichtachtung.

Heide meint: Sieht aus wie Rollstuhl mit Pflegerin.

Unser heutiges Ziel ist Ziegenrück, das ist die fünftkleinste Stadt Deutschlands und bekannt als „Die Perle im oberen Saaletal“. Die Stadt liegt an einem großen Saalebogen, umgeben von bewaldeten Bergen. Für Wanderer und Läufer wie Heide auch deshalb ein Paradies, weil alle Wege so gut ausgezeichnet sind. So sieht es auf der Karte aus. Aber da kommen wir gar nicht hin, weil heute  (Samstag) in und um Ziegenrück ein Trabi-Rennen stattfindet. Mindestens bis 18 Uhr ist die Stadt für privaten Verkehr gesperrt. Diese Infos bekomme ich im Rennsteig-Wandererstützpunkt in Blankenstein, wo der berühmte Wanderweg Rennsteig  beginnt bzw. anfängt. Dort gibt es nicht nur kompetente Infos, sondern auch zu essen und zu trinken und das kräftigste Internet, das ich bisher hatte. Per Telefon dirigiere ich Heide, die heute durch das Höllental läuft, hierher . Zur Erinnerung: Wir sind jetzt in Thüringen und nicht länger in Bayern. Das Höllental liegt im Frankenwald und ist der Abschnitt des Flusstales der Selbitz zwischen einem Ort namens Hölle und einem namens Blechschmidtenhammer. Es steht unter Naturschutz. Das enge Tal wird von der Selbitz durchflossen, die nach dem Ende des Höllentales die Grenze zwischen Bayern und Thüringen bildet. Vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Wiedervereinigung 1989 war die Grenze dort nicht passierbar.

 

Noch mal ein Wort zu meinen abendlichen Lesungen, die eigentlich ein entspanntes Vorlesen in kleiner Runde sind. Meistens passen alle um einen Tisch, und nach einem ausgiebigen Gespräch, in dem wir einander kennenlernen, lese ich vor. Es hat etwas von einer Familienrunde mit gemütlichem Vorlesen, das durch Fragen und Kommentare unterbrochen wird. Das macht mir großen Spaß. Der direkte Kontakt mit meinen Zuhörern ist sehr motivierend, und hinterher gibt es mehr Diskussion, als ich es je bei einer „richtigen“ Lesung erlebt habe. Sehr befriedigend. Überhaupt: Das ganze Projekt erweist sich als erfolgreicher, als wir uns das vorgestellt haben. Meistens kommt jetzt immer ein Journalist von einer der umliegenden, regionalen Zeitungen dazu (gestern war’s die Frankenpost), und nach so viel persönlichem Kontakt werden natürlich auch Bücher gekauft. Tagsüber haben wir viele interessante Begegnungen mit Leuten, die auf unser beklebtes Auto oder auf unsere Buttons reagieren.

 

 

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2017-06-25Tag 16

25. Juni 2017 Jena

Wir fahren heute Nachmittag nach Jena und bleiben dort 2 Tage. Aber noch sind wir in Ziegenrück, d. h. ich bin da, Heide ist auf dem Weg nach Jena. Was ich jetzt berichten will, ist ein Nachtrag zu gestern und ein aktueller Bericht zu Ziegenrück an der Saale. Gestern brachen wir erst um 4 Uhr von Blankenstein auf, in der Hoffnung, doch wenigstens ohne Behinderung bis Remptendorf zu kommen, dort das Schloss zu besichtigen, zu Abend zu essen, um dann später ohne Straßensperren nach Ziegenrück fahren zu können. Da hatten wir uns gründlich getäuscht. Wir kamen bis Bad Dobenstein. Von da an fuhren wir 2 Stunden im Kreis. Alle Straßen nach Ziegenrück waren gesperrt. Verwirrende Umleitungsschilder, die uns z. B. auf den Ladeplatz einer Kies-Firma schickten, raubten uns den letzten Nerv. Unsere beiden Navi-Frauen waren inzwischen wegen zu vieler Neuberechnungen ins Koma gefallen. Ich sah uns schon auf einem Feldweg im Auto übernachten.

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch (Hölderlin). Wieder einmal vor einer Straßensperrung angekommen, diesmal mit Notarztwagen und Schaulustigen, steige ich aus und mache offenbar einen derart verzweifelten Eindruck, dass sich gleich 3 Männer für mich engagieren. Jeder hat eine andere Wegbeschreibung, um doch noch heute Abend nach Ziegenrück zu gelangen: Bis Drognitz zurück und eine Fähre nehmen, über Schleiz (25 km entfernt), oder etwas näher über etliche Dörfer, deren Namen ich schon phonetisch nicht verstehe, geschweige denn, dass ich sie behalten könnte. Auf halbem Weg zum Auto, um Papier und Stift zum Aufschreiben zu holen, tippt mich jemand von hinten auf die die Schulter: „Warten Sie, bis die Ambulanz weg ist, ich bring Sie hin, es gibt noch einen anderen Weg.“

UNSER RETTER, HERR K.!

Herr K. hat ein freundliches Gesicht, ist ein bisschen rundlich und die Sorte von Mann, die manche Frauen mit „Knuddelbär“ beschreiben würden. Er bringt uns! Und wie! Bis vor die Tür des Hotels.“ Er fährt voraus, wir hinterher. Zuerst geht es noch auf einem schmalen, aber asphaltierten Sträßchen bergauf in abenteuerlichen Kurven, aber bald haben wir nur noch Schotter, Löcher, Rinnen und Verwerfungen unter den Rädern, und es geht immer weiter in die Höhe. Links tut sich eine tiefe, baumbestandene Schlucht auf, ich ahne, dass an ihrer Sohle die Saale fließt, rechts dehnt sich Landschaft pur.

DEUTSCHLAND IST SCHÖN! DEUTSCHLAND IST SCHÖN! DEUTSCHLAND IST SCHÖN!

Dann geht es in Serpentinen abwärts, und aus dem Weg wird wieder eine schmale Straße. Unser Retter will uns hier verlassen, aber als er hört, dass wir zum Hotel Fernmühle wollen, schüttelt er den Kopf und sagt: „Das finden Sie nicht, die Stadt ist auch gesperrt.“  Also steigt er wieder in sein Auto und lotst uns auch noch zum Hotel. Er muss den ganzen Weg wieder zurückfahren. Wir haben nichts, das wir ihm zum Dank schenken könnten (nächstes Mal habe ich Lübecker Marzipan im Gepäck) und umarmen ihn herzhaft. Im ersten Augenblick ist er überrascht, dann lässt er sich unsere Dankesbezeugungen gerne gefallen.

NOCH EINMAL: LIEBER HERR K., wenn Sie dies lesen, weil ich Ihnen meine Blog-Adresse doch gegeben habe, GANZ, GANZ HERZLICHEN DANK !! WIR WERDEN SIE ZUSAMMEN MIT IHREM SCHÖNEN ZIEGENRÜCK, DEM BERGRENNEN UND DER WUNDERBAREN SAALE IN BESTER ERINNERUNG BEHALTEN.

Die Fernmühle, direkt an der Saale in Ziegenrück ist ein ganz verwunschener Ort. Wir haben ein wunderschönes Zimmer mit einer Matratze, die mir nach den Anstrengungen gestern einen achtstündigen Tiefschlaf ohne Unterbrechung schenkte. Der Blick aus unserem Fenster ist märchenhaft.

Wir machen nach dem Frühstück einen Spaziergang, an der Saale entlang, in den Ort und sehen nun, was wir gestern Abend beim Abendessen nur gehört haben: Das Ziegenrücker Bergrennen. Es hörte sich an, als nähere sich ein Geschwader Kampfflieger, oder auf der Saale führe ein Raddampfer (so wie auf dem Mississippi) – der Gast am Nebentisch klärte uns auf. Es waren die Teilnehmer des Rennens, auf einer Brücke unsichtbar hinter den Bäumen. Heute Morgen habe ich vom Start ein Video gemacht, dass ich später noch bei FB reinstelle. Bei diesem Rennen geht es übrigens mal nicht um Schnelligkeit, sondern um „Gleichmäßigkeit“.

Zum Schluss noch ein Schmankerl, das wir im Städtchen im Aushang des Espero Verlags (der hier ansässig ist) gefunden haben.

 

 

 

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2017-06-27Tag 17 + 18

27. Juni 2017 Bad Kösen

Zwei Tage in Jena in einer bequemen Ferienwohnung haben uns gut getan. Die schmutzige Wäsche ist wieder gewaschen, die „Küchenbox“ sortiert. Hier (endlich mal ein reibungslos funktionierendes Internet) erreichte uns auch der schöne Artikel im Nordbayerischen Kurier vom 24./25. Juni, den Andreas Gewinner geschrieben hat. Auch mit dem Foto, das er im Licht der untergehenden Sonne knipste, sind wir sehr einverstanden.

Einen ganzen Tag haben wir Jena gewidmet. Nachdem ich letztes Jahr Weimar besucht hatte – und begeistert war – hab ich mich sehr auf Jena gefreut, aber ich fand es schwer, Zugang zu dieser Stadt zu finden. Vielleicht lag es am grauen Himmel oder am Wochentag: Montag! Schillers Gartenhaus war geschlossen, die Schillergedenkstätte auch, das ganze Jahr wegen Renovierungsarbeiten. Ein wenig entschädigte uns Schillers Garten mit dem berühmten Steintisch.

Eigentlich wollen wir heute auf dem Weg nach Bad Kösen die Rudelsburg und Saaleck besuchen. Aber alles kommt ganz anders. Schon im Aufbruch bemerkt Heide, dass ihre Geldbörse fehlt – natürlich mit allen Karten, Ausweisen u.s.w. Die telefonische Sperrung der Karten bei der Sparda-Bank in München erweist sich als harte Geduldsprobe ohne Erfolg. ( An die Sparda-Bank: Lasst Euer telefonisches Sperrprogramm mal neu programmieren, es steckt für Kunden in Not voller Hindernisse und funktionieren tut es auch nicht). Erst ein Direktanruf führt zur Sperrung. Nach hektischer Rekonstruktion des gestrigen Tages kommen wir zu dem Schluss, dass die Börse nur beim Drachenbäcker in Jena verloren gegangen sein kann. Der aber ist neu und seine Telefonnummer lässt sich nicht finden. Auch die nette Frau Schulz vom Tourismus-Büro kann keine Telefonnummer vom Drachenbäcker auftreiben, weiss aber, dass es ihn gibt und bietet an, selbst hinzulaufen. 10 Minuten später kommt der Anruf: Heides Geldbörse ist beim Bäcker gefunden worden und wird dort sicher verwahrt. Statt zwei berühmte Burgen zu besichtigen, fahren wir von unserem außerhalb gelegenen Hotel ein zweites Mal nach Jena rein, bringen Frau Schulz und dem Drachenbäcker je eine Rose und freuen uns,  dass Dienstag ist: Heute ist Schillers Gartenhaus offen.

„Abends bey Schiller“, so schieb Goethe vom  19. Mai 1797 ab für vier Wochen täglich in sein Tagebuch, da war er nämlich in Jena zu Besuch. Den Steintisch hatten wir ja schon gesehen, aber nun konnten wir auch Schillers blaue Studierstube unterm Dach besichtigen. Alles verglichen mit Goethes Gartenhaus sehr geräumig und mit hohen Decken. Die Familie Schiller verbrachte hier den Sommer, im Winter bezogen sie eine Wohnung in der Stadt. Viele schriftliche Zeugnisse, Zeichnungen von Charlotte Schiller und eine Vitrine mit den Erstausgaben von Schillers Werken.

