zum Lesen

 
Brigitte Halenta
Die Schaukel im Wald
Das kostbare Kleid
Geständnisse eines Hundes
Altus
Aber Flügel
Zwack
Das Schicksal in vollkommener Klarheit
Nofretete in Kleinkummerfeld
Im Kasten
Einer macht sich davon
Die Breite der Zeit

Die Schaukel im Wald

Was wissen wir über Esther, was über Sonja? Nichts. Nicht einmal, in welchem Teil des Landes sie ansässig sind. Die Zeitung, die die Geschichte ihrer Liebe erzählt, schweigt über das Selbstverständliche wie über das Nebensächliche. Alles, was von der großen Saga der lebenslangen Liebe ablenken könnte, unterdrückt sie. Wir sollen staunen über die Kraft einer Liebe, die sich gegen alle Widrigkeiten des Lebens Jahrzehnte frisch und unzerstörbar hält.
Es gibt aber doch zwei herausgehobene Momente, die sich zu einem Bild verdichten: die erste Begegnung und die Schaukel im Wald.
Sonja ist sechzehn und arbeitet im väterlichen Kuhstall, als Esther, die neue Nachbarin, mit ihren Kindern an der Hand hereinkommt. Esther ist vierunddreißig. Die Kinder sind nur Symbol ihrer fortgeschrittenen Position im Leben. Man erfährt nichts über diese Kinder – sind es zwei oder mehr, Jungen oder Mädchen, sind sie klein oder größer – nur dies erfährt man: Esther ist erwachsen, Sonja noch nicht.
Aber Sonja wird erwachsen. Jedes Mal wenn sie sich bei der Schaukel im Wald treffen, ist Sonja ein wenig älter. Sie wird dreiundzwanzig, sie wird fünfundzwanzig, und noch immer treffen sie sich bei der Schaukel. Die Zeitung wird das doch nicht erfunden haben, weil eine Schaukel so gut als romantisches Symbol für die Liebe taugt, für diese Kraft der Entschlossenheit, der ein himmelstürmender Aufschwung folgt.
Aus einem Nebensatz erfährt man, dass Sonja und Esther die Schaukel selbst an einem Ast angebracht haben. Mehr nicht. Aber wer von beiden hat die Idee, wer bringt sie mit – wahrscheinlich Esther, ein nicht mehr gebrauchtes Schaukelbett ihrer Kinder – und wer besitzt das handwerkliche Geschick? Das vor allem! Kaum vorstellbar, dass für eine stabile Befestigung, die Jahrzehnte standhalten soll, nicht Werkzeug erforderlich ist. Vielleicht wird die Schaukel ja auch gar nicht zum Schaukeln benutzt, hat also nichts auszuhalten, sondern wird immer nur angeschaut. Das einzig Fassbare, das ihnen beiden gehört: eine Schaukel. So wie Hölderlin und Susette sich heimliche Briefe in die Hecke stecken, so befestigen Sonja und Esther in den Schnüren Blümchen, Tannenzapfen und andere Zeichen ihrer Anwesenheit, wenn sie sich verfehlen. Vielleicht klemmen auch Papierröllchen mit Gedichten zwischen den Schlaufen. Esther mag Rilke, Sonja Fried. Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt.
Sonja ist die Drängende, Esther hat Schuldgefühle, sie hat Kinder, wir erinnern uns, und einen Mann. Eines Tages geht der Mann. Esther ist frei. Es ist der Augenblick, in dem sie endlich die große Sehnsucht nacheinander stillen können. Aber Sonja und Esther haben eine Schaukel im Wald aufgehängt, nicht ein Zimmer in der nahen Kreisstadt gebucht. Sie kommen nicht zusammen, sie sehnen sich weiter nacheinander. Sonja erklärt das. Ihre Liebe sei transzendent, sagt sie, also nicht im Bereich der normalen Sinneswahrnehmung, sie ist nicht von dieser Welt und noch nicht von einer anderen. Liebe im gasförmigen Zustand der Sehnsucht.
Die unsterbliche Liebe ist unsterblich, weil sie nicht von der Hoffnung auf Erfüllung lebt, sondern von der unvergänglichen Erinnerungen an eine Zeit, als es noch keine Grenzen gab, als alles miteinander verschmolzen war: Innen und Außen, das Selbst und der Andere, der Leib und die Seele. Babywonnen und Kleinkinderglückseligkeiten.
Esthers Mann ist schnell wieder zurückgekehrt. Sonja hat keinen Mann gewollt und eine andere Frau als Esther schon gar nicht. Auch nach zwanzig Jahren tauschen Sonja und Esther Briefe und gehen miteinander spazieren. Die Zeitung schreibt nicht, in welchem Zustand sich die Schaukel im Wald befindet. Wenn Wetter und Wind ihr zugesetzt haben, muss sie möglicherweise ersetzt werden.

(In: „Grenzfälle“,  Texte aus Brandenburg und Schleswig-Holstein, Verlag für Berlin-Brandenburg, 2017)

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Das kostbare Kleid

Es waren schwierige Zeiten. Man musste immer dankbar sein. Für alles. Für die Butter auf dem Brot, für den Torf in der Brennhexe, auf der der Eintopf kochte und deren schwindsüchtige Wärme keine zwei Stühle weit reichte. Und wie dankbar erst für einen Glücksfall wie der geheimnisvollen Erwerbung zweier dunkelblauer Trainingshosen in der richtigen Größe, außen glatt, innen plüschig aufgeraut, dick, warm, mit intakten Gummibändern in der Taille und an den Fußgelenken.
Zuerst fand sie die Trainingshosen auch toll, aber dann nicht mehr. Es war langweilig, immer dasselbe anzuziehen. Jeden Sonntagmorgen legte ihr Mama eine frisch gewaschene Trainingshose hin, eine wie die andere, man sah keinen Unterschied, dazu entweder die grünkarierte oder die rotkarierte Flanellbluse. Die Blusen hatte Fräulein Dormann extra für sie genäht. Auch das war ein Glücksfall, dass es jemanden in der Familie gab, der nähen konnte. Eigentlich war Fräulein Dormann Weißnäherin und war vor dem Krieg in die guten Häuser gegangen, um die Tischwäsche, die Bettwäsche und die Handtücher auszubessern. Aber die guten Häuser gab es nicht mehr, und nun lebte Fräulein Dormann bei ihnen und nähte den lieben langen Tag noch aus dem letzten kleinen Stückchen Stoff irgendetwas Brauchbares. Für Joachim hatte sie aus einer Wolldecke einen Mantel genäht, der hatte sogar Taschen. Aber Joachim war nicht richtig dankbar gewesen und hatte gleich am ersten Tag eine Tasche ausgerissen, weil er Steine reingepackt hatte.

So etwas hätte sie nicht gemacht, aber das nutzte ihr nichts. Immer und immer wieder bettelte sie vergebens: Am Sonntag, einmal bitte nur am Sonntag, möchte ich mein Kleid anziehen, ich seh mich auch ganz bestimmt vor. Aber Mama vertröstete sie: vielleicht Ostern. Aber Ostern war es dann wieder nichts mit dem Kleid, weil es regnete. Das Kleid war eben zu kostbar. Sie hatte es überhaupt nur bekommen, weil sie auf die Hochzeit von Onkel Albert nicht in Trainingshosen gehen konnte. Es war aus einem dünnen, hellblauen Stoff, auf dem viele rosa Blümchen verstreut waren. Fräulein Dormann hatte es ihr genäht. Als sie es zuerst anprobierte, war es viel zu lang und in den Schultern zu breit gewesen. Da würde sie reinwachsen, hatte Mama gesagt. Für die Hochzeit band sie ihr ein rotes Ripsband, das eigentlich um einen Hut gehörte, um die Taille, da hatte sie wie eine Prinzessin ausgesehen. Im Festsaal hatten alle das Kleid bewundert, und Mama hatte dann jedes Mal nur mit den Schultern gezuckt, geseufzt und gesagt, dass der Stoff sie einen ganzen Zentner ihrer guten Winterkartoffeln gekostet habe.

Es waren schwierige Zeiten, alles war furchtbar wichtig, es gab nichts Unwichtiges. Wenn sie auf das Feuer im Ofen aufpassen sollte, war das Feuer das Wichtigste auf der Welt. Man musste rechtzeitig Torf nachlegen, sonst war das Feuer, ehe man sich versah, nur noch ein matt glühender Haufen, und die Suppe wurde nicht gar. Einmal hatte sie nicht aufgepasst, und das Feuer war ihr ausgegangen. Sie hatte sich die Lunge aus dem Hals gepustet. Nichts! Nicht mal das kleinste Fünkchen. Das war eine Aufregung. Sie hatten nur noch elf Streichhölzer, die mussten noch bis zum nächsten Montag reichen, und Papier gab es auch keins mehr. Denn drei Abende hatte sie dem Vater geholfen, alle Zeitungen im Haus in kleine Zettel zu schneiden. In immer einen Packen davon hatte der Vater mit seinem Locher aus dem Büro ein Loch gemacht, und dann hatten sie die Zettel auf ein Stück Bindfaden gefädelt, zugeknotet und auf die Toilette gehängt. Wie die Mutter es dann doch geschafft hatte, das Feuer wieder anzukriegen, wusste sie nicht. Noch lange, wenn sie das lodernde Feuer sah, gab es ihr einen Stich. Nie, nie, nie wieder würde sie das Feuer ausgehen lassen.

Wichtig war auch, wenn man im Sommer die Zuckerrübenschnitzel rührte, den Augenblick, wenn die Brühe dick wurde, nicht zu verpassen. Der große Topf musste rechtzeitig vom Feuer genommen werden, sonst setzte sich der braune Sirup um den Löffel in einem großen Klumpen ab und wurde so schwer, dass sie ihn nicht mehr bewegen konnte; Joachim sowieso nicht. Er stand auf seinem Fußbänkchen und konnte kaum über den Rand des Topfes gucken, aber rühren musste er zwischendurch trotzdem, damit sie mal ihre Arme ausruhen konnte. Doch er machte das schlecht, und gleich fing der braune Sud an zu spritzen, kleine spitze Piekser im Gesicht und auf den Armen; auf dem Kittel, den Fräulein Dormann aus einem alten Oberhemd für sie genäht hatte, machte das nichts.

Als es wieder kalt wurde, strickte ihr Fräulein Dormann lange warme Wollstrümpfe aus weißer Schafwolle, die kratzten auf der Haut, aber so konnte sie ihre beiden Trainingshosen noch gut einen Winter tragen. Aber Weihnachten, das musste ihr Mama fest versprechen, würde sie ihr Kleid anziehen dürfen und zur Konfirmation ihrer Cousine im März auch. Ganz bestimmt. Darauf freute sie sich.

Sie erinnerte sich deutlich, wie sehr sie sich darauf gefreut hatte, aber nicht mehr daran, wie sie das Kleid getragen hatte. Als sie Mama danach fragte, konnte die sich auch nicht erinnern. Ich glaube, sagte sie zögernd, als du es Weihnachten anziehen wolltest, war es dir zu klein geworden. Entweder wir haben es weggegeben, oder Fräulein Dormann hat etwas Neues daraus genäht. Es waren schwierige Zeiten damals.

(unveröffentlicht)

Geständnisse eines Hundes

Mir und Ihnen gestehe ich es nur ungern ein, die Beziehung zu Nora scheiterte an meiner tierischen Natur. Ich bitte bescheiden darum, hier, wo alles für mich und meinesgleichen eingerichtet ist, bleiben zu dürfen und weitere Vermittlungen nicht mehr ins Auge zu fassen.

In meinem früheren Leben war ich ein stolzer Wachhund. Die Sicherheit der Menschen, die ich liebte, hing von meiner Umsicht und Aufmerksamkeit ab. Als sie mich nach dem großen Brand, weil es nichts mehr zu bewachen gab, in die Wälder jagten, entsann ich mich meiner Vorfahren und begann ein freies unabhängiges Leben zu führen. Immer mit guten Mahlzeiten versorgt, musste ich erst lernen, für mich selber zu sorgen. Ich schwöre Ihnen, dass ich mich nur deshalb an frisch geborenen Lämmern vergriff, weil sie für mich am leichtesten zu erbeuten waren. Als sie mich fassten und zu Ihnen brachten, war ich froh, dass ich von nun an nicht mehr für mein Überleben verantwortlich war. Eigentlich bin ich ein friedliches Wesen. So gesehen kam Nora zur rechten Zeit. Sie verliebte sich in mein seidiges Haar, in den frommen Glanz meiner Bernsteinaugen. Fast wie ein Pudel, sagte sie, ich war gekränkt, aber mein verwildertes Herz sehnte sich nach Führung, ich folgte ihr dankbar.