Am meisten hat mich beeindruckt, dass der lufthungrige Schiller das freie Leben in der Natur  und die wunderschöne Aussicht nach der Saale hin und ins Leutra-Tal enthusiastisch feiert – beides kann man heute nur noch ahnen. Das Haus liegt,  eingeschlossen von Häusern, die zu Zeiten der DDR entstanden sind, mitten in der Stadt. Von Aussicht keine Spur.

Unsere neue Adresse für heute ist Bad Kösen und da das Hotel Mutiger Ritter. Der außergewöhnliche Name des Hotels verspricht auch eine außergewöhnliche Geschichte.  Erste Info: In diesem Saal treffen sich jedes Jahr einmal die 124 schlagenden Verbindungen Deutschlands (ich hätte gedacht, die gibt es gar nicht mehr).

 

 

 

 

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2017-06-28TAG 19

28. Juni 2017 Bad Bibra

Ein voller Tag, und immer haben wir nur den Geschmack einer Stadt, eines Landstrichs auf der Zunge, nie bekommen wir wirklich etwas zu beißen. Wir verlassen jeden Ort mit vielen Fragen, die unbeantwortet bleiben. So viel steht fest: Je länger wir unterwegs sind, um so deutlicher wird, dass wir beide von nichts wirklich eine Ahnung haben. Weder von Geschichte, noch von Geologie, noch von Namenskunde oder Topologie. Heute Morgen in Bad Kösen wären wir beide gerne auf einem geologischen Lehrpfad gewandert, der gleich hinter dem Mutigen Ritter durch ein Muschelkalkmeer zur Rudelsburg führt, aber wir wollten auch Uta in Naumburg besuchen und Heide braucht Zeit zum Laufen. So haben wir nur dem Käthe-Kruse-Museum einen kurzen Besuch abgestattet.

Käthe Kruse lebte und arbeitete von 1912 bis 1950 in Bad Kösen. Eine erstaunliche Frau mit Unternehmergeist. Wer weiß schon, dass sie in den letzten Jahren auch Schaufensterpuppen herstellte.

In unserem Hotel Mutiger Ritter, das aus einem denkmalgeschützten Gebäudeensemble besteht, ist auch die heutige Manufaktur von Plüschtieren untergebracht.

Auf dem Bilderfries hinter uns ist dokumentiert, wer alles schon hier war: Fontane, Mommsen, Hufeland, Liszt. Im Mutigen Ritter ist es nie ganz still, das Rauschen der Saale am Wehr unterliegt wie ein Orgelton allem Leben in dem schlossartigen Gebäude.

Und dann Naumburg! Über den Dom schreibe ich nichts, darüber ist genug geschrieben worden, und jeder kann es nachlesen. Nur so viel: ein Erlebnis. Der Krieg hat ihn verschont wie auch die Stadt, in der wenig zerstört wurde. An der Treppe zum Ost-Chor entdecke auf dem Geländer hinreißende kleine Plastiken. Aus dem Reiseführer erfahre ich dann, dass sie „Der schmale Weg ins Paradies“ heißen (was mir gefällt) und von einem zeitgenössischen Künstler in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts stammen (was mich enttäuscht).

Das äußerst sehenswerte Naumburg hat nicht nur einen großen, wunderschönen Marktplatz, sondern auch zwei Stadtteile: Das Domviertel und das Wenzel-Viertel. Die Wenzelkirche wurde im Krieg beschädigt, aber wieder aufgebaut, und die Silbermann-Orgel, die nach ihrer Fertigstellung von Bach persönlich abgenommen wurde, erstrahlt im vollen Glanz. Ich hatte das große Glück, gerade richtig zu einem kleinen Konzert zu kommen.

Nachdem ich Heide aufgelesen hatte, erreichten wir am frühen Abend  Bad Bibra, wo wir außerhalb der kleinen Stadt in einem Waldhotel wohnen. Direkt daneben liegt ein Schwimmbad. Vielleicht kann ich Heide überreden, morgen statt zu laufen mal zu schwimmen. Das würde unsere Tagesorganisation sehr vereinfachen.

 

 

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2017-06-29TAG 20

29. Juni 2017 Querfurt

Fast war ich versucht zu schreiben: Blog fällt heute aus wegen Dauerregen. Es ist übrigens der erste Regentag auf unserer Tour. Die imposante Burg Querfurt (eine der ältesten, größten und besterhaltenen Burgen Deutschlands und 7 mal größer als die Wartburg) bleibt unbesichtigt.

Wir haben uns heute Morgen noch lange in unserem Waldhotel am Schwimmbad in Bad Bibra aufgehalten, wo die Atmosphäre so herzlich und familiär ist, sodass man am liebsten gar nicht wieder weg möchte. Gestern hatten wir dort überraschend einen warmen Sommerabend und wurden spontan zur Geburtstagsfeier des Wirts nach draußen an die große Tafel eingeladen. Drum herum die Wälder und nebenan ein luxuriöses Schwimmbad. Ein schönes Plätzchen.

Kurze Fahrt nach Querfurt. Diese Stadt in Sachsen-Anhalt ist nicht nur ein hübsches, fast idyllisches Städtchen mit einer bemerkenswerten Burg, sondern hier hat auch bei der Landtagswahl jeder dritte Wähler für die AfD gestimmt (schlimmer war es nur in Bitterfeld). Wenn man hier durch die friedlichen Gassen geht, selbst eine Fremde, der keine irgendwie fremdländisch wirkenden Menschen begegnen, fragt man sich warum.

Aber wo immer wir näher mit Menschen in Kontakt kommen – in Thüringen, in Sachsen-Anhalt – treffen wir auf freundliche und hilfsbereite Menschen, die unser Projekt spannend und anregend finden. Wenn ich wieder einmal einen Blog dieser Art schreiben will, werde ich mich von vornherein spezialisieren: Nur Begegnungen mit Menschen (sehr inspirierend, manchmal rührend), nur Hotels und wie man begrüßt wird (unglaubliche Bandbreite zu ähnlichem Preis ), nur Sehenswürdigkeiten (frustrierende Bildungslücken), nur Landschaften (da muss man poetisch werden, unter Zeitdruck schwierig) … die Liste lässt sich fortsetzen.

Und dann fahre ich durch Orte, deren Namen so poetisch sind, dass ich auf der Stelle anhalte, um eine Geschichte zu finden, die nur hier und sonst nirgendwo sich ereignet haben kann: Laucha an der Unstrut.

 

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2017-06-30Tag 21

30. Juni 2017 Eisleben

Heide ist heute den Himmelsscheibenradweg von Querfurt bis Aseleben am Süßen See gelaufen. Der Himmelsscheibenradweg verbindet den Fundort der Himmelsscheibe von Nebra mit ihrem Aufbewahrungsort, dem Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Die Scheibe wurde 1999 auf dem Mittelberg bei Nebra von Raubgräbern gefunden, und sie gelangte erst nach einem wahren Krimi von mehreren Jahren ins Landesmuseum.

Die Himmelsscheibe von Nebra ist eine kreisförmige Bronzeplatte so groß wie ein Suppenteller mit Applikationen aus Gold und stellt offenbar astronomische Phänomene und religiöse Symbole dar, ihr Alter wird auf 3700 bis 4100 Jahre geschätzt. Sie gilt als einer der wichtigsten archäologischen Funde aus der Bronzezeit sowie als die zweitälteste bewegliche Himmelsdarstellung.

Ich wundere mich immer über die vielen Zufälligkeiten, die natürlich keine sind, weil es das Fällige ist, das uns zufällt (Max Frisch), aber ein bisschen Staunen ist schon erlaubt. Weil wir hier kreuz und quer durchs Land reisen, kommen wir nahe Nebra vorbei, und ich erfahre erst jetzt von der faszinierenden Existenz der Himmelsscheibe. Die Sensationsmeldung von 1999 ist an mir vorbeigegangen.

Eigentlich mache ich täglich solche Entdeckungen: Verwunschene Plätze, an denen der genius loci hinter jedem Busch wispert; Aussichten über das Land, dass mir das Herz aufgeht und ich denke, wenn ich nun nicht hier säße und diese Pracht schaute, um wie viel ärmer wäre mein Leben; und dann Begegnung mit Menschen, wenn für ein paar Minuten eine Nähe entsteht, als würde man sich schon lange kennen. Max Frisch würde heute sicher gerne für das Prinzip Zufall eine quantenmechanische Erklärung akzeptieren: alles nichts weiter als „spukhafte Verschränkungen“ (Einstein).

Letztes Beispiel der Ort, an dem ich dies hier schreibe: Hätte ich mir je träumen lassen, dass ich mal in Aseleben am Süßen See unter sturmgepeitschten Wolken stehen und mir wünschen würde, mit der nächsten Bö über die weite Wasserfläche nach Eisleben zu fliegen (wenn ich schon nicht laufen kann wie Heide). Es gibt übrigens auch einen einen salzigen See. Als ich ihn passierte, roch es plötzlich wie an der Nordsee. Der Süße See ist größer. Er wird von einem Bach namens Böse Sieben gespeist. Wiki sagt dazu: „Der Süße See ist seit dem Trockenlegen des Salzigen Sees Ende des 19. Jahrhunderts das größte natürliche stehende Gewässer im Landkreis Mansfeld-Südharz. Anders als der Name angibt, ist das Seewasser wie bei den anderen noch bestehenden oder trockengelegten Mansfelder Seen salzig.“

Es ist für uns sehr leicht, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Unser Projekt bietet nahezu für jeden einen Anknüpfungspunkt: unsere Freundschaft seit über 45 Jahren, die Art unseres Reisens, Heides Laufen, mein Schreiben, also Sport oder Literatur  – und dann unser Alter. Für das Thema Alter interessieren sich alle, und uns beide als überzeugende Repräsentantinnen eines neuen Bilds vom Alter, akzeptieren die meisten – bis auf gelegentliche Ausnahmen. Ältere Frauen auf den Dörfern in Kittelschürzen und vorgealterten Gesichtern reagieren manchmal, als hätten wir sie angegriffen. Das können wir gut verstehen und lenken das Gespräch schnell auf unverfängliche Themen wie das Wetter und die Frage, wie man Rosen ohne den Einsatz von Chemie läusefrei halten kann. Mit unseren ZuhörernInnen bekommen unsere Gespräche nach dem Vorlesen – angeregt durch die Themen, die in der BREITE DER ZEIT eine Rolle spielen – sehr oft psychotherapeutischen Charakter. Inzwischen habe ich gelernt, mich, wenn es mir dann zu ausufernd wird, elegant zu verabschieden.