Nora wohnte in einem Penthaus, sechs Stockwerke über den Bäumen des Parks. Wir nahmen immer den Lift. Im Sommer lag ich auf dem Dachgarten im gefächerten Schatten der Palmen, im Winter benutzt ich das offenen Geviert des Kamins, um mich vor den treibenden Flocken zu schützen. Immer unruhig, Noras Unwillen fürchtend, denn sie mochte es nicht, wenn ich für mich war. Ihr war es lieber, wenn ich mich dicht an ihrer Seite hielt. Immer wieder bot sie mir Martins Matratze an. Ich konnte Nora gut riechen, ich liebte ihre Nähe, aber dass sie nachts so viel weinte, machte mich nervös. Mir wurde sehr schnell klar, dass es mir nie gelingen würde, sie zufrieden zustellen. Ich bin an eine Hauptmahlzeit gewöhnt, von den vielen über den Tag verteilten Bröckchen, auch Kuchen und Pralinen waren dabei, bekam ich Blähungen. In den handgestrickten Bauchwärmern aus Kaschmir, kam ich mir albern vor. Niemand nahm mich mehr ernst. Aber ich hatte nur Nora und sonst niemand, ich gab mir alle Mühe der Welt, ein guter Kerl zu sein. Nur zu mir war sie ehrlich, vor mir versteckte sie sich nicht. Ich hörte alle ihre Liebesschwüre, ihr Flehen und Betteln am Telefon und alle Verwünschungen und Flüche, wenn Martin doch nicht kam. Einmal trat sie vor Wut auch nach mir, der doch nur gekommen war, um sie zu beruhigen. Ich war nicht nachtragend, auch war mir bewusst, dass der Tritt Martin gegolten hatte und nicht mir. Aber seitdem verzog ich mich immer in den hintersten Winkel, wenn ihre Stimme schneidend wurde. Das kam zum Glück nicht so häufig vor, die meiste Zeit war Nora sehr lieb, und hätte mich, wenn ich dafür nicht zu groß gewesen wäre, am liebsten nur auf dem Arm herumgetragen. Sie kleidete sich passen zu meinen Farben in alle Nuancen von beige bis braun. Wenn wir auf der Straße gingen, sollte jeder sofort erkennen, dass wir ein Paar waren. In der Öffentlichkeit gehorchte ich auf einen Wink ihrer Augen und wurde von all ihren Freundinnen wegen meiner Folgsamkeit gelobt. Nur zu Hause ließ ich mich manchmal gehen und frönte hinter ihrem Rücken den wenigen Gelüsten, die mir geblieben waren. Das Wasser, das Regenfälle auf dem Dachgarten in Pfützen hinterließen, schmeckte nach der Wildnis der Wälder. Ich trank immer nur heimlich und immer hastig davon. Abhängigkeit ist ein beklagenswerter Zustand. Selbst wenn es gelingt, sie zu überlisten, wird das Leben nicht froh. Der Schatten Schuld verdunkelt jedes Vergnügen.

Leila traf ich an einem Strandstück zwischen Weningstedt und List. Uns erfasste auf der Stelle eine große Leidenschaft zueinander. Wir versteckten uns in den Dünen. Ich hörte Nora nach mir rufen, erst ratlos fragend, dann energischer, fordernder, für diesmal konnte ich ihr nicht folgen. Ich blieb bei Leila. Noras Stimme wurde ärgerlich, wütend und mit banger Ahnung hörte ich, dass sie uns näher und näher kam. Dann tauchte ihr Kopf über den Dünen auf, ihre Augen weiteten sich bei unserem Anblick. Mit ein paar Schritten war sie bei uns und versuchte, uns auseinander zu bringen. Ich konnte nicht anders, ich schnappte nach ihrer Hand. Ich wusste es sofort: Sie wird nie wieder gut zu mir sein. Ich habe sie verraten. Sie wird meine Untreue und den Schmerz, den ich ihr zugefügt habe, nie wieder vergessen. Nora gewährt keine zweite Chance. Für sie bin ich gestorben.

Und so war es. Als ich sie am Abend auf einer Terrasse, wo sie mit anderen dinierte, endlich wiederfand, wischte sie mich mit einer Handbewegung aus ihrem Blickfeld. Ich kroch auf allen Vieren winselnd unter ihren Tisch. Sie wäre ohne mich gegangen, wenn ich nicht hinter ihr her gelaufen wäre. Eine ihrer Freundinnen nahm sich meiner an und brachte mich zu Ihnen. Mein Schicksal war besiegelt. Ich habe Noras Verhalten in jeder Einzelheit voraus gesehen. Man kennt, was man hasst genauer als das, was man liebt.

(Zuerst in: „Der Dreischneuß“ Zeitschrift für Literatur, Marien-Blatt Verlag, Lübeck 8/2012, Nr. 24)

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Altus

Die Plattform da oben sieht sehr klein und hoch unter dem Himmel aus. Die Schwalben streichen über sie hinweg, die schweren weißen Wolken scheinen sie fast zu berühren. Seine Entschlossenheit ist eine Feder in den Beinen, die ihn in Bewegung setzt. Schritt um Schritt, Stufe um Stufe nähert er sich. Zuerst hinterlassen seine nackten Füße noch feuchte Abdrücke auf den schmalen Eisenstreben der Treppe. Auf halber Höhe hält er inne. Er weiß, die Augen der anderen kleben an ihm und lassen keine seiner Bewegungen aus. Er könnte umkehren. Es gab welche, die umgekehrt sind. Eddi zum Beispiel, der die leiterartige Treppe, die eigentlich nur zum Hinaufklettern gemacht ist, Stufe für Stufe rückwärts wieder hinunter gestiegen ist mitten hinein in die johlende Horde, die ihn am Fuß des Turmes erwartete.
„Schlappschwanz! Memme!“
Wenn die wüssten, dass er heute Geburtstag hat. Einen besonderen Geburtstag: den ersten zweistelligen. An besonderen Tagen wie diesem muss auch etwas Besonderes passieren. Seine Beine steigen weiter wie von selbst. Sie haben ihren eigenen Willen und wollen hinauf in diese luftige Höhe, von wo der Wind ihm entgegen bläst und ihm die letzten Wassertropfen auf der Brust trocknet. Er schlottert und weiß nicht, ob vor Kälte oder vor Hitze, denn sein Herz schlägt heiß und wild unter der kühlen Haut. Die kleine Plattform am Ende der Stiege kommt ihm entgegen, als würde er hinausgeschleudert und stünde nun wie Gulliver auf der ausgestreckten, in den Himmel ragenden Handfläche eines Riesen aus Brobdingnag. Er tritt an den Rand und schaut in die Tiefe. In den körperlosen weißen Ovalen der Mitschüler kann er nur die zu ihm heraufstarrenden Augen erkennen. Das Becken ist viel kleiner, als er gedacht hat. Fast könnte er, wenn er einen Anlauf nähme, über es hinaus in die angrenzende Liegewiese springen. Vom Rand der Nichtschwimmerzone, wo das Wasser noch wie Wasser aussieht, aufgewühlt vom Plantschen der kleinen Kinder, dringen Schreie und Rufe zu ihm hinauf wie aus einer Welt, zu der er nie wieder gehören wird. Tief unter ihm zu seinen Füßen dehnt sich nur leicht grünlich gefärbter Beton, glatt wie ein asphaltierter Platz, auf dem man gut Rollschuh laufen könnte. Sie haben gesagt, wenn man aus dieser Höhe nicht mit den gestreckten Füßen oder dem Kopf zuerst eintaucht, kann man tot sein. Er muss springen, als ob er ein Brett verschluckt hat, das vom Scheitel bis zu den Sohlen reicht. Seine Zehen umklammern die Kante. Es ist sein Geburtstag heute. Der Wind streicht ihm kalt über den Rücken. Die Zehen lösen sich wie von selbst. Er schwankt. Er springt.
Und schon in der nächsten Sekunde schießt lautlos das Wasser an den Seiten empor. Als zöge jemand Seidentücher an ihm entlang. So schön kann sinken sein. Das hat er nicht gewusst. Bis auf den Grund. Er stößt sich kräftig ab. Und, schneller als gedacht, ist der Himmel schon wieder über ihm. Er presst die restliche Luft stöhnend aus seinen Lungen, zieht mit allen Poren frische in sich hinein, hört den Beifall der anderen. Er ist der King. Er ist Marko, der gesprungen ist und nicht Eddi, der wieder umgekehrt ist.
„Du bist super“, sagt Eddi auf dem Rückweg zur Schule und legt den Arm um ihn. Er möchte gerne sein Freund sein. In der Lateinstunde setzt er sich neben ihn.
„Altus“, sagt der Lateinlehrer, „altus – das ist ein besonderes Wort. Es bedeutet hoch und – tief. Kann mir jemand sagen, warum die Lateiner nur ein Wort für zwei verschiedene Sachen haben?“
„Es ist zweistellig“, sagt Marko in die Stille hinein, ohne sich gemeldet zu haben.
Die Mitschüler kichern, einige zischeln. So ein Quatsch. Er steht auf und bringt sie mit einer Handbewegung zum Schweigen.
„Es kommt darauf an, wo ich mich h i n s t e l l e“, sagt er. „Eigentlich ist es dasselbe. Nur: von unten ist es hoch, von oben ist es tief.“
„Super“, sagt der Lateinlehrer, „das hast du sehr gut erklärt.“
Marko setzt sich wieder. Es ist ein guter Tag heute, ein Geburtstag eben, wie er sein soll, wenn er zum ersten Mal zweistellig ist.

(In: Gegenwort, Husum Verlag, 2017))

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Aber Flügel

Sie macht ja alles. Niemand kann ihr einen Vorwurf machen. Dieser Sonntagnachmittagskaffeetisch könnte in einer Hochglanzzeitschrift für schöneres Wohnen abgebildet sein: Iceland Poppies auf wiesengrüner Seide, orange Gerbera in einer Rosenthalvase. Was könnte sie noch tun? Die Sahne ist geschlagen, der Kuchen geschnitten und auf der Tortenplatte zu einem Fächer angeordnet. Der Kaffee darf erst in letzter Minute aufgebrüht werden, da ist Carsten empfindlich. Erst wenn sie ihre Stimmen im Garten hört, wird sie den Wasserkocher einschalten. Eigentlich sollten sie schon lange da sein. Wahrscheinlich konnten sich die Kinder wieder einmal nicht von den kleinen Zebras losreißen. Sie sind allerdings niedlich, so voller Leben auf ihren schlaksigen Beinen. Laura wünscht sich seit langem ein Tier im Haus, einen Hund vielleicht. Sie ist einverstanden, sie macht ja alles, aber Carsten ist dagegen. Sie wird noch einmal die Position der Gerbera in ihrem Winkel zur Tortenplatte verändern. Der erste Blick auf den Tisch, wenn man zur Tür hereinkommt, ist so eindrucksvoller.
Aber niemand kommt zur Tür herein. Sie lassen sie warten, dabei weiß Carsten genau, dass er das mit ihr nicht machen darf. Warten höhlt sie von innen her aus. Sie fühlt es dann wieder, das, was manchmal in den Turbulenzen der Alltagsgeschäfte in den Hintergrund tritt: Jemand hat ihr die Berechtigung zu leben abgesprochen. Sie erinnert sich nicht, wer es war, und wann es sich ereignet hat, weiß sie auch nicht. Es war schon immer so. In dem Land der anderen war sie immer nur eine Besucherin, eine, die jederzeit ausgewiesen werden konnte. Wenn sie sich ein neues Kleid kaufen musste, nahm sie irgendeins, weil es nicht darauf ankam. Sie würde es sowieso zurücklassen müssen. Morgen oder irgendwann. Alles war vorläufig. Das Kleid war vorläufig, die Schuhe, in denen sie lief, die Wohnung, in der sie lebte. Auch die Liebe war vorläufig. Nur mit den kleinen Kindern war es schwierig, sie wollten nicht vorläufig sein. Sie benahmen sich, als könnten sie bleiben, wenn sie gehen musste. Besonders Felix hing sich an ihren Hals, den Glanz einer niemals endenden Liebe in seinen blauen Augen, wie ein Licht aus einer fernen Galaxie. Erst allmählich, indem die Kinder größer wurden, hatte sie es begriffen. Stück für Stück wie ein Puzzle, das das ganze Bild erst mit dem letzten Stein, der die letzte Lücke schließt, preisgibt: Laura und Felix gehörten in das Land der anderen. Offenbar hatten sie eine angeborene Aufenthaltsgenehmigung, die ihnen keiner absprechen konnte. Für sie war gar nichts vorläufig. Sie behandelten die Wahl der Eissorte, Erdbeer oder Stracciatella, mit einem Ernst, als hinge ihr Leben davon ab. Auch Carsten, auch er, der Vater dieser Kinder, von dem sie einmal geglaubt hatte, dass er wie sie nur ein Geduldeter wäre, hatte hinter ihrem Rücken ein Bleiberecht erworben. Für die Kinder freut sie das, von ihm fühlt sie sich verraten.

Aber auch sein Verrat zählt nicht wirklich, er ist so beliebig wie seine Liebesschwüre. Er ist nur eine Bestätigung ihrer kristallenen Einsamkeit. So wie hier, zwischen Tür und Angel, mit dem Blick auf einen perfekten Sonntagnachmittagskaffeetisch, in einem Einfamilienhaus in einem der begehrten Vororte. Sie ist aus der Welt gefallen, unrettbar verloren, nicht einmal der Tod wäre eine Alternative, denn es gibt keinen Ausweg aus dem Nichts.

Jemand müsste ihr Flügel schenken. Sie kann sich nicht vorstellen, wer das sein könnte, und wie das vonstatten gehen könnte, weiß sie auch nicht. Aber Flügel! Flügel könnten sie vielleicht zurücktragen. Auch mit einem Flügel wäre sie schon zufrieden. Sie würde es versuchen. Sie macht ja alles. Besser eine Geduldete im Land der anderen als eine Untote im Paradies.

(in: macondo, Edition zwanzig, 2009)

Zwack

Gesülzte Tafelspitzterrine an Apfel-Selleriesalat und Buttermilch-Remouladensauce. Sautierte Kalbsstreifen mit Senf-Rosmarin-Vinaigrette mit Gemüse-Julienne. Schaumsuppe von Flusskrebsen mit Safran-Cognac-Haube. Gebratene Maishähnchenbrust, mariniert in Zitronen-Thymian, mit Ingwer-Schokoladenglacé, Mango-Mangold-Gemüse und Rosmarin-Maispolenta. Duett von Erdbeer-Orangen-Mousse und Stracciatellaparfait an Pralinensoße. Am Buffet Auswahl an internationalen Käsespezialitäten. Kaffee, Tee.

Das war nur die eine Seite der Speisekarte. Es gab noch ein zweites Menu. Er versuchte in den Mienen der anderen, mit denen der Obersteward ihn an einem Tisch zusammengewürfelt hatte, zu lesen. Fanden sie diese Karte nicht auch so ungeheuerlich wie er selber? Musste man jetzt nicht in ein gemeinsames befreiendes Gelächter ausbrechen, weil alles gar nicht ernst gemeint war? Aber niemand sah aus, als zuckten ihm bei der Lektüre schon die Mundwinkel.

Mein Gott, was ihn betraf, so führte er doch ein bescheidenes Leben, in dem so etwas wie Pralinensoße bisher nicht vorgekommen war. Den Traum, einmal selbst eines der prunkvollen Häuser zu bewohnen, die er als Mitarbeiter des Amtes für Baudenkmalpflege begutachtete, hatte er spätestens mit dem frühen Tod seiner Frau begraben. Er logierte in einer Zweieinhalbzimmerwohnung, ernährte sich vegetarisch und ging einmal in der Woche ins Kino. Diesen Luxus leistete er sich, seitdem er seinen Fernseher abgemeldet hatte. Er bevorzugte heitere, nichtssagende Filme, in denen die Welt noch in Ordnung war. Für die katastrophalen Nachrichten aus der Realität reichte das Radio vollkommen aus, die Bilder zu den Schreckensmeldungen konnte er schon lange nicht mehr verkraften. Dafür schämte er sich, aber so war es. Er besaß eben nicht so eine robuste Natur wie die meisten seiner Mitmenschen. Manchmal stellte er sich vor, man könne ihn so wie die heruntergekommenen Häuser in der Altstadt, die er betreute, einfach entkernen. All das schmutzige Gerümpel, das sich über die Jahre in ihm angesammelt hatte, die schiefen Wände, die stickige Enge, die giftigen Ausdünstungen würden einfach ausgeräumt, und zurück bliebe ein freier Raum, eine von Licht durchflutete Weite, in der er sich leichten Herzens neu einrichten könnte. Wenn man dann noch die Fassade erneuerte, die graue Haut spannte und rosig tünchte, die eingegrabenen Falten auf der Stirn ausfüllte, die Schlupflider beseitigte, die Mundwinkel nach oben böge, würde er dem Leben noch einmal eine Chance geben. Aber leider musste er sich täglich aufs Neue mit dem einrichten, was er in sich vorfand. Das war eine Aufgabe, die ihn neben seiner Tätigkeit im Amt für Baudenkmalpflege voll ausfüllte. Er vermisste noch immer seine Frau. Auch nach sechsunddreißig Jahren hörte er ihre Stimme:
„Ewald”, sagte sie, „du denkst zu kompliziert.“
Er gab sich Mühe, einfach zu denken, aber seine Gefühle blieben leider kompliziert. Wie angesichts dieser monströsen Speisekarte auf einem eleganten Flusskreuzschiff, das sieben Tage lang mit ihm an Bord einmal die Donau hinunter- und wieder hinauffahren würde. Eine komplizierte emotionale Gemengelage. Die fünf Mitreisenden, die mit ihm um den runden Tisch saßen, schwatzten fröhlich belangloses Zeug und begrüßten jeden neuen Gang, der serviert wurde, mit herablassendem Wohlwollen, so als wäre es ihr gutes Recht, derart verwöhnt zu werden. Er begriff, dass Völlerei ein Ausdruck von Wohlstand war. Die alleinreisende Dame, deren Doppelkinn in einer dreireihigen Perlenkette ruhte, die beiden Paare, Lehrer im Vorruhestand, Biologie und Mathematik, soviel er mitbekommen hatte, mit ihren Ehefrauen, waren offenbar wohlhabend genug, um diese Luxusreise zu bezahlen, ihm hingegen war sie zugefallen.

Im Amt hatte er nur erzählt, dass er bei einem Preisausschreiben der Zeitschrift Stadt und Kultur eine Städtereise gewonnen habe. Dass er dafür ein Kreuzworträtsel gelöst hatte, hatte er schamvoll verschwiegen, genauso, dass es sich um eine Schiffsreise handelte. Er verabscheute Kreuzworträtsel, diese bildungsbürgerliche, die Zeit totschlagende Flucht in die Besinnungslosigkeit. Und nun saß er genau deshalb hier, als wäre er einer von ihnen. Schon als er die geräumige Doppelkabine betreten hatte, in der er nur ein Bett belegen würde, hatte ihn ein schlechtes Gewissen beschlichen. Ja, wenn seine Frau noch lebte, aber er? So allein. Eleganz, wohin er sah. Ein Bad, das größer war als seine Nasszelle zu Hause. Als er vom ersten Abendessen, das über zwei Stunden gedauert hatte, zurückgekommen war, hatte die Kabinenstewardess seinen Pyjama auf dem aufgeschlagenen Bett drapiert, als wäre er eine Ware in einem Schaufenster, die Käufer anlocken sollte. Daneben lagen die ausgedruckten Programme für den nächsten Tag und auf dem Kopfkissen ein Pralinee. Alle Lampen, die rundum an den Wänden angebracht waren, brannten und gaben der Kabine das Flair einer Hollywoodsuite. Das große Fenster, dessen unterer Rahmen auf derselben Höhe wie der Wasserspiegel der Donau lag, war tiefschwarz. Am Nachmittag noch hatte er, wenn auch durch kleine anbrandende Wellen etwas beunruhigt, auf das vorbeiziehende linke Donauufer geblickt. Als er näher trat und hinter die Spiegelung seiner Gestalt spähte, entdeckte er kaum dreißig Zentimeter entfernt eine feuchte, bemooste Steinwand, die den Blick vollkommen verstellte. Gerade als sein Herz zu klopfen beginnen wollte, bemerkte er, dass sich das Schiff nicht mehr bewegte. Natürlich, er schlug sich mit der Hand vor die Stirn, man war in einer Schleuse.

An die Schleusen gewöhnte er sich schnell, an die Essenszeremonien nicht so leicht. Elf Schleusen gab es auf der Strecke zwischen Passau und Budapest. Nachts lauschte er auf die Geräusche, die bebend das ganze Schiff durchdrangen, am Tag stand er auf dem Sonnendeck und zitterte mit dem Kapitän. Manche Schleusen waren so schmal, dass rechts und links vom Schiff nur noch zwei Hände breit Platz war. Von Passau nach Budapest fuhren sie bergab, in der umgekehrten Richtung bergauf. Aber das mit dem Essen war eine andere Sache. Seine Tischgesellschaft verlangte nach seiner Anwesenheit und murrte, wenn er fernblieb. Von morgens um halb sieben, wo im Café ein Frühaufsteherfrühstück serviert wurde, bis zum Mitternachtsbuffet in der Lounge wurden den ganzen Tag Köstlichkeiten mit langen Namen serviert. Als bestünde das ganze Leben nur aus Essen und Verdauen. In den notwendigen Verdauungszeiten konnte man Dürnstein, Esztergom, Wien, Bratislava und Budapest besichtigen. Er hatte sich auf die Reise gefreut, weil er Wien und Budapest, zwei Städte, die er nur von Bildern her kannte, mit eigenen Augen sehen wollte, aber das Leben an Bord verdarb ihm die Laune.

Diese verhängnisvolle Frage, die einem den Boden unter den Füßen wegzog, diese geradezu bohrende Frage nach dem Sinn des Lebens, die zu stellen er sich über Jahre verboten hatte, drängte sich ihm täglich mehr auf. Weder die berühmte Hofburg noch die Mathias-Kirche erschütterten ihn, ja, ein nächtlicher Spaziergang auf
die Fischerbastei, die sich, angestrahlt von unzähligen Scheinwerfern, ausnahm wie der Alptraum eines Zuckerbäckers, erboste ihn geradezu.

Es war an diesem Abend, dass er sich, obwohl es schon spät geworden war, von seinen Tischgenossen noch zu einem Besuch in der Bar überreden ließ. Das Bordorchester spielte ungarische Weisen, und Ewald machte Bekanntschaft mit Zwack. Zwack war nicht nur gut gegen den unangenehmen Magendruck, den die ausschweifenden Mahlzeiten hinterließen, sondern auch gegen existenzielle Bedrängnisse. Zwack war ein ungarischer Kräuterlikör, eine Erfindung des Leibarztes Zwack, um die Folgen zu heftiger Mahlzeiten seines Regenten zu lindern. Der soll nach der ersten Verkostung begeistert ausgerufen haben: Das ist ein Unicum, weshalb die bräunliche Flüssigkeit auch den Namen Unicum führte. Den Stewards auf dem Schiff war es jedenfalls einerlei, ob man nach Zwack oder Unicum verlangte, sie brachten immer das Richtige. Nach dem dritten Zauberglas dieser Medizin ging es Ewald so gut, dass es ihm nichts ausmachte, mit der Frau des Biologielehrers über Kochrezepte zu plaudern.

Zwack war Medizin für Körper und Seele und tat ihm derart gut, dass er es am nächsten Tag nicht verschmähte, bei einer Bayerischen Brotzeit, die um elf Uhr auf dem Sonnendeck serviert wurde, zuzulangen. Zwack gab seinem Dasein eine Leichtigkeit, die er bisher nicht für möglich gehalten hatte. Sogar der überladene barocke Prunk im Kloster Melk, den er sonst als dekadent abgelehnt hätte, fand seine Zustimmung. Er saß jetzt immer nach dem Abendessen noch lange mit der Tischgemeinschaft in der Bar.

Auch am vorletzten Abend der Reise fand er erst spät zurück zu seiner Kabine. Alle Lampen brannten wie jeden Abend, sein Schlafanzug war schön drapiert, sein Betthupferl war da und das Programm für den nächsten Tag, aber irgendetwas war anders und jagte ihm einen Schauder über den Rücken. Dann wusste er, was es war. Aus dem Fenster sahen ihn zwei riesengroße, schwarz glänzende Augen an. Zwei aufgerissene Augen in einem wüsten Gesicht, die ihn höhnisch anstarrten. Eine schreckliche Fratze, ein Höllengesicht. Die Augen bewegten sich ein wenig in den linken Rand des Fensters, kehrten dann aber in die Mitte zurück. Ewald, schienen sie zu fragen, was treibst du hier? Schämst du dich nicht? Er begann zu zittern. War das das Jüngste Gericht, ein Vorbote gewissermaßen? Er wurde zur Rechenschaft gezogen für seine Maßlosigkeit. Flehend hob er die Hände. Nie wieder Alkohol, schwor er, nie wieder Galadinner, nie wieder Lügen im Amt, nie wieder Neugier auf fremde Städte, nie wieder Kreuzworträtsel, nie wieder Betthupferl, nie wieder Anspruch auf ein bisschen Glück. Das stand ihm einfach nicht zu. Er sank auf das Bett und schlief auf der Stelle ein, so wie er war.

Als er am Morgen aufwachte, ging sein erster Blick zum Fenster. Die Donau kräuselte sich bräunlich an der Scheibe, am Ufer zogen einfache Fischerhütten auf Stelzen vorbei. Im Mund hatte er einen sehr schlechten Geschmack. Er versuchte, seine Gedanken und seine Gefühle zu ordnen, aber alles quirlte durcheinander. Er überlegte, ob die Augen im Fenster eine alkoholbedingte Halluzination gewesen sein könnten. Aber wenn nicht, was dann? Zwar glaubte er eigentlich nicht an übersinnliche Phänomene, aber diese Reise war so ein ungewöhnliches Ereignis in seinem Leben, warum sollten nicht auch noch mehr ungewöhnliche Dinge passieren. Ein Menetekel an der Fensterscheibe, warum nicht. Aber er war nicht Belsazar, wenngleich er gerade ... Ewald, unterbrach ihn die Stimme seiner Frau, du denkst zu kompliziert.

Stöhnend stand er auf und machte sich für das Frühstück fertig. Ein Brötchen, nahm er sich vor, mittags nur den Hauptgang, nachmittags einen Ausflug in die Landschaft und sich den frischen Wind um die Nase wehen lassen, abends etwas Obst und auf gar keinen Fall Zwack. Sich nicht mehr anstecken lassen von dieser dekadenten Gesellschaft, in die er geraten war. Wieder er selbst sein.
Am Tisch waren sie schon alle versammelt.
„Haben Sie schon gehört?”, rief ihm der Biologielehrer entgegen, „wir hatten heute Nacht tatsächlich einen Biber in der Schleuse, er ist um das Schiff herumgeschwommen und hat in alle Kabinenfenster geglotzt.“


(In: Süchtig nach den Worten. Anthologie der Gedok Schleswig-Holstein. Husum Verlag, 2013.)