 

 

 

 

 

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2017-07-01TAG 22

1. Juli 2017 Aschersleben

Städte – auch die kleinsten unter ihnen – sind wie Menschen: Jede ist eine Persönlichkeit, die ihre ganz besondere Geschichte und ständig wechselnde Launen hat. Manche schenken alles her, was sie haben, andere halten sich vornehm zurück oder spielen Verwirrspiele. Geheimnisse haben sie alle. Wenn man als unbedarfte Touristin in eine Stadt kommt, von der man fast nichts weiß, wie ich heute Morgen nach Eisleben, ist das Fluidum einer Stadt erst einmal wichtiger als historische Fakten. Natürlich Luther, Geburts- und Sterbehaus, aber dann? Es ist ein grauer Tag, kühl und feucht, Samstag. Wir irren durch die engen Gassen, die schlecht beschildert sind, vorbei an leeren Schaufenstern und solchen, die mit ihren Auslagen unweigerlich an die DDR erinnern. Gefühlt brauchte jedes 4. Haus einen Anstrich oder eine gründliche Restauration. Die Menschen haben verschlossene Gesichter. Kein Straßenleben, keine repräsentativen Bauten, keine Farben. Mir wird langsam ganz trübsinnig zumute. War und ist Eisleben so eine arme Stadt, fragen wir uns. Wir googeln.

Eisleben gehört zum Welt-Kulturerbe und hat eine lange wechselvolle Geschichte hinter sich. Durch den Kupferschieferbergbau (die Schlackenhalden stehen wie spitze Kegel in der Landschaft) wurde die Stadt wohlhabend, lese ich. Davon kann ich nichts entdecken, wenigstens nicht in der Altstadt. Ich brauchte also einen neuen Tag, besseres Wetter und viel Zeit, um Eisleben besser kennenzulernen.

Auf nach Aschersleben. Heide läuft im Regen einen Abschnitt des Harzrundwegs, ich fahre auf der stark befahrenen 180. Erster Eindruck von Aschersleben: Vielfältig und interessant. Alte Häuser mischen sich mit neuen, kaum baufälliges Gemäuer wie in Eisleben, die Straßen breiter, mehrere Parks, Villen. Ein durch Papier und Verpackungsmaterialien reich gewordener Fabrikant mit dem einprägsamen Namen Bestehorn hat überall in der Stadt seine Spuren hinterlassen. Mehrere Parkanlagen mit Skulpturen, ein Kunstquartier und der berühmte Sohn der Stadt, Neo Rauch, hat mit 57 Jahren schon ein großes Ausstellungshaus für sich allein. Davor steht dieses Ding aus Holzpfählen, in das man hineinkriechen kann. Die Kinder, die drin sitzen sagen, es hieße einfach „Orange“.

 

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2017-07-02TAG 23

2. Juli 2017 Egeln

Schade, der Stadtpark in Aschersleben ist blockiert durch eine „LebensArt-Messe“ und damit der „Aschersleber Globus“ im Zentrum des Parks. Den hätte ich gerne gesehen, eine übermannshohe Bronzeplastik des Berliner Künstlers Oliver Störmer, die eine materialisierte Darstellung der sogenannten „Potsdamer Kartoffel“ ist. Mit dieser werden die Ungleichgewichte im Schwerefeld der Erde stark überhöht veranschaulicht. Somit handelt es sich bei dem scheinbar unförmigen Bronzeobjekt im Mittelpunkt der Parkanlage um ein nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten erschaffenes Abbild der Erde.

Kurs auf Egeln.

Der Himmel am Morgen verspricht uns mit großen weißen Wolkenschiffen und Sonnenschein mehr, als er halten kann. Gegen Mittag beginnt es wieder zu nieseln. Heide wird bestimmt nass. Weil es keine Radwege gibt, ist sie auf kleinen, verkehrsberuhigten Straßen unterwegs. Das ist schwierig, aber wir sind in Telefonkontakt. Wenn sie doch auf einer stark befahrenen Straße landen sollte, kann sie dort abbrechen und mich rufen.

Ich mache bei Schadeleben einen Abstecher an den Concordia See, der der größte künstliche See im Harzvorland in Sachsen-Anhalt ist. Der Name des Sees ist von der früheren Braunkohlegrube Concordia abgeleitet. Er ist durch die 1996 eingeleitete Flutung des größten Restloches im ehemaligen Braunkohlerevier im Salzlandkreis entstanden und sollte der Mittelpunkt der Freizeitlandschaft Harzer Seeland sein. 2009 gab es einen Erdabrutsch. 1,4 Millionen Kubikmeter Erde stürzten in den See, rissen Häuser und Menschen mit. Seitdem ist der See gesperrt und nur noch zum Angucken. Ich walke eine knappe Stunde auf dem Rundweg am See, dabei begleiten mich alle 50 Meter Schilder, die mich davor warnen, dem See zu nahe zu kommen.

 

Ich trinke in einem Café, das sich Arche Noah nennt und mit seinen Bullaugen als ein seltsames Gebilde in der leeren Landschaft liegt, eine heiße Schokolade.

 

Danach sind die verbleibenden 13 km nach Egeln schnell geschafft. Das heute nur knapp 4000 Einwohner zählende Städtchen gehörte mal zur Hanse, weil bis Mitte des 19. Jahrhunderts jeglicher Fernverkehr auf den Post- und Heerstraßen direkt durch Egeln führte. Für mich als Schleswig-Holsteinerin ist interessant, dass man annimmt, dass das fruchtbare Land schon in der Altsteinzeit von dem germanischen Stamm der Angeln besiedelt wurde und auch der Stadtname von ihnen abgeleitet ist.

 

 

 

 

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2017-07-03TAG 24

3. Juli 2017 Oschersleben

Sachsen-Anhalt, und hier jetzt besonders die Magdeburger Börde, hinterlässt schon einen besonderen, von den anderen Ländern abweichenden Eindruck. Der fruchtbare Boden ist seit tausenden von Jahren besiedelt, und viele Ortschaften mit gerade mal 3000 Einwohnern nennen sich aufgrund ihrer langen Geschichte, in der sie irgendwann einmal Stadtrechte besaßen, Stadt. Auch Egeln mit 3900 Einwohnern ist so ein Fall. Aber diese kleine Stadt hatte unsere ganze Sympathie. Egeln hat alles, was zur Infrastruktur einer Stadt zählt. So gibt es in Egeln noch alle Schulformen, ein Ärztehaus, Apotheke, Kinderbetreuung, zwei Banken, ein Bürgerbüro des Landkreises, einen Bürgerservice der Verbandsgemeinde Egelner Mulde, ein modernes Sportzentrum mit Freibad, Fußballstadion, Beachvolleyballplatz und eine Zweifeldersporthalle sowie zwei Supermärkte. Das Rathaus zeugt von vergangener Bedeutung.

Aber auch in Egeln fallen uns die vielen heruntergekommenen Häuser auf. Viele sind in einem nicht mehr bewohnbaren Zustand. Beim nächsten Foto muss man genau hinschauen, im oberen Stockwerk wohnen die Tauben, unten die Menschen. Ein Taubenhaus hatte ich mir bisher anders vorgestellt.

Das Schönste an Egeln ist die Wasserburg, die gut restauriert ein vielfältig genutzter Ort ist. Der Veranstaltungskalender ist voll: Theateraufführungen, Konzerte, Bauernmärkte zu allen Jahreszeiten, Events wie „Tafeln wie die Grafen“ und vieles mehr. Im Innenhof  wachsen viele exotische Pflanzen wie Palmen und Oleander, alles wirkt sehr gepflegt und anheimelnd. Aber leider war wieder einmal Montag, das Museum und das Restaurant waren geschlossen.

Aber nicht nur die vielen Mini-Städte fallen uns in Sachsen-Anhalt auf, sondern auch die Menschenleere in den Orten. In der Oberpfalz sah man auch wenig Menschen, aber da wohnten auch wenige, so dass ich lange über einsame Straßen gefahren bin, ohne dass auch nur ein Gehöft aufgetaucht wäre. Hier in der Börde jedoch bewegen wir uns in Orten mit vielen Häusern – aber wo sind die Menschen? Dafür gibt es Autos in Mengen und auf den zum Teil schmalen Straßen herrscht starker Verkehr. Man könnte zu dem etwas bösartigen Schluss kommen, dass hier Autos wichtiger sind als Häuser, und weil die Leute es in ihren baufälligen Häusern nicht aushalten, rasen sie mit ihren tollen neuen Autos auf den neugebauten Straßen hin und her.

Heute übernachten wir in Oschersleben an der Bode, einer „richtigen“ Stadt in der Börde mit fast 20 000 Einwohnern. Bekannt ist Oschersleben für die 1997 erbaute Motorsport Arena. Die Rennstrecke, auf der bereits viele nationale und internationale Rennen ausgetragen wurden, ist eine von fünf permanenten Rennstrecken in Deutschland. Michael Schumacher hat in unserem Hotel gewohnt. Ein Foto im Flur zeigt ihn umringt von anderen in bester Siegerlaune, nicht ahnend, was ihm noch bevorsteht.

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2017-07-04Tag 25

4. Juli 2017 Magdeburg

Unser Hotel am Jakobsberg lag außerhalb von Oschersleben und wird offenbar besonders von Rennfahrern frequentiert. Am Abend (18:30) hatten wir noch Lust auf einen Stadtbummel und ein Eis und fuhren die 4 km zurück. Parken war kein Problem, aber dann: nur gähnende Leere. Ein verlassener Marktplatz, einzige Lebewesen eine Rentnerin mit Hund, keine Eisdiele, keine Restaurants, keine Blumen, nur herabgelassene Jalousien. Als wir auf dem Weg zurück einen alten Mann fragen, wo denn wohl eine Eidiele sei, muss der lange nachdenken, bevor er sagt. „Eis? Der Asiate um die Ecke hat auch Eis.“ Oschersleben ist eine Stadt von knapp 20 000 Einwohnern. Wo sind die alle und was machen die abends?

Aber Magdeburg ist eine Entschädigung! Wenn man die Börse überwunden hat, trifft man auf eine moderne, lebendige Stadt, die zugleich großzügig und lauschig wirkt. Und dann natürlich der kolossale Dom und die Grüne Zitadelle, das Hundertwasserhaus, das man nur anschauen muss – und schon bekommt man gute Laune.

Im Erdgeschoss sind ein Theater, Ein Restaurant und eine wohlsortierte Buchhandlung untergebracht.

Als ich vor dem Dom stand und in die Höhe schaute, ereignete sich etwas Seltsames. Die schnell ziehenden Wolken schienen für einen Augenblick still zu stehen, und der Dom machte Anstalten, auf mich niederzustürzen. Es war bedrohlich. Ein Vexierbild.

Der Reiseführer beschreibt den Dom zu recht als ein Denkmal europäischen Ranges.Drei Dinge zeichnen ihn aus: Otto der Große liegt hier begraben, es ist der erste gotische Dom auf deutschem Boden und es ist der größte Sakralbau Ostdeutschlands. Durch den Dreißigjährigen Krieg und die Reformation ging die mittelalterliche Ausstattung zum größten Teil verloren, aber einige Kunstwerke haben die Zeiten doch überdauert. Mich beeindruckte vor allem eine Sandstein-Skulptur aus der Mitte des 13. Jahrhunderts: das „Herrscherpaar“. Sie haben sehr realistische modern wirkende Gesichter. Der Mann sieht aus, als habe er es faustdick hinter den Ohren.

Wir verweilten lange im Dom und haben doch lange nicht alles gesehen. Aber nach so viel steinerner Erhabenheit freute mich dann im Kreuzgang in einer Ecke eine ganz private Idylle. Vielleicht hat sich dort der Küster häuslich eingerichtet.