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Das Schicksal in vollkommener Klarheit

Du weißt, was man mit bösen Kindern macht, hatte der Vater gesagt. Fritz wußte nicht genau, was man mit bösen Kindern machte, aber er hatte eine Ahnung. Es mußte mit dem Unterkeller zu tun haben. Er war noch nie da unten gewesen, aber er hatte große Angst davor. Manchmal sagte die Mutter zum Vater, du mußt einmal wieder nach unten gehen und nach dem Rechten sehen. Die Stimme der Mutter war dann so fremd, daß es ihn fror. Er wußte selbst nicht warum. Alle Erwachsenen am Tisch sahen sich an und wußten Bescheid. Der Vater, die Mutter, der Großvater und auch die Lisbeth, die jeden Tag kam, um der Mutter bei der Hausarbeit zu helfen. Nur die Kinder wußten nicht Bescheid. Sie waren zu fünft, die große Schwester Anna, der große Bruder Wilhelm, dann kam er und nach ihm die kleine Schwester Lotte und der ganz kleine Bruder Heiner. Sie konnten überall spielen. Das Haus hatte viele Zimmer, war geräumig und durch die großen Fenster fiel das helle Licht des Gartens. Die Kinder hatten, wenn sie nur anklopften, Zutritt zu allen Zimmern des Hauses, nur der Unterkeller war ihnen verboten. Manchmal schickte ihn die Mutter in den Oberkeller, etwas zu holen. Dort lagerten die Kartoffeln für den Winter in großen Säcken aus Jute und auf den Regalen reihten sich die Gläser mit Marmelade und anderem Eingemachten. Dann sah Fritz auch die schmale Stiege, die hinunter führte in den Unterkeller. Im Oberkeller warfen starke Leuchtröhren ein schattenloses Licht auf die Regale und leuchteten den Fußboden bis in den letzten Winkel aus, auf der Stiege zum Unterkeller aber wurde es, je tiefer man hinunter sah, immer dunkler. Die schmalen Stufen waren nicht wie der Fußboden und die Wände im 0berkeller weiß gekalkt, sondern grau und verwittert, mit Schmutzrändern in den Dellen, die von vielen Füßen hineingetreten waren. Die Wände rechts und links neben der Stiege waren genauso grau und schmutzig und bei bestimmten Wetterlagen trat Feuchtigkeit aus den Poren der Mauern hervor wie winzige Schweißperlen. Ganz unten konnte man die schwere braune Tür, die mit einer starken Kette gesichert war, nur noch undeutlich erkennen. Einmal als er noch ganz klein war, hatte er die Mutter neugierig gefragt, und wo geht es da hin? Und die Mutter hatte streng geantwortet, da hast du nichts zu suchen. Manchmal überlegte Fritz, wer strenger war, der Vater oder die Mutter. Lange konnte er das nicht entscheiden, bis er endlich eine Lösung fand, indem er sich sagte, beide sind gleich streng, aber jeder ist anders streng. Es gab Gebote und Verbote. Ein Gebot hieß: Kinder sollen fröhlich sein, ein anderes: Kinder müssen folgen. Das waren einfache Regeln. Mit den Verboten war es viel schwieriger. Es gab unübersehbar viele und jeden Tag kamen neue hinzu. Es war verboten, Erwachsene mit Fragen zu belästigen, wenn diese nicht gestört werden wollten; es war verboten, laut zu rufen und schnell zu rennen; es war verboten, Sachen zu beschädigen, und sei es auch nur aus Versehen. Einmal, als er vor Wut sein Spielzeug auf den Fußboden geworfen hatte und es zerbrach, sagte Lisbeth zu ihm: Paß auf, daß das nicht die Mutter sieht, dann kommst du in den Unterkeller. Als Wilhelm eines Tages nicht mehr bei ihnen am Frühstückstisch saß, und auch am Abend nicht da war, um mit ihnen ins Bett zu gehen, erschrak er. War Wilhelm jetzt in den Unterkeller gekommen, weil er am Vortag dem Vater laut und trotzig Widerworte gegeben hatte? Anna fragte den ganzen Tag nach ihm: Wo ist Wilhelm, fragte sie den Vater, die Mutter, den Großvater und Lisbeth. Wir haben einen Fehler gemacht, sagte die Mutter zum Vater. Am nächsten Tag war auch Annas Platz am Tisch leer, und Fritz begriff, daß es ein neues Verbot gab: Nach Wilhelm und Anna durfte man nicht fragen. Er war traurig, und die Mutter tröstete ihn: halte dich an Lotte und Heiner und außerdem bekommen wir bald ein neues Kind. Er war jetzt der Älteste, und das war viel schwerer, als ein Kind in der Mitte zu sein. Er hatte jetzt Verantwortung für Lotte und Heiner und bald auch für das Baby, das mit seinem Geschrei die Eltern störte. Immer öfter gelang es ihm nicht, die neue kleine Schwester ruhig zu halten. An einem Tag, an dem er am Tisch bei seinen Schularbeiten saß, und gleichzeitig ein Auge auf die Wiege haben sollte, während im Nebenzimmer der Vater seine Zeitung las, wurde es ihm zu viel. Er stampfte mit dem Fuß auf, schrie das Baby an und schüttelte es am Ärmchen. Es fiel ihm sogleich ein, daß er das nicht hätte tun dürfen. Aus Angst vor dem Unwillen des Vaters wollte er aus dem Zimmer stürzen, stieß aber bei der Tür eine kostbare Vase von ihrem Tisch und fing, weil doch schon alles verloren war, an zu weinen. Der Vater, der seine Zeitung beiseite gelegt hatte, sagte ruhig: das war zu viel, wies ihn auf einen Stuhl und verließ das Zimmer. Fritz hörte, wie er bekümmert zum Großvater sagte: Den bekommen wir auch nicht groß. Nach einer Weile kam Lisbeth und holte den Korb mit dem Baby, das jetzt schlief. Fritz wartete, was nun mit ihm geschehen würde. Als es vor den Fenstern schon dunkel geworden war, kamen endlich die Eltern und nahmen ihn in ihre Mitte. Man führte ihn in den Oberkeller, wo er am Kopf der Stiege mit der Mutter wartete, bis der Vater die Kette vor der Tür zum Unterkeller aufgeschlossen hatte. Die Tür öffnete sich. Auch dieser Raum war mit schattenlosem Licht erfüllt. Fritz sah sein Schicksal mit vollkommener Klarheit vor sich: die Betonblöcke mit den Namenschildern: Anna und Wilhelm, die Kiste in seiner Größe, in die man ihn stellen würde, die Maschine mit der rotierenden Trommel, in der der flüssige Beton auf ihn wartete.

(In: Zusammen Leben. Poetische Anthologie. Husum Verlag, 2013.)

Nofretete in Kleinkummerfeld

Die Landschaft Schleswig-Holsteins wurde durch die Gletscher der Eiszeiten geformt. In der Mitte der Landmasse zwischen Nord- und Ostsee erstreckt sich von Flensburg im Norden fast bis nach Hamburg im Süden eine flache Ebene. Diese Ebene ist die Sanderfläche des letzten Gletschereises, das vor zehntausend Jahren das heutige östliche Hügelland bedeckte. Wenn Lena 1963 heimlich mit dem elterlichen Lieferwagen von Kiel in Richtung Neumünster unterwegs war, fuhr sie bis Blumenthal noch mitten durch die hügelige Moränenlandschaft. Die gefälligen Linien der Region entsprachen ihrem beschwingten Gemütszustand. In Kiel traf sie sich nämlich mit Wolfgang, ihrem Liebsten, der im städtischen Museum ein Praktikum machte, für ein paar schnelle Küsse zwischen den Wochenenden. Zwei gestohlene Stunden fielen nicht weiter auf, da stellten die Eltern noch keine Fragen. Lenas gute Laune aber reichte nicht viel weiter als bis Blumenthal, von da an ging es nur noch bergab, auf der Straße und mit Lenas Stimmung, und bei Bordesholm befand sie sich bereits auf der Sanderfläche mit ihren mageren Weiden und Äckern, auf denen ohne aufwendige Veredelung nichts gedieh, also zu Hause auf dem flachen Land, wo ihre hochfliegenden Pläne, mit Wolfgang zusammen Ägyptologie zu studieren, einfach nur lächerlich waren.
Lenas Großvater hatte 1921, als ihm eine kleine Erbschaft zufiel, die ertraglose Landwirtschaft aufgegeben und in Kleinkummerfeld, nahe Neumünster, ein Geschäft für Kolonialwaren eröffnet. Das war damals ein ehrgeiziges Unternehmen, denn Friedrich Guenthers Kolonialwarenladen war das einzige Geschäft weit und breit, und die Leute fuhren nach Neumünster, um für den täglichen Bedarf einzukaufen. Aber Lenas Großvater passte sich schnell den Bedürfnissen seiner Kundschaft an, und so gab es in seinem Kolonialwarenladen bald nicht nur Kaffee, Tee, Gewürze, Reis und Kakao zu kaufen, sondern auch Seife, Haferflocken und selbsteingelegte Bratheringe. Bis hinein in die siebziger Jahre sprach auch Lena noch von „unserem Kolonialwarenladen“. Das Familiengeschäft einen Gemischtwarenladen zu nennen, hätte die Eltern noch auf ihrem Altenteil gekränkt. Sie hatten Lena gleich nach ihrer Hochzeit mit Hans Nissen 1965 das Geschäft feierlich übergeben, erleichtert und froh darüber, dass die Tochter nach dem tragischen Tod des Sohnes nun doch noch begriffen hatte, wo sie hingehörte, und ihre unsinnigen Pläne, Ägyptologie zu studieren, aufgegeben hatte. Die notariell erfolgte Überschreibung des Kolonialwarenladens in Kleinkummerfeld auf Lena und ihren Mann hinderte die Eltern aber keineswegs daran, sich weiterhin in alles, was das Geschäft betraf, kräftig einzumischen, solange es ihre Kräfte erlaubten. Schließlich hatten sie ganz persönliche Beziehungen zu all ihren Kunden, kannten die Geburts- und Sterbetage in den Familien und, besonders wichtig, deren Wirtschaftslage. Lenas Mann, Hans, hatte viele Ideen. Er wollte die Unsitte des Anschreibens abschaffen, aber hinter seinem Rücken schrieben die Alten munter weiter an und hatten, wenn Hans ihnen Vorwürfe machte, wortreiche Erklärungen, warum es in diesem besonderen Fall gar nicht anders gegangen wäre. Eine Geburtstagstorte hätte sonst vielleicht nicht gebacken, ein erkranktes Kind nicht mit einem Malbuch getröstet werden können. Hans führte auch Rabattmarken ein, aber selbst Lena wollte sich nicht daran gewöhnen, sondern legte lieber eine Kleinigkeit gratis zum Einkauf dazu, einen Schokoladenriegel, eine Warenprobe, eine Packung Papiertaschentücher. Kein Kind verließ ohne eine Tüte Brausepulver oder ein paar Bonbons den Laden. Mit besonderer Liebe stellte Lena Geschenkkörbe für Jubiläen zusammen und freute sich, wenn die Beschenkten in den Laden kamen und ihre Auswahl lobten. Kundenbindung war das neue Zauberwort, das auch Hans einleuchtete. Als 1992 ein Reporter vom Schleswig-Holstein-Magazin zu ihnen kam, um sie als Inhaber des einzigen überlebenden Einzelhandelsgeschäfts in der Region, das schon in dritter Generation erfolgreich von der Familie Guenther geführt wurde, zu interviewen, waren sie beide auf ihr Geschäft, das nun ein Tante-Emma-Laden genannt wurde, sehr stolz.

Lena, gleich nach dem Krieg geboren, war im Laden aufgewachsen, und sie verbrachte dort ihr Leben. Das Geschäft in Kleinkummerfeld war der Mittelpunkt ihrer Welt; sie konnte sich keine andere mehr vorstellen. Aber in all den Jahren, die kamen und gingen, hatte sie an einem Traum festgehalten, der als einziger übrig geblieben war von den Plänen ihrer Jugendzeit, als sie gedacht hatte, die ganze Welt stünde ihr offen und sie müsse sich nur aufmachen, sie zu erkunden. Sie erinnerte sich nur noch schwach an die abenteuerlustige, selbstgewisse Person, die sie einmal gewesen war, aber die Wünsche der jungen Lena, die handfest und erfüllbar gewesen waren, hatte sie nicht vergessen. Diese Wünsche hatten sich in dem hintersten Winkel ihres Gedächtnisses jung und frisch erhalten und ihr manches Mal als ein Trost für die Zukunft geholfen, dunkle Zeiten zu überstehen: Einmal, irgendwann, wenn die Kinder groß waren, wenn die Einkünfte es zuließen, irgendwann, wenn sie gerade im Laden abkömmlich war, wenn der Bruch des Schienbeins links wirklich ausgeheilt war, sodass sie wieder ohne Beschwerden lange laufen konnte, dann, dann würde sie eine Reise nach Ägypten unternehmen und die Cheopspyramide mit eigenen Augen sehen, sie würde in der Grabkammer des Siremput stehen und die Wandmalereien, über deren Auslegung sie mit Wolfgang so oft gestritten hatte, im Original studieren. Wenn sie in ihren Phantasien so weit gekommen war, konnte sie auch Wolfgangs Stimme wieder hören, diese heisere, immer ein wenig fiebrig klingende Stimme, die ihr ins Ohr flüsterte: Du hast ein Profil wie Nofretete. Dann fragte sich Lena, wie wohl ihr Leben ausgesehen hätte, wenn sie bei Wolfgang geblieben wäre. Er hatte tatsächlich Ägyptologie studiert und lebte seit Jahren, so erzählte man im Dorf, als Leiter eines Museums in Italien.

Einmal waren sie zusammen auf einem Faschingsball in Kiel gewesen. Sie als Nofretete, Wolfgang als Echnaton. Ein schönes Paar, hatten Wolfgangs Freunde gesagt, aber da war ihr Bruder schon tot und nichts mehr so, wie es vorher gewesen war. Schon damals, als sie mit dramatisch geschminkten Augen in einer fast bis zur Taille geschlitzten Tunika die große königliche Gemahlin spielte, konnte sie nicht mehr wirklich daran glauben, dass sie nach dem Abitur zusammen mit Wolfgang nach Göttingen gehen würde, um Ägyptologie zu studieren. Zu sehr bedrängten sie die Eltern! Wenn sie nicht gerade davon redeten, dass nun selbstverständlich Lena nach dem Tod des Bruders das Geschäft übernehmen musste, so fühlte sie doch ihren missbilligenden Blick auf sich. Wozu noch das Abitur machen, sie hatte doch die Mittlere Reife und konnte sich sofort zur Einzelhandelskauffrau ausbilden lassen.

Das Gymnasium in Neumünster war aber in dieser Zeit ihr einziger Halt. Die Freunde, die alle ein Studium planten, Wolfgang, mit dem sie nicht nur die Leidenschaft für Ägypten teilte, die Universitätsbibliothek mit der Fachliteratur, sie alle waren in Neumünster und in Kiel und nicht in Kleinkummerfeld. Sie war immer weniger zu Hause, und die Eltern sahen sie immer vorwurfsvoller an. Eine Woche vor ihrem mündlichen Abitur erlitt der Vater einen Herzinfarkt. Statt sich vorzubereiten, half Lena der Mutter im Laden. Ihr Abitur bestand sie trotzdem. Auf ihrem Abi-Ball tanzte sie mit Wolfgang engumschlungen. Sie liebten sich in seinem Auto. Aber als sie nach Hause fuhr, wusste sie, dass es das letzte Mal gewesen war. Sie konnte die Last der Erwartungen, die ihr die Eltern auf die Schultern gelegt hatten, nicht mehr abschütteln.

Wenn Hans nicht gewesen wäre! Wer weiß, vielleicht hätte sie es ohne ihn nicht lange ausgehalten, hätte alles hingeworfen, wäre davongelaufen, weit, weit weg ins Tal der Könige, wo sie ohne irgendeine Verbindung nach Kleinkummerfeld in aller Seelenruhe Kalksteinscherben ausgegraben hätte. Aber für Hans, dessen Vater als Ungelernter auf dem Bau arbeitete, war ein Tante-Emma-Laden auf dem Lande eine vielversprechende Lebensperspektive. Er war fröhlich, stark und zupackend, ein ansehnlicher, blonder Hüne, der jedes auftauchende Problem als eine persönliche Herausforderung ansah, das er auf der Stelle lösen musste. Er half Lena, aus ihrer bitteren Unterwerfung unter den Willen der Eltern nachträglich eine Entscheidung zu machen, mit der sie wieder froh werden konnte.

„Feierabend“, sagte Hans traurig, „endgültig Feierabend“, und hängte das Schild in das Fenster der Ladentür, bevor er abschloss.

Geschlossen wegen Geschäftsaufgabe, hatte Lena in großen Druckbuchstaben darauf geschrieben und darunter: Wiedereröffnung nächsten Montag. Lena beobachtete ihren Mann, wie er untätig bei der Tür stehen blieb, die Arme hingen wie leere Ärmel nutzlos an den Seiten. Er wusste nicht, was er als Nächstes tun sollte.
„Du lässt jetzt alles stehen und liegen, wie es ist“, sagte sie, „so haben wir es abgemacht. Stefan und Anja sollen mit uns nicht dasselbe erleben wie wir mit meinen Eltern. Ab morgen früh ist es ihr Laden, ganz allein ihr Laden, und sie können damit machen, was sie wollen, hörst du. Deine Meinung ist nicht erwünscht, sie sind erwachsen und wissen, was sie tun. Wir – wir fliegen in vier Tagen nach Ägypten.“
„Wir? Du meinst, du fliegst nach Ägypten, und ich muss zum Koffertragen mit.“
„Hans!“ Lenas Stimme hatte einen besorgten Unterton. „Wir haben das hundertmal diskutiert, die Tickets liegen im Wohnzimmer auf dem Tisch, du fängst jetzt nicht von vorne an.“
Wochenlang, nein, monatelang hatte sie ihm von Ägypten erzählt, die alten Bücher hervorgeholt, neue gekauft, mit ihm zusammen Videos angeschaut und ganz allmählich hatte sich, indem sie versuchte, ihn, den Ahnungslosen, für Ägypten zu begeistern, auch bei ihr die alte, längst dahingeschwundene Faszination für das rätselvolle Land am Nil wiederbelebt. Aufgeregt wie ein Kind verbrachte sie die Tage vor dem Aufbruch zu ihrer großen Reise. Eine vierzehntägige Nilkreuzfahrt hatte sie ausgesucht, damit Hans nicht wie bei einer Rundreise jeden Tag seinen Koffer neu packen musste. Das war ein Zugeständnis an ihn, das er gar nicht zu schätzen wusste, denn auf dieser Kreuzfahrt würden sie nur die bekanntesten Pyramiden und Tempelanlagen besuchen, Gizeh, Karnak, Sakkara, Memphis; es gab aber insgesamt achtzig Pyramiden in Ägypten, und jetzt, wo sie fast ihr ganzes Leben darauf gewartet hatte, wollte sie alle sehen, auch die verfallenen und die für die normalen Touristen uninteressanten.

Sie fühlte sich eben nicht als normale Touristin, das war es, was sie Hans nicht begreiflich machen konnte. Wenn sie sich vorstellte, wie sie zum ersten Mal ihren Fuß auf ägyptischen Boden setzen würde, fühlte sich das an, als wäre es eine Heimkehr nach langer Abwesenheit. Vielleicht würde sie sich nach einer Führung in einer Pyramide verstecken, abwarten, bis der Zugang am Abend verschlossen würde. Dann hätte sie eine Nacht lang eine Pyramide ganz für sich alleine, wäre für eine Nacht unsterblich im Reich der Toten und könnte von Anubis die letzten Geheimnisse der Totenbücher erfahren. Nach einer solchen Nacht, da war sie sich sicher, würde sie wissen, was es war, das in ihrem Leben noch fehlte.

Sie landeten auf dem Flughafen Luxor, als es schon dunkel war. In dem Kleinbus, der sie zum Schiff bringen sollte, warteten sie lange müde auf unbequemen Sitzen, bis endlich auch der letzte Gast seinen Platz eingenommen hatte. Lena lehnte den Kopf an Hans’ Schulter und sah von Zeit zu Zeit durch schmale Augen, die ihr immer wieder zufallen wollten, Luxors Lichter vorbeihuschen. Als sie endlich das Schiff bestiegen, das wie ein festlich erleuchteter Palast auf der spiegelnden Fläche des Nils lag, wurde sie für einen Augenblick wieder ganz wach. Sie waren seit über zwölf Stunden auf den Beinen. Lena, die noch nie eine größere Reise unternommen hatte, hatte sich nicht vorstellen können, dass Reisen so anstrengend war. Als sie ihre Kabine in Besitz genommen hatten, wollte sie nur noch eins: sich ausstrecken, schlafen. Hans, den die Bauart des Schiffes interessierte, war noch munter genug, das Schiff zu besichtigen. Während Lena schlief, machte er einen langen Rundgang über alle Decks, kam mit verschiedenen Passagieren ins Gespräch und nahm schließlich im oberen Salon an der Begrüßung der Teilnehmer ihrer Reisegesellschaft durch den Reiseleiter teil. Am nächsten Morgen war er bester Laune, auf jeden Fall besserer als die letzten Tage in Kleinkummerfeld, und drängte zum Aufbruch. Lena hatte Kopfschmerzen, die auch ein Aspirin nicht wirklich linderten, der ägyptische Frühstückskaffee hatte ihr nicht geschmeckt, und es nervte sie, dass sie wieder so lange herumstanden, bis die Reisegesellschaft komplett war. Erst im Bus nach Karnak fiel ihr ein, dass sie weder gestern, als sie aus dem Flugzeug gestiegen war, noch irgendwann später darauf geachtet hatte, was es denn in ihr auslöste, nun endlich ägyptischen Boden unter den Füßen zu haben. Vor dem Eingang zum Tempelbezirk standen schon viele andere Busse in Reihe.

Als sie die Anlage betraten, sah Lena nur einen Säulenwald, in dem Hunderte Ameisen herumkrabbelten, der nicht viel gemein hatte mit den Bildern in ihrem Kopf. Sie löste sich von ihrer Reisegruppe, sie wollte nicht hören, was der Reiseleiter erzählte, sie wusste selbst genug über Echnatons Tempel. Aber sie fand kaum etwas von dem, was sie suchte. Entweder verwehrten ihr Menschenmassen den Blick, oder sie verlor die Orientierung. Bald taten ihr die Füße weh. Die Weitläufigkeit dieser Tempelanlage, die
als die größte auf der Welt galt, war ihr bekannt, aber ihre Großartigkeit auf Abbildungen war eines, und sie mit den eigenen Beinen zu erfahren, ein anderes; dazu wurde es mit jeder Minute heißer. Sie suchte nach ihrer Reisegruppe, fand sie endlich vor dem Obelisk Thutmosis I., fand Hans und flüsterte ihm ins Ohr, dass sie vorgehe und vorne bei den Bookshops auf ihn warte. Im Laden war es noch heißer als draußen, wo immer noch eine leichte Brise zu spüren war. Lustlos blätterte sie durch Bücher voller Fotos. Es war kaum ein Abbild einer Sehenswürdigkeit dabei, das sie noch nie gesehen hatte. Sie war froh, als sie endlich wieder in ihrer klimatisierten Kabine ankamen.

So blieb es auch die nächsten Tage. Sie verließen morgens um sieben das Schiff für eine Besichtigung, kehrten müde und erhitzt zu ihrem mehrgängigen Menü zurück, hielten eine Mittagsruhe auf ihren Betten, nahmen einen Tee im oberen Salon, während vor den Panoramascheiben ägyptische Landschaften vorbeiglitten, als sähen sie zu Hause ein Video, und warteten auf das Abendessen. Sie teilten den Tisch mit einem gleichaltrigen Ehepaar aus Köln, das über eine langjährige Reiseerfahrung verfügte und Lena das Gefühl gab, sie sei nur ein unwissender Bauerntölpel vom Lande. Hans unterhielt sich besser. Er erörterte mit dem Grundschullehrer aus Köln die zur Diskussion stehenden Bautechniken der Pyramiden und stellte neue Hypothesen auf. Am schönsten war es noch am Abend an Deck, wenn sie sich mit einem kalten Getränk in ihren Liegestühlen ausstreckten, die Ufer des Nils zum Anfassen nahe erschienen, und der abgekühlte Wüstenwind ihnen mit einer leichten Brise das Gesicht streichelte.

Am dreizehnten Tag der Reise, in Gizeh, beim Anblick der berühmten drei Pyramiden, postkartentauglich hintereinander aufgereiht, Cheops, Chephren, Mykerinos, brach Lena für sich selbst ganz unerwartet in Tränen aus. Es waren keine Tränen einer inneren Bewegung über die Begegnung mit diesen schon von Herodot bestaunten Zeugen der ägyptischen Geschichte, nein, Lena weinte über sich selbst. Sie hatte etwas verloren; einen Traum, ein Glück, eine unfehlbare Erhebung der Seele, mit der sie ihr ganzes Leben gerechnet hatte. Das erschütterte sie. Sie konnte es vor sich selbst nicht länger verheimlichen: Sie hatte sich an die Hitze und das frühe Aufstehen gewöhnt, sie besichtigte jede Tempelanlage und jede Pyramide mit Interesse, aber all diese großartigen Zeugnisse einer längst versunkenen Epoche rührten sie nicht, sie war nicht einmal besonders fasziniert von ihnen. Sie war keine Ägyptologin, sie war nichts weiter als eine besonders gut informierte Touristin. Ihr großer Wunsch, Ägypten zu bereisen, war fast fünfzig Jahre alt; weil sie ihn über all diese Jahre gehätschelt hatte, hatte sie versäumt, nach den Wünschen von heute Ausschau zu halten. Ganz dringend musste sie sich um die erfüllbaren Wünsche von 2012 kümmern.

Am Tag vor ihrem Abflug von Kairo, auf einem schmalen, langen, abschüssigen Gang im Inneren der Cheopspyramide, der zum besseren Gehen mit Holzplatten ausgelegt war, stieg das Gefühl heiß und pochend zum ersten Mal in ihr hoch. Sie brauchte eine Weile, bis sie wusste, was es war: Es war Freude. Sie freute sich auf zu Hause.

Der Rückflug erschien Lena weniger anstrengend als der Hinflug. Als sie im Shuttlebus vom Hamburger Flughafen nach Kleinkummerfeld saßen, zeigte Hans, der Geschmack am Reisen gefunden hatte, Lena Prospekte von Tunesien.
„Was hältst du davon?“

„Ja“, sagte Lena, „warum nicht nach Tunesien“, und fing an, Hans von der Musikschule in Neumünster zu erzählen. Dem Chor wollte sie beitreten und Musikunterricht nehmen, und ein Keyboard mussten sie auch kaufen. Hans wunderte sich.
„In deinem Alter“, zweifelte er, „kann man das doch nicht mehr lernen.“
„Und ob“, antwortete Lena, „was denkst du denn! In unserem Alter ist doch noch lange nicht Feierabend.“
Sie fuhren auf der Autobahn, die Abfahrt Großenaspe lag hinter ihnen, nun war es nicht mehr weit.
„Schön, dass es so lange hell bleibt“, sagte eine Frau hinter ihnen.
„Ja“, sagte Lena und lehnte ihren Kopf gegen Hans’ Schulter, „und schön, dass man so weit gucken kann. Dahinten“, sie wies in die Weite zu ihrer rechten Hand, „irgendwo, da, da liegt Kleinkummerfeld.“ (In: Süchtig nach den Worten. Anthologie der Gedok Schleswig-Holstein. Husum Verlag, 2013.) Kaufen bei Amazon

Im Kasten

Ich möchte mich auch mal so in ein weißes Unendlich stürzen, dachte Clea, hineingebückt in die Nische, wo lauwarmes Wasser aus einem verkalkten Hahn drucklos in die Schüssel rann. So wie die im Kasten wollte sie sein, mit solchen Brettern unter den Füßen es hell haben und weit.

Clea versuchte, lautlos zu denken, denn die Mutter sollte sie nicht hören. Aber die Mutter hörte ihre Gedanken immer. Das war, so schien es ihr, wegen der Enge unvermeidlich. Sie versuchte es trotzdem. Immer wieder, denn es war wichtig herauszufinden, ob nicht doch irgendwo einen Winkel gäbe, eine Ecke sich auftäte, die die Mutter nicht besetzt hatte. Aber die Mutter hatte ihre Ohren auch in Cleas Kopf untergebracht; genauso wie Augen, Mund und Nase.

Wenn das Essen auf dem Gaskocher, der so schlecht zu regulieren war, anbrannte – sie rochen es im selben Augenblick, und wenn sie an den verdorbenen Geschmack dachten, zogen sich ihre Mundschleimhäute vor Widerwillen zusammen. Auf den verbeulten Blechtopf, dessen Boden nun wieder mühselig reingeschrubbt werden musste, blickten sie mit derselben Verachtung, und wer von ihnen beiden dann, wenn sie sich endlich an den Tisch setzten, ausrufen würde, „dass wir aus solch einem Topf essen müssen,“ das war egal. Hauptsache, es wurde ausgesprochen! Jeden Mittag, angebrannt oder nicht angebrannt, noch bevor sie die Löffel in die Hand nahmen.