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2017-07-05Tag 26

5. Juli 2017 Haldensleben

Unsere geplante Luftlinie von Süd nach Nord, von München nach Lübeck, einfach gerade hoch durch das Land, bekommt immer mehr Ausbuchtungen, weil es dort, wo wir übernachten wollen, keine Unterkünfte gibt.  Statt Bleckede wird es nun am 14. 7. Lüneburg. Heide freut sich auf die Stadt, weil sie in Lüneburg studiert hat.

Heute sind wir  Haldensleben, einer Kreisstadt mit 20 000 Einwohnern. Durch Haldensleben hindurch fließt der Fluss Ohre (wer hat von dem schon mal gehört?). Haldensleben besitzt einen Binnenhafen. Wo? Direkt am Mittellandkanal. Heute bin ich bestimmt 6 Mal über eine der stählernen Brücken über den Kanal gefahren, weil ich auf der Suche nach dem Aller-Elbe-Radweg Zickzack gefahren bin. Ganz spannend, wenn man einen ausgewiesenen Radweg mit dem Auto fahren will. Ich war auf der Suche nach Heide, weil ich mir Sorgen um sie machte. Erst als sie schon losgelaufen war, stellte ich per Satellitenansichten fest, dass ihre Route über viel befahrene Straßen ohne separaten Radweg führte. Ich durchquerte Örtchen, deren Namen nicht mal auf den Radkarten verzeichnet sind, man findet sie nur im Internet: Samwegen, Jersleben, Vahldorf, Hillersleben u.s.w. Das Highlight war ein schnuckeliges Kirchlein in Jersleben. Ganz klein, aber perfekt.

Nebenbemerkung: Seit wir protestantisches Gebiet durchqueren, halten wir wegen einer hübschen Kirche nicht mehr an. Sie sind – anders als die katholischen Kirchen – immer abgeschlossen.

Ich habe Heide nicht gefunden, aber mit Hilfe des Navi dann doch unser Hotel -– wo Heide schon auf mich wartete, verschwitzt, aber glücklich. Heute Morgen sind wir von unserem Hotel Löwenhof in Magdeburg in einem großen Bogen einmal um die Stadt gefahren auf der Suche nach dem Aller-Elbe-Radweg bei Wolmirstedt, wo sie starten wollte. Das Laufen (meist auf Fahrradwegen) erfordert eine ausgefeilte und zeitaufwendige Logistik. Hier in der Börde war es besonders schwierig.

 

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2017-07-06TAG 27

6. Juli 2017 Calvörde

Parallel zum Mittellandkanal bewegen wir uns gen Norden. Heide läuft heute auf einem namenlosen Weg am Kanal, aber weiter als Calvörde geht das nicht, dann müssen wir entschieden Kurs Nord nehmen, während der Mittellandkanal Richtung Westen fließt. Die endlosen Getreidefelder und die zahllosen Windparks der Magdeburger Börde liegen hinter uns, die Landschaft wird wieder abwechslungsreicher. Viel zu schnell bin ich mit dem Auto in Calvörde, und die Ferienwohnung (heute mal kein Landgasthof) ist noch nicht verfügbar. Ich fahre auf den Marktplatz in der Hoffnung, dort irgendwo Mittag essen zu können. Kopfsteinpflaster, junge Linden im Karré, eine unauffällige Kirche, ebenso unauffällige Häuserfronten, ein geschlossener Getränkemarkt, 3 parkende Autos, eins davon ist meins.

Ich stehe also auf dem Marktplatz von Calvörde, es ist halb eins, die Sonne scheint , und es ist so still, dass ich höre, wie sich ein Lindenblatt vom Zweig löst und zur Erde segelt. Keine Stimmen, kein Motorengeräusch. Mittäglicher Stillstand. Diese Lautlosigkeit schlägt mich in ihren Bann, als wäre dies ein magischer Augenblick, den ich nicht auflösen darf. Ich bleibe stehen und bewege mich nicht, bis das Motorengeräusch eines näher kommenden Autos den Zauber löst.

Zehn Minuten später ist es klar, in Calvörde gibt es nichts zu essen. Aber ich habe 2 Empfehlungen, einmal ganz nahe einen Waldgasthof und 8 km weiter in Flechtingen. Der Waldgasthof hat Betriebsferien, und für Flechtingen warte ich auf Heide. Zusammen fahren wir nach Flechtingen, einem kleinen Luftkurort inmitten der dichten Wälder des Flechtinger Höhenzugs. Dort gibt es ein sehenswertes Wasserschloss, aber vor allem eine wunderschöne Terrasse über dem See (mit Blick auf das alte Gemäuer, das leider nicht zu besichtigen ist), auf der sehr schmackhafte Forellen serviert werden.

Die Ferienwohnung erweist sich als sehr geräumig und bequem. Ich hoffe, potentielle ZuhörerInnen lassen sich von der privaten Adresse nicht abschrecken. Die Ankündigung einer Lesung steht inzwischen zuverlässig in den Tageszeitungen, aber mehr ZuhörerInnen als um einen Tisch passen, hatte ich bisher noch nie. Da haben wir auch heute Abend Platz genug. Einsame Landgasthöfe in winzigen Dörfern sind nicht gerade gute Leseorte. In Lüneburg werden wir das mal anders machen und im ersten Haus am Platz logieren.

Heide hatte gestern in Haldensleben Besuch von ihrem Bruder. Heute Morgen machten wir unser rituelles Abschiedsfoto nach demFrühstück auf seiner BMW R 1200 RT.

 

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2017-07-07TAG 28

7. Juli 2017 Gardelegen

Heute geht es um den Drömling. Noch nie gehört? Macht nichts. Er will entdeckt werden, denn er gehört eher zu den bescheidenen Schönheiten, die nicht viel Aufsehen von sich machen. Der Drömling ist ein 340 Quadratkilometer großer und wenig besiedelter Naturpark an der Grenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Einst ein Moor wird er heute auch Land der tausend Gräben genannt  und im Sommer (füge ich hinzu) kann man ihn auch Land der Milliarden Mücken nennen. Letzteres bewog Heide heute Morgen, ihren Lauf durch den Drömling abzubrechen. Wir sind auf den Drömling gekommen, weil unsere letzte Station, das verschlafene Calvörde, direkt am Drömling liegt. Eine entzückende Birkenalle führt direkt in das Herz des Drömlings.

Der Drömling ist eine einzigartige und faszinierende Niederungslandschaft, in der alle möglichen Tiere leben, die anderswo schon ausgestorben sind – wie zum Beispiel der Biber. Interessant ist auch, dass der Drömling klimatisch eine verhältnismäßig trockene Region ist. Er bekommt im Durchschnitt im Jahr nur 600 mm Regen ab (der Durchschnittswert liegt sonst bei 750-800 mm), die Nässe kommt nicht von oben (die Region liegt im Regenschatten des Harz), sondern von unten. Das Grundwasser befindet sich hier auch in den oberen Bodenschichten, es strömt aus den umgebenden Hochlagen ein und ist damit ein wichtiges Entlastungsgebiet für den Mittellandkanal, der mitten durch den Drömling fließt. Es gibt Feuchtwiesen und Flachwasserzonen, Gräben über Gräben mit schmalen Brücken und immer wieder das Flüsschen Ohre, von dem schon die Rede war. Man kann stundenlang wandern und sich nicht sattsehen an den graziösen Pappelreihen auf den Dämmen entlang der Entwässerungsgräben, an dem schönen Wechsel von Bruchwald und Wiesen, an der in Licht und Schatten getauchten Weite, als hätte all das ein Landschaftsdesigner in Szene gesetzt. Als wir in Kämkerhorst  auf eine kleine Informationsstelle stoßen,  bedaure ich, dass ich besonders von der Tierwelt zu wenig weiß, um alles zu bemerken, was es hier zu sehen gibt.

Noch etwas Interessantes: Im  Drömling, der übrigens auch das das größte Feuchtgebiet Deutschlands ist, verläuft die Elbe-Weser-Wasserscheide. Die durch die Niederung fließende und in die Elbe mündende Ohre entwässert nach Osten, die Aller berührt den Drömling nur, aber sie entwässert in die Weser. Zum ersten Mal ist mir ganz anschaulich, was eine Wasserscheide ist.

Unser heutiges Ziel ist die Hansestadt Gardelegen. Wir wohnen außerhalb im idyllisch gelegenen Lindenthal. Aber leider funktioniert das Internet nicht. Ich bin froh, wenn es mir gelingt, diesen Beitrag über LTE hochzuladen.

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2017-07-08Tag 29

7. Juli 2017 Klötze

Unsere Übernachtung in Klötze ist der Tatsache geschuldet, dass es hier gute Laufwege gibt und dass unsere „Schritte“ nicht größer als 30 km sein sollten, sonst gibt es wahrscheinlich (ich werde das noch überprüfen) über Klötze nicht viel zu sagen. Es liegt am nördlichen Rand des Drömlings, und die Fahrt hierher, auf kleinsten Straßen mitten durch den Drömling, bot wieder wunderschöne Aussichten in die Landschaft.

In unserem Waldgasthof in Gardelegen gestern fand eine Hochzeitsfeier statt und verwandelte die sonst dort herrschende Waldesruhe bis spät in die Nacht in fröhliches Stimmengewirr mit musikalischer Untermalung. Was uns besonders (unangenehm) auffiel, dass immer mindestens die Hälfte dieser ländlichen  Hochzeitsgesellschaft draußen im Garten herumstand und rauchte, Frauen wie Männer.

Da passte es gut, dass niemand erschien, der etwas vorgelesen haben wollte. Aber die leitende Redakteurin der Altmark Zeitung besuchte uns, und wir hatten ein langes, intensives Gespräch mit ihr. Inzwischen sind wir auf die Standardfragen schon ganz gut vorbereitet und freuen uns, wenn Zeit ist, auch über die Hintergründe zu sprechen. Aber die Frage Nummer 1 ist auch die wichtigste: Warum machen Sie das? Für diejenigen, die diesen Blog nicht von Anfang an lesen, fasse ich die Antwort hier noch einmal kurz zusammen:

Wir machen „das“, weil wir unsere über 45jährige  Freundschaft mit etwas Besonderem feiern wollten und dabei unsere auseinander strebenden Interessen unter einen Hut bringen wollen – Heide will laufen, ich will schreiben; wir machen „das“, weil wir finden, dass wir gute Repräsentantinnen für ein verändertes Bild vom Alter sind (das dringend nötig ist); wir machen „das“, weil ich auf meinen Roman DIE BREITE DER ZEIT, der sich mit dem Thema Alter beschäftigt, aufmerksam machen möchte.

Vorläufiges Fazit: Es macht vor allem Spass, und wir können uns noch gar nicht vorstellen, dass in 10 Tagen alles vorbei sein soll. Wir sind inzwischen Meisterinnen im Ein-und Auspacken, im Kartenlesen, im Pfad finden (Heide) und im Wenden und Rangieren des Autos (ich).

Ein Spaziergang durch Klötze  bestätigt den ersten Eindruck: ein Städtchen, das wir schnell wieder vergessen werden – im Gegensatz zu Gardelegen mit seinen schönen Wallanlagen. Aber die Gardelegener waren im 16. Jhd. durch den Export von besonders gutem Hopfen und Harley-Bier reich geworden. Die Spuren dieses Reichtums sind dann auch 500 Jahre später noch zu finden. In Klötze fielen uns nur 2 Kuriositäten auf. Zum einen ein Haus mit der Aufschrift: Wilhelm Reich.