Der Vater verweigerte ihnen nämlich schon seit langem einen neuen Topf. Immer wenn er die schwere Tür aufschloss, um ihnen die Nahrungsmittel für die nächsten Tage zu bringen, lauerten sie, ob er einen neuen Topf dabeihätte, aber jedes Mal sagte er barsch: „Ich schleppe mich schon genug ab, um euch zu versorgen, wartet, bis er ein Loch hat.“ Sie wollten ihn auf keinen Fall verärgern und nickten, aber bei der nächsten Mahlzeit sagten sie es wieder: „ ... dass wir aus solch einem Topf essen müssen!“

Der Vater blieb in letzter Zeit nur noch kurz. Seitdem die Mutter, wenn er den Vorhang vor dem Bett zuzog, nicht mehr wie früher geflüsterte Bitten und erstickte Laute von sich gab, sondern so still geworden war, als wäre sie gar nicht da, und Clea nur noch den keuchenden Atem des Vaters hörte, bis auch der in einem letzten Stöhnen erstarb, ging es viel schneller. Danach allerdings war es immer schwer. Einerseits hatten sie neue Nahrungsmittel im Schrank, und manchmal sogar etwas Besonderes, das sie sich schon lange gewünscht hatten, andererseits lag die Mutter nach dem Besuch des Vaters zu einem Knäuel zusammengedreht auf dem Bett und redete bis zum nächsten Morgen kein Wort. Clea konnte sehen, dass es auch im Kopf der Mutter still und leer war. Sie versuchte, an nichts zu denken, um die Mutter nicht zu stören.

Den Kasten anzuschalten, war dann ganz undenkbar. Einmal hatte sie es versucht, es war schon lange her, sie war sehr viel kleiner gewesen als jetzt. Sie hatte die Menschen im Kasten so leise sprechen lassen, dass sie ihr Ohr an die Scheibe pressen musste, um etwas zu verstehen. Aber die Mutter war hochgefahren und hatte ihren Kopf so gegen den Kasten geschlagen, dass ihr ein paar Augenblicke ganz schwarz vor Augen geworden war. Sie hatte zuerst gedacht, nun wäre der Kasten kaputt, und das war ihr so entsetzlich vorgekommen, dass sie nicht mehr leben wollte, dann aber hatte sie gemerkt, dass die Bilder noch da waren, und dass die Schwärze nur in ihrem Kopf gewesen war. Da hatte sie sich gefreut und wollte auch wieder weiterleben, nahm sich aber fest vor, in Zukunft vorsichtiger zu sein.

Der Kasten war das einzige, worüber sie nicht einer Meinung waren. „Das ist alles nur ausgedacht,“ sagte die Mutter auf ihre bohrenden Fragen. Clea glaubte der Mutter. Aber manchmal, wenn sie gerade wegsah, wie jetzt, wenn Clea gebückt in der niedrigen Nische über der Schüssel ihr Gesicht wäscht, überfällt es sie zitternd, dieses Gefühl, das so stark ist, dass ihr Atem zurück muss in die Brust. Denn wenn in Armen und Beinen sich ein Drang ausbreitet, gegen die Wände zu schlagen, ohne Rücksicht auf das Geschirr, das dabei zu Bruch gehen könnte, oder gegen die Wände zu treten, als wären sie nicht aus Stein, sondern könnten unter der Kraft ihrer Sohlen nachgeben, dann vergisst sie alles und will nur noch eines: sich in dieses weiße Unendlich stürzen, das sie Schnee nennen. Und genau dann steigt in ihr eine kleine irrsinnige Hoffnung auf, so unabweisbar wie manchmal die Träume in der Nacht, etwas von dem, was im Kasten ist, wäre wahr und nicht nur ausgedacht.

(In: „Grenzfälle“,  Texte aus Brandenburg und Schleswig-Holstein, Verlag für Berlin-Brandenburg, 2017)

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Einer macht sich davon


Er kam aus einer anderen Welt. Unvorbereitet. Er kannte nichts anderes als diese abgeschlossene Welt, die ihm ganz allein gehörte hatte und auf immer verloren war, als er sie verließ. Er hatte keine Wahl gehabt. Er musste aufbrechen oder zugrunde gehen. Das neue Land hatte ihn gelockt, aber der Weg dorthin war eng und beschwerlich gewesen. Kantiges hatte seinen Kopf blutig gestoßen, Feuchtes ihm die Augen verklebt. Er hatte mit sich und seinem Atem gerungen und auf ein schnelles Ende der Qual gehofft. Er hatte geschrieen, als er das neue Land betrat.

Man kümmert sich um ihn. Die, die hier schon lange wohnen und sich eingerichtet haben, haben ihn erwartet. Seine Haut zieht sich zusammen, er weiß nicht, dass er friert, er kennt keine Kälte. Erbarmungslose Wellen branden gegen seinen Kopf, er versteht nicht, dass es laut ist, er kennt es nur leise und gedämpft. Weiße Messer zerschneiden ihm die Augen, er kennt den Tag nicht, er hat nur in milder Dämmerung gelebt. Ein wildes Tier wühlt in seinen Därmen, er begreift nicht, dass es Hunger ist, er hatte noch nie Hunger gefühlt. Man stößt und drückt ihn, streicht grob über seine Haut, die nur die sanfte Berührung des Wassers kennt. Er schreit vor Entsetzen und schläft mitten im Schrei vor Erschöpfung ein.

Er gewöhnt sich an Kälte, Lärm, Licht, Hunger und feste Berührung, weil es nichts anderes gibt, und es immer so ist, jeden Tag aufs Neue. Er vergisst, woher er gekommen ist. Und auch die anderen haben es vergessen und sagen, warum soll es ihm besser gehen als uns. Er muss sich ihrem Willen fügen. Essen und trinken, wenn die Nahrung erscheint, sich nicht bewegen, wenn es nicht dran ist, nicht schreien, wenn er still sein soll. Er bemüht sich, ihre Erwartungen zu erfüllen, so gut es ihm gelingen will, denn die Angst, verlassen zu werden, ist größer als der Schmerz, den sie ihm zufügen.

Aber unmerklich verändert sich seine Lage. Der Schmerz, der am Anfang nur ein sachter Druck auf der Brust gewesen ist, nimmt an Ausdehnung und Gewicht zu. Im Auf und Ab seiner mühsamen Atemzüge legt er sich außen wie eine immer schwerer lastende Decke um seinen Körper, dringt innen mit dem Blut wie ein lähmendes Gift in jede Zelle. Da wird es ihm ganz gewiss, dass er nicht bleiben kann. Er weiß selbst nicht wie und wohin. Es geschieht vielleicht im Schlaf, oder in einem Augenblick der höchsten Not. Unbemerkt von ihm selbst und von den anderen, macht er sich davon.

(In: Macondo, Edition Einundzwanzig)

Die Breite der Zeit

Ich habe mir nicht vorstellen können, dass ich es bin, der diese Frage stellt:
„Wie lange noch?“
„Drei Wochen. Drei Monate wären schon viel.“
Ich kenne Geschichten von Menschen, die Pythias Vorhersage überlebt haben. Manchmal um so viele Jahre, dass das Orakel zu einem Kuriosum wurde oder zu einer Anmaßung.
Pythia schaut schräg an mir vorbei auf den erleuchteten Glaskasten, vor dessen Milchglasscheibe die Fotos meiner Lungenflügel stecken. Ich nehme an, sie hat schon öfter die Zukunft vorhergesagt. Mit leiser Stimme und professioneller Sachlichkeit. Was wird sie tun, wenn sie mich verabschiedet hat? Sich wiederbeleben? Gott sei Dank rufen, das habe ich hinter mir, und ihrem Mann eine Mail schreiben: Heute Abend, mein Liebling! Ich freue mich auf dich. Vielleicht aber auch macht sie sich eine Notiz für die nächste Balintgruppe: Derartige Gespräche verderben mir immer die Laune. Für den ganzen Tag. Das muss doch nicht sein. Oder?
Auf der Straße ist alles so, wie es vor einer Stunde war. Die Platanen, die letzten, die den Terror des Verkehrs überlebt haben, bereiten sich auf den Frühling vor. Bei Neumeyers ist das Schaufenster unverändert. Wenn ich noch den Kopf schütteln könnte, würde ich das jetzt tun. So wie ich es ungezählte Wochen getan habe, jedes Mal wenn ich auf meinen Wegen an der Auslage vorbeigekommen bin. Die bocca della verità, fünffach vergrößert, mit einem ofenfrischen Brötchen auf den ehernen Lippen. Stattdessen muss ich husten. Ich bleibe stehen, um Luft zu schöpfen. Ich bin etwas kurzatmig. So wie seit Monaten. Nicht weniger. Und nicht mehr. Auch die Form meiner Nägel ist noch immer dieselbe. Ich könnte Susanne anrufen und sie bitten, mit mir zu schlafen.
„Nichts Besonderes,“ werde ich sagen, wenn sie fragt, „alles ist wie immer.“
Nur dass ich jetzt einen Zeitzünder im Kopf habe. Das Zählwerk tickt. Das Ticken ist so laut, dass mir die geliebte Pasticcio di fegato bei Mario nicht schmeckt. Wäre ich morgen zu dem Orakel gegangen, würde sie mir heute noch schmecken.
Zu Hause setze ich mich vor den Wecker, ein altertümliches Ungeheuer zum Aufziehen, und hoffe, dass sein lautes Klack-Klack das Ticken im Kopf übertönt. Das Gegenteil ist der Fall. Sie vereinigen sich zu einem monströsen Ticken, das den Raum füllt wie eine Kirchenglocke einen Container.
Es ist Dienstag, 18:16.
60 Schläge in den Magen. Dienstag, 18:17.
Die Knochen vibrieren 60 mal. 60 dröhnende Schläge. 18:18.
Mein Herz ist doppelt so schnell, es zählt die Pausen mit. 120 Schläge. 18:19.
Ich springe auf und kontrolliere die anderen Uhren im Haus. 18:20, 18:21. 18:10 auf der alten Standuhr. Sie schenkt mir 10 Minuten. Ich breche in Gelächter aus. Meine Armbanduhr mit Datumsanzeige steht seit 4 Tagen. Gestern hat mich das noch verärgert. Sie zeigt Freitag an. Freitag, 2:54. Freitag war ein guter Tag. In meinem Kopf war das Zählwerk noch nicht implantiert. Ich habe mit Susanne geschlafen. Und nicht daran gedacht, dass es das letzte Mal sein könnte. Oder das vorletzte?
Ich will nicht den Uhren ausgeliefert sein! Ich trage sie alle, alle, die ich besitze, zur Standuhr und werfe sie ihr zu Füßen: meine Armbanduhr, die bunt bemalte Küchenuhr aus dem Tessin, die Funkuhr aus meinem Arbeitszimmer, den Wecker, der schon die Kinder aus ihren morgendlichen Träumen gerissen hat, die Taschenuhr meines Vaters.
Die Zeit ist eine Erfindung der Uhrmacher.
Ich packe alle Uhren in eine Plastiktüte, versenke sie in der Mülltonne im Keller und bedecke sie mit dem Inhalt des Abfalleimers aus der Küche. Verwelkte Blumen, Brotreste, angefaulte Tomaten, Avocadoschalen von Freitag, mit einer Vinaigrette säuberlich ausgelöffelt.
Und die ehrwürdige Standuhr, ein Erbstück, was ist mit ihr? Es reicht nicht, ihr das Pendel zu nehmen. Ich muss ihr Gesicht zerstören.
Seiner Zeiger und Zahlen beraubt, atmet nur noch die Stille. Das leere Antlitz der Zeit schweigt.
Ich lasse alle Jalousien herunter und ziehe den Stecker des Telefons aus der Dose. Die Rundmail ist kurz wie immer. Ich habe schon öfter behauptet, auf Reisen zu sein, um ungestört schreiben zu können. Man kennt das. Ich werde allerdings keine Zeile mehr schreiben. Wozu? Ob ich den Computer wirklich ausschalten will, fragt mich das System. Nicht wirklich, aber endgültig. Die Liege fängt mich auf wie einen Stürzenden. Ist es schon so weit? Ich lausche in die Stille. Entweder die Welt da draußen hinter den Wänden ist im Schockzustand erstarrt, oder meine Ohren sind von den Schlägen der Zeit ertaubt. Susannes letztes Geschenk, Kopfhörer, die eine neue Dimension des Hörens versprechen, greifen nach mir. Ich fülle sie mit Jessyes Sacred Songs. In unendlichen Schleifen. Meine Hörkanäle öffnen sich wie lange geschlossene Schleusen.