Wir dachten natürlich gleich an die Organtherapie, aber der sachsen-anhalterische Namensvetter hatte mit dem  österreichischen Sexualforscher und Soziologen natürlich gar nichts zu tun. Man beachte den Punkt nach dem Namen. Die 2. Kuriosität entnehme ich der Altmark Zeitung, die die Tatsache kommentiert, dass es in ganz Klötze keine weiblichen Straßennamen gibt und dass das im Interesse der Gleichstellung doch geändert werden sollte.

 

 

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2017-07-09TAG 30

9. Juli 2017 Salzwedel

Wir sind früh von Klötze aufgebrochen. Alles an unserer Unterkunft in der „Alten Schmiede“ war in Ordnung, das Zimmer, die Betten, die Dusche (da kann man was erleben) und das Frühstück, das einzig Irritierende waren die „asiatischen“ Gerüche im Haus. Ich fühlte mich an Thailand erinnert. Tatsächlich war der Inhaber ein Vietnamese. Er erzählte mir, dass er noch die DDR miterlebt hat. Damit ist er der dritte Vietnamese, der uns in Sachsen-Anhalt begegnet ist, der schon über 30 Jahre im Land ist. Die beiden anderen hatten Textil-Läden. Gemeinsam ist ihnen, dass sie eine große Familie dabei haben und dass sie noch immer sehr schlecht deutsch sprechen – aber offenbar reichen auch so rudimentäre Sprachkenntnisse aus, um ein Geschäft zu betreiben. Dafür wachsen ihre Kinder in Deutschland auf und sprechen wie die Eingeborenen, die sie ja auch sind. Junge Deutsche mit zierlicher Statur, Mandelaugen und glänzend schwarzem Haarschopf.

Der Reporter am Abend fragte uns, was uns denn nach Klötze verschlagen hätte? Nachdem wir die Stadt gesehen hatten, fragten wir uns das auch. Eine reine „Schlafstadt“ für Leute, die in Wolfsburg oder anderswo arbeiten. Entsprechend war auch das Interesse an meiner Lesung, obwohl die sogar mit einem redaktionellen Beitrag in der Altmark Zeitung angekündigt worden war. Null, und mal wieder kam nur die Presse.

Die Fahrt nach Salzwedel, unserer letzten Station in Sachsen-Anhalt, erinnerte landschaftlich schon an Schleswig-Holstein – und das ist ja nun auch wirklich nicht mehr weit. Nun ist alles flach, und der Blick geht weit bis an den Horizont.

Salzwedel. Was für eine hübsche Stadt.  Mit einer Furt an der Jeetzel fing um 800 alles an. 1247 „Gründung der Neuen Hansestadt  Salzwedel“. Salzwedeler Kaufleute werden auf Gotland handelsberechtigt und damit kommt der Handel richtig in Schwung. Ab 1270 wird die Jeetze als Schifffahrtsweg Richtung Hamburg und Lübeck genutzt, und das bleibt so für die nächsten 600 Jahre. Wenn man durch die Straßen geht, stößt man an jeder Ecke nicht nur auf wunderbar restaurierte Fachwerkhäuser, sondern auch auf eindrucksvolle Zeugnisse der langen Geschichte Salzwedels. Pars pro toto das Terrakottenhaus.

Das ist ein 1722 erbautes Handelshaus. Die Terrakottareliefs stammen aus der Werkstatt des Stacius von Düren in Lübeck! Die gebrannten Tonplatten stellen 15 Reliefs modisch gekleideter Damen und Herren des 16. Jahrhunderts dar. Zwei, die mir besonders gefielen, habe ich per Zoom herangeholt.

Morgen verlassen wir Sachsen-Anhalt und sind wieder im vertrauten Niedersachsen. Schon seit Magdeburg sprechen die Leute wieder so, dass ich sie verstehen kann, und sie gucken auch nicht mehr komisch, wenn ich tschüß sage.

 

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2017-07-10TAG 31

10. Juli 2017 Lüchow 

Also Salzwedel ist wirklich einen Besuch wert. Wohin das Auge auch schweift – schöne Stadtansichten, Reihen von sehenswerten Häuserfassaden, romantische Gänge und Wasserläufe zwischen den Häusern, deren Namen wir aus der Karte nicht erschließen können. Auch die Anwohner, die wir fragten, waren sich nicht einig. Jeetze, Dumme oder nur ein Bach. Verwirrung stiftet auch die Jeetze und ihre Namensvetterin die Jeetzel. Die Jeetze fließt bei Wustrow in die Jeetzel. In Hitzacker werden wir eine Ferienwohnung haben, die direkt an der Jeetzel liegt.

Zwei bemerkenswerte Dinge noch über diese hübsche Stadt, erstens: Der Baumkuchen wurde hier erfunden und bis heute reklamieren zwei rivalisierende Bäckereien das Originalrezept für sich und zweitens: Abends um 9 liegen 95 % aller Salzwedeler in ihren Betten – keine Übertreibung, ist so.

Heute ist ein Regentag. Norddeutsches Schmuddelwetter. Die leuchtenden Sommertage an der Altmühl und in der Oberpfalz scheinen viel länger als vier Wochen zurück zu liegen. Wir machen nach dem Frühstück noch einen letzten Spaziergang durch Salzwedel und kaufen Baumkuchen, der uns unseren Aufenthalt in Hitzacker versüßen soll. Dann läuft Heide trotz Nieselregen los, und ich steige ins Auto. Bei Lübbow passiere ich die ehemalige Grenze. Nur ein einsamer Wachturm in der Wiese und ein braunes Text-Schild am Straßenrand erinnern daran, dass hier vor 28 Jahren die Grenze zwischen Deutschland und Deutschland verlief. Ich mache in Wustrow Halt, um im Museum zeitgeschichtliche Dokumente zu sehen – aber wieder einmal ist Montag. Ich stehe vor verschlossenen Türen. Dafür erzählt mir die Mitarbeiterin der Volksbank (gleich nebenan) von Wustrow und was für ein lebendiger Ort das vor der Wende gewesen ist. Wer irgendwie kann, ist weggezogen.

In Lüchow – auch nur ein Städtchen mit knapp 10 000 Einwohnern – tobt das Leben. Viel Verkehr, viele schicke Shops in der hübschen Hauptstraße (keine Asia-Läden mit billigen Textilien mehr), viele gut angezogene Menschen. Heide sagt: „Es fühlt sich an, als käme ich aus dem Ausland nach Hause.“ In der Tat, so ähnlich ist das, und nur 17,7 km zwischen Salzwedel und Lüchow (über die B 248). Der Empfangschef im Hotel bestätigt mir diesen Eindruck. Aufgewachsen in Mecklenburg arbeitet er jetzt in Lüchow, wohnt aber im „Osten“. „Das sind zwei Welten“, sagt er. Ich ermuntere ihn, mir zu erklären, worin die Unterschiede bestehen. Er nennt vor allem zwei. 1. „Die Wessis“ (er sagt das mit Anführungsstrichen) seien lockererer, hätten mehr Spaß am Leben und mehr Vertrauen zu ihren Mitmenschen. 2. Das Geld. Der Osten sei noch immer ärmer. Eine Wohnung mit derselben Quadratmeteranzahl koste im Osten 200-300 € weniger. Das Geld spielt bestimmt eine große Rolle, das will ich ihm gerne glauben. Wir haben zwei große ehemalige DDR-Städte gesehen – Jena und Magdeburg – , über die man viel Positives sagen kann, aber der zarte Duft von Luxus, der mich heute in dem verregneten Lüchow anwehte, den habe ich dort nicht wahrgenommen.

Lüchow ist die Kreisstadt des Landkreises Lüchow-Dannenberg. Sie hat viele hübsche Fachwerkhäuser, die Jeetzel fließt mitten durch die Stadt, und wenn man von der Hauptstraße in die Seitenstraßen schaut, tauchen dort die dekorativen Überreste des 1811 abgebrannten Lüchower Schlosses auf.

Und dann ist Lüchow gewissermaßen die Hauptstadt des Wendlandes, insofern die unmittelbare Umgebung Lüchows zum Kernland zählt. Aber das Siedlungsgebiet der namensgebenden Wenden erstreckte sich einst auch weit über den heutigen Landkreis Lüchow-Dannenberg hinaus. Die Wenden waren, obwohl der Name sehr deutsch klingt, Slaven. Das merkt man noch an den Ortsnamen slawischen Ursprungs, die auf ow und itz enden, und an den slawischen Siedlungsformen, den Rundlingen. Für diese rund angelegten Dörfer ist das Wendland ja berühmt geworden.

Ich glaube, ich habe vom Wendland zum ersten Mal in den 1970er Jahren gehört, als ich die Proteste gegen das Atommülllager Gorleben mit großer Anteilnahme verfolgte. Heute denke ich, wenn vom Wendland die Rede ist, zuerst an die „Kulturelle Landpartie (das größte Kulturfestival Norddeutschlands) die jedes Jahr zwischen Himmelfahrt und Pfingsten im Wendland stattfindet.

Noch ein Wort zu unserem Abschiedsbild heute Morgen in Salzwedel. Wir posieren da mit Friedrich Gartz, der in der Katharinenkirche dahinter gewirkt hat. Er lebte von 1819 bis 1896 und war Komponist und Kantor. In verschiedenen Liederbüchern finden sich Lieder von ihm.

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2017-07-11TAG 32/33/34

11. Juli 2017 Hitzacker

Heute Morgen haben wir noch ein Abschieds-Foto von Lüchow gemacht – am Leineweberin-Brunnen vor unserem Hotel. Die beiden jungen Weberinnen interessieren sich kurzfristig statt für ihr Leinen für ein aufgeschlagenes Buch, das natürlich kein anderes sein kann als DIE BREITE DER ZEIT.

Und dann das Wendland! Ähnlich dünnbesiedelt wie die Oberpfalz fahre ich auch hier auf kleinen, einsamen Straßen–  von Rundling zu Rundling. Zwar fehlt die Sonne, aber auch unter dem typisch grauen Himmel Norddeutschlands ist die Landschaft von atemberaubender Schönheit. Besonders die Birkenalleen haben es mir angetan. Auf den Verkehr muss ich nicht achten, es gibt keinen. Ein Vorzeige-Rundling ist Lübeln. Das Dorf hat es verstanden, sich den Besucherandrang in den wenigen Tagen der Landpartie das ganze Jahr über zu erhalten. Es ist ein besonders gut erhaltener  Großrundling mit 12 Höfen vom 17. – 19. Jhd. Es gibt ein Museum, eine Schmiede, eine Stellmacherei und ein Backhaus, alles noch in Betrieb, und eine Gaststätte für die Touristen, die in Busladungen angeliefert werden.

Heide ist heute von Lüchow nach Dannenberg gelaufen, auf dem Radweg Grünes Band, der weitab von den großen Straßen in Schlaufen durch die reine Natur führt, und sie war auch begeistert vom Wendland. Ich bewundere ihren Mut und ihr Vertrauen, sich immer wieder auf solch ein Abenteuer einzulassen. Mut, weil sie in vollkommen fremder Umgebung ohne Navi ihren Weg finden, und Vertrauen, weil sie auf diesen Läufen, ganz auf sich gestellt, nur ihrer eigenen Kraft vertrauen muss.

In der Nähe von Lübeln stieß ich auf eine Heidelbeerplantage (ungespritzt). Die Büsche hingen so voll, dass ich mir in einer halben Stunde fast 1kg Beeren pflückte – die, die ich gleich in den Mund gesteckt habe, nicht mitgezählt. Inzwischen wagte die Sonne gelegentlich einen kurzen Auftritt, und in der Wärme und den aufsteigenden Düften der Pflanzen fühlte ich mich zurückversetzt  in die Sommer nach dem Krieg, als wir von den Erträgen des Gartens lebten. Ganze Sommernachmittage verbrachte ich zwischen den Büschen (Johannisbeeren und Stachelbeeren); dieses besinnlich-glückliche Geschäft des Pflückens und die Befriedigung, wenn sich die Körbe füllten, ist mir unvergesslich.

Dannenberg ist genauso hübsch wie Lüchow, vielleicht ein wenig beschaulicher, und die historische Altstadt mit den vielen schönen Fachwerkhäusern wirkt geschlossener. Reste einer Burg Dammenberg zieren auch hier das Stadtbild. Einen Besuch ist Dannenberg allemal wert.

Unübersehbar ist, dass das Wendland seine Geschichte mit der Atomkraft hat. Am Marktplatz in Dannenberg steht dieses Wegkreuz.

Ich mache jetzt für 3 Tage Blog-Pause und melde mich am 14.7. aus Lüneburg zurück. 4 Tage später, am 18. Juli, ist unser Sommer-Abenteuer im Fährhaus Rothenhusen zu Ende.

 

 

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2017-07-13TAG 34

13 Juli  2017 Hitzacker

Doch noch was zum 34. Tag in Hitzacker, obwohl ich mich erst morgen von Lüneburg wieder melden wollte. Für drei Tage haben wir uns hier in einem Ferienhaus auf der Altstadtinsel ausgeruht.

Alles sehr malerisch! Die kleine Altstadt, umflossen von der Jeetzel, die Fachwerkhäuser, das Kopfsteinpflaster, die hübschen Geschäfte und Gaststätten mit Elbeblick

Aber leider hat uns das Wetter die Tage verdorben. Unser liebevoll eingerichtetes Häuschen war kalt und klamm. Bei Außentemperaturen von 14° und Dauerregen kam keine Gemütlichkeit auf. Erst mit einer Flasche Rum für den Tee wurde uns (vorübergehend) warm. Zwar hatten wir einen Kaminofen im Haus, aber nichts Brennbares. So etwas wie einen Baumarkt, wo wir ein Bündel Kaminholz  hätten kaufen können, gibt es auch erst in Dannenberg. Ich mache mich immer über all die passionierten Griller lustig, denen an schönen Sommerabenden nichts besseres einfällt, als angekohltes Fleisch in sich hineinzustopfen. Ich entschuldige mich ausdrücklich für alles Gehässige, das ich je über sie gesagt oder gedacht habe. Dank sei ihnen! Ohne ihre Leidenschaft hätte es bestimmt bei Lidl nicht ein derartiges Sortiment an Grillkohle gegeben. Ein 5-Kilo-Beutel Grillkohle heizte unsere Hütte mollig warm und vertrieb die Feuchtigkeit aus den Wänden. Heute kein Regen, und ein paar Mal (!) schien sogar die Sonne. 18° sagte das Thermometer. Über der Elbe hingen schwere Wolken, aber das passt zu der Flusslandschaft. Die Norddeutsche Schwere und Regenfeuchte hat uns endgültig erreicht, die südliche Leichtigkeit der ersten Reisewochen schon verklärte Vergangenheit.

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2017-07-14TAG 35

14. Juli 2017 Lüneburg

Auf dem Wege nach Lüneburg mache ich in Dahlenburg Station, um auf Heide zu warten, die von Hitzacker aus auf dem Lüneburger-Heide-Radweg und dem Göhrde-Radweg unterwegs ist. Die B 216 von Hitzacker nach Lüneburg ist eine sehr schöne von Bäumen gesäumte Straße, die immer wieder wunderbare Ausblicke in die Landschaft gewährt. Wegen einer Umleitung, die westlich der Straße geführt wird (Heides Radweg läuft östlich), bog ich auf eine winzige Straße nach rechts ab – und fuhr wieder einmal mit großem Vergnügen durch die Pampa. Manchmal sah ich das Radweg-Zeichen und die Namen der Dörfchen und Flecken kamen mir bekannt vor. Pommoissel z. B. Heide hat sie mir am Morgen vorgelesen. Ich war also mindestens streckenweise auf ihrem Laufweg. Die Landschaft ist hinreißend. Leider stand die Sonne immer so, dass die Fotos zu dunkel wurden.

Dahlenburg ist auch so ein Ort, den ich nur kennenlerne, weil ich hier auf Heide warte. Aber hübsch. Um die Kirche versammelt sich alles, was ein Ort braucht, um zu funktionieren. Sogar Döner kann man sich hier schicken lassen. Und vom 2.7. bis 1.10. wird hier der „Dahlenburger Sommer“ veranstaltet – mit einer Oldie-Pop-Nacht, einem Flachsfest und einem Museumsfest im „Kunstraum Tosterglobe“, der sich als „Museum für Alles“ bezeichnet, und einem Kartoffelfest in Pommoissel.

Unser Ziel heute ist Lüneburg. Heide hat hier studiert und freut sich darauf, die Stadt nach 49 (!) Jahren wiederzusehen. Wir haben heute ein großes Interview in der Lüneburger Landeszeitung mit Foto auf der ersten Seite und der schönen Überschrift „Liebeserklärung ans Alter“. ich freu mich auf die Lesung heute Abend im Alten Kaufhaus.

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2017-07-15TAG 36

15. Juli 2017 Lauenburg

Wenn man eine intakte mittelalterliche Stadt, in der alle modernen Geschäfte so gut integriert sind, dass sie kein bisschen stören, sehen will, dann sollte man nach Lüneburg fahren. Am besten bei Sonnenschein und an einem Sonnabend, wenn vor der barocken Fassade des Rathauses Markt abgehalten wird. Die Straßen sind voll von gut gelaunten, flanierenden Menschen, als würde gerade ein Fest gefeiert. Und man kann sich nicht sattsehen an all den blumengeschmückten Fassaden. Ein Haus ist schöner als das andere. Lüneburg ist ein Juwel. Das hat auch die Tourismusindustrie entdeckt. Hotels ohne Zahl, ebenso Restaurants und Cafés – und saftige Preise.

Wir hatten bei unserem morgendlichen Spaziergang durch die Stadt das besondere Vergnügen immer wieder angesprochen zu werden: „Sie sind doch die beiden Damen aus der Zeitung“. Das schöne, lange Interview mit uns von Anna Sprockhoff in der Landeszeitung war offenbar von sehr vielen Menschen mit großer Aufmerksamkeit gelesen worden. Der Artikel trug auch dazu bei, dass sich gestern Abend im Foyer des Hotels Altes Kaufhaus eine große Runde interessierter Zuhörerinnen zur Lesung einfand. Schon um viertel vor acht waren alle Sitzgelegenheiten besetzt, und es mussten noch Stühle herbeigetragen werden. Dank an die beiden Damen vom Empfang, die dafür sorgten, dass alle sitzen konnten. Ich las einen Abschnitt aus dem 1. Teil, in dem es um die titelgebende Erfahrung der Breite von Zeit geht, und aus dem 2. Teil Hennys Begegnung mit Carl in London. Danach gab es noch eine sehr intensive Diskussion zum Thema Alter mit zum Teil sehr persönlichen Beiträgen. Insgesamt ein gelungener Abend.

Nun sind wir in Lauenburg in einem Hotel direkt an der Elbe und haben uns schon auf der Terrasse vorzügliche Matjes mit Bratkartoffeln schmecken lassen.

Das Gefühl, in unbekannten Landstrichen unterwegs zu sein, hat sich spätestens seit Salzwedel verflüchtigt. Nachdem es ganz allmählich immer „norddeutscher“ wurde, ist es hier nun endlich so norddeutsch, wie es nur sein kann. Und damit stellt sich auch das Gefühl von „Zuhause“ ein. Geographisch lässt sich wahrscheinlich gar keine Linie bestimmen, ab der Norddeutschland beginnt, aber der Klang der Sprache, der andere, ernsthaft-freundliche Umgang der Menschen miteinander, eine gewisse Langsamkeit, die Weite der Landschaft und die Nähe zum Meer – all das zusammen (und wahrscheinlich noch vieles mehr) macht den Norden aus. Heide, die seit dreißig Jahren in München lebt, fällt der Unterschied zwischen Nord und Süd besonders auf. Für mich sind die Münchener alle „fesch“; einen feschen Bremer kann ich mir nicht gut vorstellen.

Morgen sind wir in Mölln, und das ist nun wirklich so gut wie Zuhause. Die Versuchung, „schnell mal eben“ nach Hause zu fahren, ist groß, aber wir halten unsere Vorgaben eisern ein und bleiben bei unseren kleinen Schritten: Sonntag: Mölln, Montag: Ratzeburg, Dienstag: Rothenhusen und Party im Fährhaus um 17 Uhr. Jeder, der Lust hat zu kommen, ist herzlich eingeladen. Wir freuen uns schon mächtig, Euch alle wiederzusehen.

Ach ja. Wer das Interview in der Lüneburger Landeszeitung vom 14.7. 17 nachlesen möchte, hier ist der link: http://bit.ly/2vone71

 

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2017-07-16TAG 37

16. Juli 2017 Mölln

Heide ist heute von Siebeneichen bis Mölln gelaufen. Immer am Elbe-Trave-Kanal entlang. Einerseits ist das eine „sichere“ Route, wo „Verlaufen“ quasi unmöglich ist, andererseits fand sie es denn auch „langweilig“. In Siebeneichen ist eine unter Denkmalschutz gestellte Fähre in Betrieb. Diese Fährverbindung existiert seit 1900 und ist eine handbetriebene Seilzugfähre. In Siebeneichen stieß ich noch auf einen ganz besonderen Baum, einen

 P O E T R E E

Ein mir bisher nicht bekanntes Kleinod ist der 130 ha große Prüßsee bei Güster. Er liegt zwischen Lauenburg und Mölln im Naturpark Lauenburgische Seen. Der Prüßsee besteht aus einzelnen Seen, die miteinander verbunden sind, und man kann dort alles machen, was am Wasser Spaß macht, ein Haus mieten oder mitbringen und campen, angeln, Boot fahren, grillen und natürlich baden. Gepflegt auf einer Seeterrasse sitzen und Kaffeetrinken kann man natürlich auch. Von Lübeck aus ein Katzensprung. Ich habe mich ganz per Zufall dorthin verirrt und war sehr beeindruckt von den vielen Freizeitmöglichkeiten, die sich aber so in dem weitläufigen Areal verteilen, dass die schöne Natur immer noch genügend zur Geltung kommt.

Und dann war ich auch schon in Mölln, das ja quasi vor meiner Haustür liegt. Aber heute war ich noch in status touristi   wie die letzten 5 Wochen, eine Durchreisende, die in kurzer Zeit möglichst viel von einem Ort sehen möchte. Und siehe da, trotz des grauen Wetters machte ich einen erlebnisreichen Spaziergang durch Mölln. Mölln hat eigentlich keinen Marktplatz, aber doch einen zentralen Platz an der Nicolai-Kirche mit schönen Häusern, darunter das Till-Eulenspiegel-Museum.