Ich muss geschlafen haben. Ich komme von nirgendwo her. Jessye singt „I wonder as I wander.“ Ich spüre die Liege, deren Form mich zwingt, die Beine leicht anzuwinkeln, in meinen Kniekehlen. Die Form meines Körpers ist nicht mehr nachvollziehbar, aber tief innen versammelt Jessyes Stimme alle Wärme, die es in meinem Leben gegeben hat, in einem Punkt, der zu leuchten beginnt, immer mehr anschwillt, bis er schließlich aufbricht und in einem einzigen gleißenden Strom mich überflutet.
Ich verwandele mich.
Ich werde ganz und gar fließend und fließe in das große Meer der Zeit und der Dinge, in dem alles in allem da ist, gleichzeitig sich auflöst und wieder Gestalt annimmt, gleichzeitig es selbst ist und ein anderes. Nichts ist verloren, alles ist aufgehoben. Das Ende ist zugleich ein Anfang und der Anfang das Ende. Ich sehe mich in der langen Reihe, an dem zugewiesenen Platz zwischen all denen, die schon da waren, und all denen, die noch kommen werden. Ich wusste nicht, dass es zwei Welten gibt, die Welt des Alleshintereinander und die Welt des Alleszugleich.
Ich habe die Welt des Alleshintereinander verlassen.
Wenn ich einfach nur da bin, weiter nichts, mit allen Sinnen, kann ich alles zugleich haben und alles zugleich sein. Ich will nicht mehr handeln. Ich will einfach nur noch da sein. In alle Ewigkeit.
Ich bin glücklich.
Die Störung wird immer weniger abweisbar. Hinter Jessyes Stimme schrillt es. Ich habe vergessen, meine Türglocke abzustellen. Die Rückkehr dauert lange und ist schrecklich. Ich öffne den Deckel über dem Spion und sehe durch das dicke Glas direkt in Susannes verquollene Fischaugen.
„Was ist mit Dir? Bist Du in Ordnung?“ dringt ihre Stimme dumpf durch das Holz der Tür.
„Ich habe keine Zeit,“ sage ich, und klappe den Deckel über den Spion.

(In: Zeitschrift für Kunst& Literatur, Ausgabe 1 2008)



 
Die Schaukel im Wald
Das kostbare Kleid
Geständnisse eines Hundes
Altus
Aber Flügel
Zwack
Das Schicksal in vollkommener Klarheit
Nofretete in Kleinkummerfeld
Im Kasten
Einer macht sich davon
Die Breite der Zeit
My Image

Die Schaukel im Wald

Was wissen wir über Esther, was über Sonja? Nichts. Nicht einmal, in welchem Teil des Landes sie ansässig sind. Die Zeitung, die die Geschichte ihrer Liebe erzählt, schweigt über das Selbstverständliche wie über das Nebensächliche. Alles, was von der großen Saga der lebenslangen Liebe ablenken könnte, unterdrückt sie. Wir sollen staunen über die Kraft einer Liebe, die sich gegen alle Widrigkeiten des Lebens Jahrzehnte frisch und unzerstörbar hält.
Es gibt aber doch zwei herausgehobene Momente, die sich zu einem Bild verdichten: die erste Begegnung und die Schaukel im Wald.
Sonja ist sechzehn und arbeitet im väterlichen Kuhstall, als Esther, die neue Nachbarin, mit ihren Kindern an der Hand hereinkommt. Esther ist vierunddreißig. Die Kinder sind nur Symbol ihrer fortgeschrittenen Position im Leben. Man erfährt nichts über diese Kinder – sind es zwei oder mehr, Jungen oder Mädchen, sind sie klein oder größer – nur dies erfährt man: Esther ist erwachsen, Sonja noch nicht.
Aber Sonja wird erwachsen. Jedes Mal wenn sie sich bei der Schaukel im Wald treffen, ist Sonja ein wenig älter. Sie wird dreiundzwanzig, sie wird fünfundzwanzig, und noch immer treffen sie sich bei der Schaukel. Die Zeitung wird das doch nicht erfunden haben, weil eine Schaukel so gut als romantisches Symbol für die Liebe taugt, für diese Kraft der Entschlossenheit, der ein himmelstürmender Aufschwung folgt.
Aus einem Nebensatz erfährt man, dass Sonja und Esther die Schaukel selbst an einem Ast angebracht haben. Mehr nicht. Aber wer von beiden hat die Idee, wer bringt sie mit – wahrscheinlich Esther, ein nicht mehr gebrauchtes Schaukelbett ihrer Kinder – und wer besitzt das handwerkliche Geschick? Das vor allem! Kaum vorstellbar, dass für eine stabile Befestigung, die Jahrzehnte standhalten soll, nicht Werkzeug erforderlich ist. Vielleicht wird die Schaukel ja auch gar nicht zum Schaukeln benutzt, hat also nichts auszuhalten, sondern wird immer nur angeschaut. Das einzig Fassbare, das ihnen beiden gehört: eine Schaukel. So wie Hölderlin und Susette sich heimliche Briefe in die Hecke stecken, so befestigen Sonja und Esther in den Schnüren Blümchen, Tannenzapfen und andere Zeichen ihrer Anwesenheit, wenn sie sich verfehlen. Vielleicht klemmen auch Papierröllchen mit Gedichten zwischen den Schlaufen. Esther mag Rilke, Sonja Fried. Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt.
Sonja ist die Drängende, Esther hat Schuldgefühle, sie hat Kinder, wir erinnern uns, und einen Mann. Eines Tages geht der Mann. Esther ist frei. Es ist der Augenblick, in dem sie endlich die große Sehnsucht nacheinander stillen können. Aber Sonja und Esther haben eine Schaukel im Wald aufgehängt, nicht ein Zimmer in der nahen Kreisstadt gebucht. Sie kommen nicht zusammen, sie sehnen sich weiter nacheinander. Sonja erklärt das. Ihre Liebe sei transzendent, sagt sie, also nicht im Bereich der normalen Sinneswahrnehmung, sie ist nicht von dieser Welt und noch nicht von einer anderen. Liebe im gasförmigen Zustand der Sehnsucht.
Die unsterbliche Liebe ist unsterblich, weil sie nicht von der Hoffnung auf Erfüllung lebt, sondern von der unvergänglichen Erinnerungen an eine Zeit, als es noch keine Grenzen gab, als alles miteinander verschmolzen war: Innen und Außen, das Selbst und der Andere, der Leib und die Seele. Babywonnen und Kleinkinderglückseligkeiten.
Esthers Mann ist schnell wieder zurückgekehrt. Sonja hat keinen Mann gewollt und eine andere Frau als Esther schon gar nicht. Auch nach zwanzig Jahren tauschen Sonja und Esther Briefe und gehen miteinander spazieren. Die Zeitung schreibt nicht, in welchem Zustand sich die Schaukel im Wald befindet. Wenn Wetter und Wind ihr zugesetzt haben, muss sie möglicherweise ersetzt werden.

(In: „Grenzfälle“,  Texte aus Brandenburg und Schleswig-Holstein, Verlag für Berlin-Brandenburg, 2017)

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Das kostbare Kleid

Es waren schwierige Zeiten. Man musste immer dankbar sein. Für alles. Für die Butter auf dem Brot, für den Torf in der Brennhexe, auf der der Eintopf kochte und deren schwindsüchtige Wärme keine zwei Stühle weit reichte. Und wie dankbar erst für einen Glücksfall wie der geheimnisvollen Erwerbung zweier dunkelblauer Trainingshosen in der richtigen Größe, außen glatt, innen plüschig aufgeraut, dick, warm, mit intakten Gummibändern in der Taille und an den Fußgelenken.
Zuerst fand sie die Trainingshosen auch toll, aber dann nicht mehr. Es war langweilig, immer dasselbe anzuziehen. Jeden Sonntagmorgen legte ihr Mama eine frisch gewaschene Trainingshose hin, eine wie die andere, man sah keinen Unterschied, dazu entweder die grünkarierte oder die rotkarierte Flanellbluse. Die Blusen hatte Fräulein Dormann extra für sie genäht. Auch das war ein Glücksfall, dass es jemanden in der Familie gab, der nähen konnte. Eigentlich war Fräulein Dormann Weißnäherin und war vor dem Krieg in die guten Häuser gegangen, um die Tischwäsche, die Bettwäsche und die Handtücher auszubessern. Aber die guten Häuser gab es nicht mehr, und nun lebte Fräulein Dormann bei ihnen und nähte den lieben langen Tag noch aus dem letzten kleinen Stückchen Stoff irgendetwas Brauchbares. Für Joachim hatte sie aus einer Wolldecke einen Mantel genäht, der hatte sogar Taschen. Aber Joachim war nicht richtig dankbar gewesen und hatte gleich am ersten Tag eine Tasche ausgerissen, weil er Steine reingepackt hatte.

So etwas hätte sie nicht gemacht, aber das nutzte ihr nichts. Immer und immer wieder bettelte sie vergebens: Am Sonntag, einmal bitte nur am Sonntag, möchte ich mein Kleid anziehen, ich seh mich auch ganz bestimmt vor. Aber Mama vertröstete sie: vielleicht Ostern. Aber Ostern war es dann wieder nichts mit dem Kleid, weil es regnete. Das Kleid war eben zu kostbar. Sie hatte es überhaupt nur bekommen, weil sie auf die Hochzeit von Onkel Albert nicht in Trainingshosen gehen konnte. Es war aus einem dünnen, hellblauen Stoff, auf dem viele rosa Blümchen verstreut waren. Fräulein Dormann hatte es ihr genäht. Als sie es zuerst anprobierte, war es viel zu lang und in den Schultern zu breit gewesen. Da würde sie reinwachsen, hatte Mama gesagt. Für die Hochzeit band sie ihr ein rotes Ripsband, das eigentlich um einen Hut gehörte, um die Taille, da hatte sie wie eine Prinzessin ausgesehen. Im Festsaal hatten alle das Kleid bewundert, und Mama hatte dann jedes Mal nur mit den Schultern gezuckt, geseufzt und gesagt, dass der Stoff sie einen ganzen Zentner ihrer guten Winterkartoffeln gekostet habe.

Es waren schwierige Zeiten, alles war furchtbar wichtig, es gab nichts Unwichtiges. Wenn sie auf das Feuer im Ofen aufpassen sollte, war das Feuer das Wichtigste auf der Welt. Man musste rechtzeitig Torf nachlegen, sonst war das Feuer, ehe man sich versah, nur noch ein matt glühender Haufen, und die Suppe wurde nicht gar. Einmal hatte sie nicht aufgepasst, und das Feuer war ihr ausgegangen. Sie hatte sich die Lunge aus dem Hals gepustet. Nichts! Nicht mal das kleinste Fünkchen. Das war eine Aufregung. Sie hatten nur noch elf Streichhölzer, die mussten noch bis zum nächsten Montag reichen, und Papier gab es auch keins mehr. Denn drei Abende hatte sie dem Vater geholfen, alle Zeitungen im Haus in kleine Zettel zu schneiden. In immer einen Packen davon hatte der Vater mit seinem Locher aus dem Büro ein Loch gemacht, und dann hatten sie die Zettel auf ein Stück Bindfaden gefädelt, zugeknotet und auf die Toilette gehängt. Wie die Mutter es dann doch geschafft hatte, das Feuer wieder anzukriegen, wusste sie nicht. Noch lange, wenn sie das lodernde Feuer sah, gab es ihr einen Stich. Nie, nie, nie wieder würde sie das Feuer ausgehen lassen.

Wichtig war auch, wenn man im Sommer die Zuckerrübenschnitzel rührte, den Augenblick, wenn die Brühe dick wurde, nicht zu verpassen. Der große Topf musste rechtzeitig vom Feuer genommen werden, sonst setzte sich der braune Sirup um den Löffel in einem großen Klumpen ab und wurde so schwer, dass sie ihn nicht mehr bewegen konnte; Joachim sowieso nicht. Er stand auf seinem Fußbänkchen und konnte kaum über den Rand des Topfes gucken, aber rühren musste er zwischendurch trotzdem, damit sie mal ihre Arme ausruhen konnte. Doch er machte das schlecht, und gleich fing der braune Sud an zu spritzen, kleine spitze Piekser im Gesicht und auf den Armen; auf dem Kittel, den Fräulein Dormann aus einem alten Oberhemd für sie genäht hatte, machte das nichts.

Als es wieder kalt wurde, strickte ihr Fräulein Dormann lange warme Wollstrümpfe aus weißer Schafwolle, die kratzten auf der Haut, aber so konnte sie ihre beiden Trainingshosen noch gut einen Winter tragen. Aber Weihnachten, das musste ihr Mama fest versprechen, würde sie ihr Kleid anziehen dürfen und zur Konfirmation ihrer Cousine im März auch. Ganz bestimmt. Darauf freute sie sich.

Sie erinnerte sich deutlich, wie sehr sie sich darauf gefreut hatte, aber nicht mehr daran, wie sie das Kleid getragen hatte. Als sie Mama danach fragte, konnte die sich auch nicht erinnern. Ich glaube, sagte sie zögernd, als du es Weihnachten anziehen wolltest, war es dir zu klein geworden. Entweder wir haben es weggegeben, oder Fräulein Dormann hat etwas Neues daraus genäht. Es waren schwierige Zeiten damals.

(unveröffentlicht)

Geständnisse eines Hundes

Mir und Ihnen gestehe ich es nur ungern ein, die Beziehung zu Nora scheiterte an meiner tierischen Natur. Ich bitte bescheiden darum, hier, wo alles für mich und meinesgleichen eingerichtet ist, bleiben zu dürfen und weitere Vermittlungen nicht mehr ins Auge zu fassen.

In meinem früheren Leben war ich ein stolzer Wachhund. Die Sicherheit der Menschen, die ich liebte, hing von meiner Umsicht und Aufmerksamkeit ab. Als sie mich nach dem großen Brand, weil es nichts mehr zu bewachen gab, in die Wälder jagten, entsann ich mich meiner Vorfahren und begann ein freies unabhängiges Leben zu führen. Immer mit guten Mahlzeiten versorgt, musste ich erst lernen, für mich selber zu sorgen. Ich schwöre Ihnen, dass ich mich nur deshalb an frisch geborenen Lämmern vergriff, weil sie für mich am leichtesten zu erbeuten waren. Als sie mich fassten und zu Ihnen brachten, war ich froh, dass ich von nun an nicht mehr für mein Überleben verantwortlich war. Eigentlich bin ich ein friedliches Wesen. So gesehen kam Nora zur rechten Zeit. Sie verliebte sich in mein seidiges Haar, in den frommen Glanz meiner Bernsteinaugen. Fast wie ein Pudel, sagte sie, ich war gekränkt, aber mein verwildertes Herz sehnte sich nach Führung, ich folgte ihr dankbar.