Das Wahrzeichen Möllns, die über der Stadt auf dem Eichberg gebaute spätromanische Basilika St. Nicolai, hat mich richtig entzückt. Sie ist das einzige Bauwerk aus der Gründungszeit der Stadt. Ich war im Laufe der Jahre schon öfter in Mölln, aber diese Kirche habe ich nie bewusst wahrgenommen und von innen besichtigt habe ich sie bestimmt nicht.

Das Foto gibt nur sehr unvollkommen die Stimmung in diesem reich ausgestatteten sakralen Raum wieder, man sollte nach Mölln kommen und sich St. Nicolai mit eigenen Augen anschauen. Schätze aus acht Jahrhunderten christlichen Lebens sind hier versammelt. Es lohnt sich schon, nur um diese Pieta im Eingangsbereich zu betrachten.

 

 

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2017-07-17TAG 38

17. JULI 2017 RATZEBURG

Zu guter Letzt noch ein ernsthaftes Internetproblem, so dass ich nur wenig über das Handy hochladen kann. Alles Weitere schreibe ich dann von Zuhause.

Heide ist heute von Mölln bis zur Farchauer Mühle bei Ratzeburg gelaufen – ihre vorletzte Etappe. Ich bin zuerst zum Waldhof (Mölln) gefahren und von da auf  einer zauberhaften, sehr kleinen Straße über Schmielau zur Farchauer Mühle, wo man ausgezeichnet Fisch essen kann, fangfrisch aus dem Schmalsee. Der Wald ist sehr dicht dort und von unzähligen Forstwegen durchzogen, die zum Teil beachtliches Gefälle haben.

In Ratzeburg bin ich lange nicht mehr gewesen. Ich hatte es als eine lebendige kleine Stadt mit vielen interessanten Läden und ansprechenden Restaurants in Erinnerung. Jetzt konnte ich nichts davon wiederfinden. Wir fanden kein Café im Zentrum, so dass Heide ihren dringend benötigten Capuccino in einem Bäcker-Shop trinken musste. Morgen wollen wir unbedingt noch zum Dom und zum Weber-Haus, bevor Heide Richtung Rothenhusen startet.

Wir sind gespannt, wer uns morgen in Rothenhusen erwartet. Abgesprochen ist jetzt mit unserer Pressefrau, Ingken Wehmeyer. Dass wir beide zusammen (Heide laufend, ich fahrend) um 17 Uhr in Rothenhusen ankommen.

Und hier noch unser Abschiedsfoto von Mölln heute Morgen.

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2017-07-20TAG 38 Fortsetzung

Unseren letzten Tag in Ratzeburg haben wir noch richtig genossen. Das Wetter war schön, warm und windstill, und wir waren noch in dem Gefühl unterwegs: Das geht immer so weiter, jeden Tag ein neuer Ort und nichts weiter zu bedenken als: wo werden wir schlafen, wo werden wir etwas Ordentliches zu essen bekommen, wo laufen „wir“, wo treffen wir uns, und wann schreibe ich? So nahmen wir uns Zeit für das A. Paul Weber-Haus. Ich war ein paar Mal zu Sonderausstellungen dort (Lasker-Schüler erinnere ich) und habe Weber nur nebenbei wahrgenommen. Jetzt aber richtig – bis in den mittelalterlichen Gewölbe-Keller, wo 700 Lytho-Steine aufbewahrt werden (beidseitig bezeichnet). Es sind Solnhofer Kalkschiefer-Platten, und es freut mich, dass ich weiß, wo sie herkommen. Aus dem Altmühltal nämlich. Ein solches Stein-Archiv ist weltweit einzigartig, da die meisten Künstler die teuren Steine nach Druck wieder abgeschliffen und erneut verwendet haben.

Der Mann hat ein unfassbar umfangreiches Werk hinterlassen. Die Sammlung auf der Ratzeburger Dominsel umfasst nur etwa 300 Werke, darunter auch Gemälde, Weber hätte auch genauso gut ein erfolgreicher Maler werden können. Vielen seiner zeitkritischen Zeichnungen müsste man nur neue Unterschriften verpassen, und sie wären absolut aktuell. Wie die folgende Zeichnung aus der Reihe „Schachspiel der Weltgeschichte“. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Und wieder eimal (für mich) der Ratzeburger Dom, für Heide zum ersten Mal. Der Dom gehört mit zu den ältesten Backsteinkirchen Norddeutschland. Mir gefällt immer wieder seine gedrungene Gestalt, und wie er da so auf seiner Insel umgeben von Wasser thront. Aber sein heller Innenraum wirkt im Gegensatz zu dem in Mölln mit seinem andachtsvollen Dämmerlicht nüchtern, so recht protestantisch.

Wir spazieren um den Küchensee und lassen die Zeit vergehen, denn erst für 5 Uhr ist unser Erscheinen in Rothenhusen angesagt. Für die letzten verbleibenden circa 12 km braucht Heide nicht mehr als eineinhalb Stunden. Wir sollten zusammen ankommen, war mit den Freunden abgemacht. Das tun wir dann auch, erst Heide, dann ich mit dem Auto. Eine Girlande ist über die Straße gespannt, die Heide in vollem Lauf durchbricht als wäre sie ein Zielband – was sie dann ja auch ist: Wir sind angekommen. Großes Hallo. Blumen, herzliche Umarmungen. Lauter liebe Freunde haben sich aufgemacht, uns zu begrüßen. Ich bin ganz gerührt. Herzlichen Dank Euch allen an dieser Stelle. Wir haben uns beide sehr gefreut, so empfangen  zu werden.

Es war der wärmste Tag der Woche – in jeder Hinsicht. Wir feierten alle noch lange an einem großen Tisch direkt am Ratzeburger See. Es war ein wunderbarer Abend, milde und windstill, und der See glatt wie ein ausgebreitetes Tuch vor unseren Augen. Eine wunderschöne Heimkehr nach 38 Tagen UNTERWEGS. Alle, die dabei waren, werden diesen Abend sicher noch lange in guter Erinnerung behalten.

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2017-07-23Wieder Zuhause

Die Verkleinerung der Welt durch eine Absicht

I

Vorbemerkung: Ich habe das gute alte Wort Absicht gewählt, an seiner Stelle könnte auch Projekt, Idee oder Ziel stehen.

Wir (Heide, 77, und ich, 80) haben fast sechs Wochen mit einem Projekt gelebt, nämlich mit der Absicht, uns täglich – von München aus – ein kleines Stück Lübeck zu nähern. Wie lange das dauern würde, konnten wir nur ganz ungefähr sagen, es gab zu viele Imponderabilien. Die Zeit war nicht die einzige unwägbare Größe, unsere Befindlichkeiten, Gefühls- und Stimmungsschwankungen waren ebenso nicht einschätzbar wie unsere körperlichen Kräfte (bezogen auf eine unbestimmte Dauer). Die Absicht war klar, aber was ist eine Absicht? Eine Hypothek auf die Zukunft, von der man nicht weiß, ob man sie ablösen kann.

Heide wollte täglich, statt nur allzu bekannte Trainingsrunden im Park zu drehen, unbekannte Strecken Richtung Norden laufen. 20 km ohne Zeitdruck, ja mit Stehenbleiben, um sich zu orientieren oder die Natur zu bewundern, das erschien ihr machbar. Ich wollte täglich, statt fiktive Wirklichkeiten zu entwerfen, über die ganz reale Welt schreiben und gerne – der Symmetrie halber – abends 20 Seiten aus meinen Büchern lesen. Gemeinsam war uns die Neugier, herauszufinden, ob denn nun unser fortgeschrittenes Alter irgendwie hinderlich sein würde, frohgemut unterwegs zu sein und jeden neuen Tag zu loben. Darum nannten wir unser Unternehmen: Abenteuer Alter.

Um es gleich vorweg zu sagen:

Dass wir beide nun schon so lange auf der Welt sind, hat dieser Reise einen besonderen Glanz verliehen. Wir sind auf den Geschmack gekommen und denken uns schon das nächste Abenteuer aus.

Ziegenrück in Thüringen, die fünfkleinste Stadt in Deutschland

Fortsetzung morgen.

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2017-07-24Wieder Zuhause

Gemeinsam ist uns beiden auch die Überzeugung, dass die gängigen Altersbilder in der Gesellschaft nicht mehr stimmen. Sie müssen angesichts des demoskopischen Wandels den neuen Gegebenheiten angepasst werden. So wollten wir mit unserem Projekt auch sagen:

 Leute schaut her! Alter ist nicht nur Verzicht, Rollator, beginnende Demenz und       Inkontinenz, sondern auch Freiheit und Lebenslust. Die verlängerte Lebenszeit heutzutage ist ein Geschenk, das es zu würdigen gilt.

Weil ich das alles schon in meinem Roman DIE BREITE DER ZEIT beschrieben habe, wollte ich auch gerne daraus vorlesen. Ich kenne keinen anderen Roman, der so konsequent weibliches Altern von innen und nicht mit dem kritischen Blick der Jüngeren von außen beschreibt. „Alter wird im Kopf gemacht“ habe ich schon in diesem Roman 2007 geschrieben, und zu meinem Vergnügen lese ich gestern in der Süddeutschen Zeitung wieder einmal über fundierte Forschungsergebnisse, die diesen Satz bestätigen. „Selbsteinschätzung“, heißt es da, „hat eine enorme Wirkung auf das eigene Wohlbefinden. Gedanken können den Körper ganz unabhängig vom Lebensstil positiv beeinflussen – oder aber die Lebenserwartung verkürzen.“ Just so!

 

 

 

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2017-07-25Wieder Zuhause

Also: Das waren unsere Absichten: laufen und lesen, Spaß haben, das Leben genießen und Botschafterin dafür sein, dass Alter auch großartig sein kann. Old is great! stand auf unseren Buttons. So weit es für uns erlebbar war, haben wir unsere Ziele zu 80% erreicht. Heide wäre gerne konsequenter 20 km gelaufen (Mücken und Hitze waren gegen sie), und ich hätte an manchem Ort gerne abends mehr ZuhörerInnen gehabt. Aber wer weiß, die Außenwirkung ist nicht einschätzbar, und Spaß hat es allemal gemacht. Außerdem: Von Deutschland kennen wir jetzt auch ein bisschen mehr.

ABER wir haben eine neue Erfahrung gemacht, mit der wir nicht gerechnet haben, nämlich, dass sich die Welt verkleinert, wenn man ihr mit einer fest umrissenen Absicht begegnet. Und: In einer verkleinerten Welt lässt es sich viel leichter leben.

Seit wir wieder zu Hause sind, ist die Welt wieder so groß, wie sie immer war. Sie stürzt geradezu auf uns ein, mit unheilvollen Weltnachrichten, mit Aufgaben, die sofort erledigt werden müssen, mit Notwendigkeiten, denen man nicht entgehen kann, mit Sinnfragen und Daseinszweifeln. Kurz: Die schwere existentielle Last liegt wieder auf unseren Schultern, die wir irgendwie – ja wie? – in den Wochen des Unterwegsseins abgeschüttelt hatten.

 

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2017-07-26Wieder Zuhause

Die Welt, in der wir uns bewegten, war paradoxerweise kleiner, obwohl wir uns gerade aufgemacht hatten, das „große“ Deutschland von Süd nach Nord zu erkunden. Unsere Absicht schnitt aus dem großen Ganzen unsere subjektive Welt heraus, als wäre sie nur noch ein Tortenstück in einem Kreis. Unterwegssein hieß dieses Tortenstück, und das war als (vorübergehende) Daseinsform ein Ausschnitt mit anderen Lebensbedingungen als im Kreis:

Wir lebten in den Tag hinein, denn durch den ständigen Wechsel unserer Umstände war Planung kaum möglich. Wir mussten nur den kleinen, selbstgesteckten Rahmen unserer Absicht einhalten – und selbst den hätten wir jederzeit ändern können. Es war ein Leben im Augenblick und nicht sehr weit darüber hinaus. Die Dimension der Zukunft hatten wir fast aus den Augen verloren, und damit waren alle möglichen Ängste, die immer Kinder der Sorge um die Zukunft sind, verschwunden. Es waren keine weitreichenden Entscheidungen zu fällen, keine lästigen Pflichten zu erfüllen, es war keine Verantwortung zu übernehmen (außer für uns selbst) und keine Vorsorge zu treffen. Und selbst ums Geld haben wir uns keine Sorgen gemacht, weil wir das schon vorher (als wir uns noch um die Zukunft sorgten) geregelt hatten. Wir waren frei, uns durch den Tag treiben zu lassen, ganz nach unseren Bedürfnissen, dieses zu machen und jenes zu lassen.

Und „irgendwie“ passierte immer das Richtige, weil wir wollten, dass es das Richtige war.

 

 

Wieder Zuhause · Fotografie 1
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2017-07-27Wieder Zuhause

Natürlich sind wir beide Privilegierte, und das ist uns auch bewusst. Zudem waren wir in einem Land unterwegs, in dem man an jeder Ecke etwas zu essen und ein gutes Bett findet, in dem einen niemand überfällt oder aus dem Hinterhalt erschießt. Außerdem schien die meiste Zeit die Sonne, sie wärmte unsere Haut und brachte die Landschaft zum Leuchten – uns fehlte nichts, um ein Übermaß an Freude und eine Vertiefung des Selbstgefühls zu erleben.

Aber vielleicht braucht es doch noch eine Voraussetzung für einen solchen Zustand des Selbstgenügens: Die Bereitschaft, auf liebe Gewohnheiten zu verzichten (der Mittagsschlaf seit 50 Jahren) und die Fähigkeit, tief eingewurzelte Überzeugungen loszulassen (ich kann nur im eigenen Bett gut schlafen – stimmt nicht, oder Nachthemden muss man alle paar Tage wechseln – muss man nicht).

Die (gut finanziell abgepolsterte) Nicht-Sesshaftigkeit hat, so scheint mir, noch andere Vorteile gegenüber der Sesshaftigkeit. Das Eigentum als Garant von Dauer und als Fetisch gegen die Angst vor dem Tod ist enorm verringert, und damit wird die Abwehr der existenziellen Bedrohung durch den Tod hinfällig. Es kann einen überall und jederzeit treffen – und wenn man 77 und 80 ist sowieso. Also dann: Freuen wir uns des Lebens!

Mein Lieblingsspruch ist von Epikur und lautet: „Wenn wir sind, ist der Tod nicht, und wenn der Tod ist, sind wir nicht.“

 

 

 

 

 

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2017-07-28Wieder Zuhause

Die durch unsere Absicht verkleinerte Welt, in der es sich so gut leben ließ, könnte man auch als Spiel begreifen. Wir haben uns ein Spiel ausgedacht. Mit bestimmten, minimalen Regeln, die eingehalten werden müssen. Solange wir spielen, sind wir geschützt vor allen Unbilden dieser Welt, einschließlich des Todes, und können das Beste, was wir sind, ungehindert entfalten. Da fällt mir natürlich sofort Schiller ein, der in seiner Schrift Über die ästhetische Erziehung des Menschen den berühmten Satz über das Spiel schreibt: Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Vielleicht kann das Alter auch genau das schenken: Man darf wieder spielen, wie man als Kind gespielt hat, ohne monetäre Zwecke, aus reinem Vergnügen an der Tätigkeit, zur Steigerung der Selbstgewissheit in zeitentrückter Gegenwärtigkeit.

 

 

 

Wieder Zuhause · Fotografie 1
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2017-08-06Das perfekte Hotel

Nach 38 Hotelzimmern hintereinanderweg, von Anfang Juni bis Ende Juli, wissen wir genau, wie das perfekte Hotelzimmer auszusehen hat. Wir reden von einem ganz normalen Hotelzimmer für zwei in einem 3-Sterne-Hotel zu einem erschwinglichen Preis unter 100 €, einem Doppelzimmer. So ein Doppelzimmer ist per se für die Bedürfnisse von 2 Personen gedacht. Zwei, das ist in der Regel ein Paar, ein Mann und eine Frau, zwei Männer – oder zwei Frauen, was die Situation verschärft, denn zwei Frauen haben naturgemäß doppelt so viele Bedürfnisse wie eine Frau. Aber das perfekte Hotelzimmer sollte auch auf eine derartige Eskalation vorbereitet sein.

Zwei Betten sind selbstverständlich, oder zwei Schlafplätze in einem französischen Bett (unter 160 cm geht da gar nichts). Aber die Matratze! Sie ist das Herzstück eines jeden Hotelzimmers, weshalb unsere erste Handlung, wenn wir das uns zugedachte Zimmer betraten, ein Griff unter die Bettdecke war. Federkern oder Latex? Fest oder weich? Neu oder alt? Hotelbetreiber sollten routinemäßig in den Betten ihres Hauses eine Nacht verbringen. Alte Federkernmatratzen sind das Schlimmste, das einem gutgläubigen Gast zustoßen kann. Wenn man sich abends darauflegt, merkt man gleich, gutes Liegen fühlt sich anders an, aber, so denkt man, für eine Nacht wird das schon gehen. Es geht aber nicht, morgens könnte man eine Panorama-Landkarte der Matratze zeichnen: Gebirgszug am Kopfende, tellerförmige Erhebungen in der großen Senke südlich davon, insgesamt ansteigendes Niveau im Westen. Manchmal kann man die Schlagseite der Matratze schon mit dem bloßen Auge erkennen und nicht immer lässt sich so leicht Abhilfe schaffen wie in einem hundertjährigen Haus in der Altmark. Die Neigung der ausgetretenen Dielen glichen wir mit ein paar Bierdeckeln aus.

Also: Das perfekte Hotelzimmer sollte mit relativ neuwertigen Matratzen ausgestattet sein, die von komfortabler Breite sind – 90 cm bitte, alles darunter ist nur bequem für notorische Rückenschläfer. Die Verfallsdaten von Daunen- Steppdecken sind uns nicht bekannt, aber auch die attraktivste Bettwäsche tröstet nicht, wenn wir unter der Zudecke frieren, weil die letzten Federn sich zu Ansammlungen zusammengerottet haben und dazwischen Leere herrscht. Eine Steigerung unseres Missbehagens kann dann nur noch das Kopfkissen verursachen. Schon erstaunlich, was für Gebilde sich da auf Hotelbetten tummeln. Jede, ich wiederhole, jede Größe kleiner als 80 x 80 ist möglich, und auch für die Füllung – von schlaff bis prall – sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Wir wüssten dann immer gerne, auf was für einem Kissen denn wohl der Hotelbetreiber, also der, der an unserer Übernachtung in seinem Haus Geld verdient, schläft, und empfehlen, wenn es sich irgendwie machen lässt, auf Reisen (so wie wir) ein eigenes Kopfkissen mit sich zu führen.

Soviel zur Hauptsache einer Übernachtung fern dem besten aller Betten, dem eigenen, aber es gibt ja nun noch eine Menge Beiwerk, das dem Reisenden den Aufenthalt in einem Hotelzimmer angenehm macht. Das fängt mit der Frage an: Wohin mit den Koffern? In 38 Doppelzimmern gab es nicht ein einziges Mal zwei Kofferablagen. Hotelbetreiber sind offenbar einheitlich der Meinung, dass Benutzer von Doppelzimmern grundsätzlich mit einem Koffer reisen. Also muss ein zweiter Koffer entweder am Boden platziert und geöffnet werden, was nur für sportliche Personen praktikabel ist, oder auf einem Tischchen, das hoffentlich vorhanden ist, in verzweifelten Fällen auch auf einem schreibtischähnlichen Gebilde oder schief auf dem einzigen Sessel. Auf diese Weise verwandelt sich ein Hotelzimmer, das beim Betreten einigermaßen wohnlich und einladend aussah, in wenigen Minuten in ein Schlachtfeld. Von „wohnen“ kann keine Rede mehr sein. Vielleicht steckt Methode dahinter, denn so fühlt man sich genötigt, das Zimmer möglichst bald wieder zu verlassen und in der aufgeräumten Gaststube Zuflucht zu suchen.

Ein weiterer Punkt sind die Lichtverhältnisse in einem Hotelzimmer. Selten sind sie ausreichend, um in der Nacht eine heruntergefallene Pille zu finden. Nun darauf kann man vielleicht verzichten, aber nicht auf eine anständige Beleuchtung am Spiegel im Badezimmer. Für großflächiges Rasieren mag sie in den meisten Fällen ausreichen, aber nicht, um einen exakten Lidstrich zu ziehen. Unser Eindruck war, dass die Badezimmereinrichtungen in Hotels ausschließlich von Männern ausgeführt werden. Ausnahmen bestätigen die Regel und entzücken die überraschten Benutzerinnen am Morgen. Dass nur Männer am Werk waren, würde auch erklären, warum es grundsätzlich zu wenig Haken gibt, der Fön, wenn vorhanden, ein ohrenbetäubendes Ungeheuer ist, und sehr oft ein zweiter, großer Spiegel im Zimmer fehlt.

Wenn sich der männlich-technische Einfluss bei der Einrichtung von Hotelzimmern inklusive Badezimmern dann auch in jedem Fall auf die Dusche erstrecken würde, könnte man diese Mängel vielleicht hinnehmen, aber Duschen sind – gelinde gesagt – in deutschen Hotelzimmern (man erinnere sich: 3 Sterne) ein Trauerspiel. Wir könnten Seiten mit der Beschreibung von 38 Duschen füllen. Nur 7 von den 38 waren so, dass duschen Spaß machte. Am meisten Eindruck machte uns die Luxuskabine in einem Hotel in Thüringen: Geräumig, mit geschmackvollen Fließen und einer eleganten Falttür, Halterungen für diverse Shampoos und einem extrem großen, verstellbaren Duschkopf an einem chromblitzenden Gestänge –nur das Wasser ließ zu wünschen übrig. Es quoll drucklos und schlecht regulierbar aus der Brause.

Vom Frühstück und vom Parken haben wir noch gar nicht gesprochen. Das beste Frühstück war dort, wo uns die Besitzerin persönlich morgens unser Frühstücksei – weich! – kochte, die beste Parkmöglichkeit in einer Innenstadt dort, wo gleich im Hof der Lift das Gepäck in die oberen Etagen beförderte. Aber wenn man immer nur für eine Nacht absteigt, tröstet man sich auch immer mit der Aussicht auf das nächste Hotel.

Das perfekte Hotel haben wir nicht gefunden. Irgendetwas war immer.

Das perfekte Hotel · Fotografie 1
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