Nora wohnte in einem Penthaus, sechs Stockwerke über den Bäumen des Parks. Wir nahmen immer den Lift. Im Sommer lag ich auf dem Dachgarten im gefächerten Schatten der Palmen, im Winter benutzt ich das offenen Geviert des Kamins, um mich vor den treibenden Flocken zu schützen. Immer unruhig, Noras Unwillen fürchtend, denn sie mochte es nicht, wenn ich für mich war. Ihr war es lieber, wenn ich mich dicht an ihrer Seite hielt. Immer wieder bot sie mir Martins Matratze an. Ich konnte Nora gut riechen, ich liebte ihre Nähe, aber dass sie nachts so viel weinte, machte mich nervös. Mir wurde sehr schnell klar, dass es mir nie gelingen würde, sie zufrieden zustellen. Ich bin an eine Hauptmahlzeit gewöhnt, von den vielen über den Tag verteilten Bröckchen, auch Kuchen und Pralinen waren dabei, bekam ich Blähungen. In den handgestrickten Bauchwärmern aus Kaschmir, kam ich mir albern vor. Niemand nahm mich mehr ernst. Aber ich hatte nur Nora und sonst niemand, ich gab mir alle Mühe der Welt, ein guter Kerl zu sein. Nur zu mir war sie ehrlich, vor mir versteckte sie sich nicht. Ich hörte alle ihre Liebesschwüre, ihr Flehen und Betteln am Telefon und alle Verwünschungen und Flüche, wenn Martin doch nicht kam. Einmal trat sie vor Wut auch nach mir, der doch nur gekommen war, um sie zu beruhigen. Ich war nicht nachtragend, auch war mir bewusst, dass der Tritt Martin gegolten hatte und nicht mir. Aber seitdem verzog ich mich immer in den hintersten Winkel, wenn ihre Stimme schneidend wurde. Das kam zum Glück nicht so häufig vor, die meiste Zeit war Nora sehr lieb, und hätte mich, wenn ich dafür nicht zu groß gewesen wäre, am liebsten nur auf dem Arm herumgetragen. Sie kleidete sich passen zu meinen Farben in alle Nuancen von beige bis braun. Wenn wir auf der Straße gingen, sollte jeder sofort erkennen, dass wir ein Paar waren. In der Öffentlichkeit gehorchte ich auf einen Wink ihrer Augen und wurde von all ihren Freundinnen wegen meiner Folgsamkeit gelobt. Nur zu Hause ließ ich mich manchmal gehen und frönte hinter ihrem Rücken den wenigen Gelüsten, die mir geblieben waren. Das Wasser, das Regenfälle auf dem Dachgarten in Pfützen hinterließen, schmeckte nach der Wildnis der Wälder. Ich trank immer nur heimlich und immer hastig davon. Abhängigkeit ist ein beklagenswerter Zustand. Selbst wenn es gelingt, sie zu überlisten, wird das Leben nicht froh. Der Schatten Schuld verdunkelt jedes Vergnügen.

Leila traf ich an einem Strandstück zwischen Weningstedt und List. Uns erfasste auf der Stelle eine große Leidenschaft zueinander. Wir versteckten uns in den Dünen. Ich hörte Nora nach mir rufen, erst ratlos fragend, dann energischer, fordernder, für diesmal konnte ich ihr nicht folgen. Ich blieb bei Leila. Noras Stimme wurde ärgerlich, wütend und mit banger Ahnung hörte ich, dass sie uns näher und näher kam. Dann tauchte ihr Kopf über den Dünen auf, ihre Augen weiteten sich bei unserem Anblick. Mit ein paar Schritten war sie bei uns und versuchte, uns auseinander zu bringen. Ich konnte nicht anders, ich schnappte nach ihrer Hand. Ich wusste es sofort: Sie wird nie wieder gut zu mir sein. Ich habe sie verraten. Sie wird meine Untreue und den Schmerz, den ich ihr zugefügt habe, nie wieder vergessen. Nora gewährt keine zweite Chance. Für sie bin ich gestorben.

Und so war es. Als ich sie am Abend auf einer Terrasse, wo sie mit anderen dinierte, endlich wiederfand, wischte sie mich mit einer Handbewegung aus ihrem Blickfeld. Ich kroch auf allen Vieren winselnd unter ihren Tisch. Sie wäre ohne mich gegangen, wenn ich nicht hinter ihr her gelaufen wäre. Eine ihrer Freundinnen nahm sich meiner an und brachte mich zu Ihnen. Mein Schicksal war besiegelt. Ich habe Noras Verhalten in jeder Einzelheit voraus gesehen. Man kennt, was man hasst genauer als das, was man liebt.

(Zuerst in: „Der Dreischneuß“ Zeitschrift für Literatur, Marien-Blatt Verlag, Lübeck 8/2012, Nr. 24)

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Altus

Die Plattform da oben sieht sehr klein und hoch unter dem Himmel aus. Die Schwalben streichen über sie hinweg, die schweren weißen Wolken scheinen sie fast zu berühren. Seine Entschlossenheit ist eine Feder in den Beinen, die ihn in Bewegung setzt. Schritt um Schritt, Stufe um Stufe nähert er sich. Zuerst hinterlassen seine nackten Füße noch feuchte Abdrücke auf den schmalen Eisenstreben der Treppe. Auf halber Höhe hält er inne. Er weiß, die Augen der anderen kleben an ihm und lassen keine seiner Bewegungen aus. Er könnte umkehren. Es gab welche, die umgekehrt sind. Eddi zum Beispiel, der die leiterartige Treppe, die eigentlich nur zum Hinaufklettern gemacht ist, Stufe für Stufe rückwärts wieder hinunter gestiegen ist mitten hinein in die johlende Horde, die ihn am Fuß des Turmes erwartete.
„Schlappschwanz! Memme!“
Wenn die wüssten, dass er heute Geburtstag hat. Einen besonderen Geburtstag: den ersten zweistelligen. An besonderen Tagen wie diesem muss auch etwas Besonderes passieren. Seine Beine steigen weiter wie von selbst. Sie haben ihren eigenen Willen und wollen hinauf in diese luftige Höhe, von wo der Wind ihm entgegen bläst und ihm die letzten Wassertropfen auf der Brust trocknet. Er schlottert und weiß nicht, ob vor Kälte oder vor Hitze, denn sein Herz schlägt heiß und wild unter der kühlen Haut. Die kleine Plattform am Ende der Stiege kommt ihm entgegen, als würde er hinausgeschleudert und stünde nun wie Gulliver auf der ausgestreckten, in den Himmel ragenden Handfläche eines Riesen aus Brobdingnag. Er tritt an den Rand und schaut in die Tiefe. In den körperlosen weißen Ovalen der Mitschüler kann er nur die zu ihm heraufstarrenden Augen erkennen. Das Becken ist viel kleiner, als er gedacht hat. Fast könnte er, wenn er einen Anlauf nähme, über es hinaus in die angrenzende Liegewiese springen. Vom Rand der Nichtschwimmerzone, wo das Wasser noch wie Wasser aussieht, aufgewühlt vom Plantschen der kleinen Kinder, dringen Schreie und Rufe zu ihm hinauf wie aus einer Welt, zu der er nie wieder gehören wird. Tief unter ihm zu seinen Füßen dehnt sich nur leicht grünlich gefärbter Beton, glatt wie ein asphaltierter Platz, auf dem man gut Rollschuh laufen könnte. Sie haben gesagt, wenn man aus dieser Höhe nicht mit den gestreckten Füßen oder dem Kopf zuerst eintaucht, kann man tot sein. Er muss springen, als ob er ein Brett verschluckt hat, das vom Scheitel bis zu den Sohlen reicht. Seine Zehen umklammern die Kante. Es ist sein Geburtstag heute. Der Wind streicht ihm kalt über den Rücken. Die Zehen lösen sich wie von selbst. Er schwankt. Er springt.
Und schon in der nächsten Sekunde schießt lautlos das Wasser an den Seiten empor. Als zöge jemand Seidentücher an ihm entlang. So schön kann sinken sein. Das hat er nicht gewusst. Bis auf den Grund. Er stößt sich kräftig ab. Und, schneller als gedacht, ist der Himmel schon wieder über ihm. Er presst die restliche Luft stöhnend aus seinen Lungen, zieht mit allen Poren frische in sich hinein, hört den Beifall der anderen. Er ist der King. Er ist Marko, der gesprungen ist und nicht Eddi, der wieder umgekehrt ist.
„Du bist super“, sagt Eddi auf dem Rückweg zur Schule und legt den Arm um ihn. Er möchte gerne sein Freund sein. In der Lateinstunde setzt er sich neben ihn.
„Altus“, sagt der Lateinlehrer, „altus – das ist ein besonderes Wort. Es bedeutet hoch und – tief. Kann mir jemand sagen, warum die Lateiner nur ein Wort für zwei verschiedene Sachen haben?“
„Es ist zweistellig“, sagt Marko in die Stille hinein, ohne sich gemeldet zu haben.
Die Mitschüler kichern, einige zischeln. So ein Quatsch. Er steht auf und bringt sie mit einer Handbewegung zum Schweigen.
„Es kommt darauf an, wo ich mich h i n s t e l l e“, sagt er. „Eigentlich ist es dasselbe. Nur: von unten ist es hoch, von oben ist es tief.“
„Super“, sagt der Lateinlehrer, „das hast du sehr gut erklärt.“
Marko setzt sich wieder. Es ist ein guter Tag heute, ein Geburtstag eben, wie er sein soll, wenn er zum ersten Mal zweistellig ist.

(In: Gegenwort, Husum Verlag, 2017))

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Aber Flügel

Sie macht ja alles. Niemand kann ihr einen Vorwurf machen. Dieser Sonntagnachmittagskaffeetisch könnte in einer Hochglanzzeitschrift für schöneres Wohnen abgebildet sein: Iceland Poppies auf wiesengrüner Seide, orange Gerbera in einer Rosenthalvase. Was könnte sie noch tun? Die Sahne ist geschlagen, der Kuchen geschnitten und auf der Tortenplatte zu einem Fächer angeordnet. Der Kaffee darf erst in letzter Minute aufgebrüht werden, da ist Carsten empfindlich. Erst wenn sie ihre Stimmen im Garten hört, wird sie den Wasserkocher einschalten. Eigentlich sollten sie schon lange da sein. Wahrscheinlich konnten sich die Kinder wieder einmal nicht von den kleinen Zebras losreißen. Sie sind allerdings niedlich, so voller Leben auf ihren schlaksigen Beinen. Laura wünscht sich seit langem ein Tier im Haus, einen Hund vielleicht. Sie ist einverstanden, sie macht ja alles, aber Carsten ist dagegen. Sie wird noch einmal die Position der Gerbera in ihrem Winkel zur Tortenplatte verändern. Der erste Blick auf den Tisch, wenn man zur Tür hereinkommt, ist so eindrucksvoller.
Aber niemand kommt zur Tür herein. Sie lassen sie warten, dabei weiß Carsten genau, dass er das mit ihr nicht machen darf. Warten höhlt sie von innen her aus. Sie fühlt es dann wieder, das, was manchmal in den Turbulenzen der Alltagsgeschäfte in den Hintergrund tritt: Jemand hat ihr die Berechtigung zu leben abgesprochen. Sie erinnert sich nicht, wer es war, und wann es sich ereignet hat, weiß sie auch nicht. Es war schon immer so. In dem Land der anderen war sie immer nur eine Besucherin, eine, die jederzeit ausgewiesen werden konnte. Wenn sie sich ein neues Kleid kaufen musste, nahm sie irgendeins, weil es nicht darauf ankam. Sie würde es sowieso zurücklassen müssen. Morgen oder irgendwann. Alles war vorläufig. Das Kleid war vorläufig, die Schuhe, in denen sie lief, die Wohnung, in der sie lebte. Auch die Liebe war vorläufig. Nur mit den kleinen Kindern war es schwierig, sie wollten nicht vorläufig sein. Sie benahmen sich, als könnten sie bleiben, wenn sie gehen musste. Besonders Felix hing sich an ihren Hals, den Glanz einer niemals endenden Liebe in seinen blauen Augen, wie ein Licht aus einer fernen Galaxie. Erst allmählich, indem die Kinder größer wurden, hatte sie es begriffen. Stück für Stück wie ein Puzzle, das das ganze Bild erst mit dem letzten Stein, der die letzte Lücke schließt, preisgibt: Laura und Felix gehörten in das Land der anderen. Offenbar hatten sie eine angeborene Aufenthaltsgenehmigung, die ihnen keiner absprechen konnte. Für sie war gar nichts vorläufig. Sie behandelten die Wahl der Eissorte, Erdbeer oder Stracciatella, mit einem Ernst, als hinge ihr Leben davon ab. Auch Carsten, auch er, der Vater dieser Kinder, von dem sie einmal geglaubt hatte, dass er wie sie nur ein Geduldeter wäre, hatte hinter ihrem Rücken ein Bleiberecht erworben. Für die Kinder freut sie das, von ihm fühlt sie sich verraten.

Aber auch sein Verrat zählt nicht wirklich, er ist so beliebig wie seine Liebesschwüre. Er ist nur eine Bestätigung ihrer kristallenen Einsamkeit. So wie hier, zwischen Tür und Angel, mit dem Blick auf einen perfekten Sonntagnachmittagskaffeetisch, in einem Einfamilienhaus in einem der begehrten Vororte. Sie ist aus der Welt gefallen, unrettbar verloren, nicht einmal der Tod wäre eine Alternative, denn es gibt keinen Ausweg aus dem Nichts.

Jemand müsste ihr Flügel schenken. Sie kann sich nicht vorstellen, wer das sein könnte, und wie das vonstatten gehen könnte, weiß sie auch nicht. Aber Flügel! Flügel könnten sie vielleicht zurücktragen. Auch mit einem Flügel wäre sie schon zufrieden. Sie würde es versuchen. Sie macht ja alles. Besser eine Geduldete im Land der anderen als eine Untote im Paradies.

(in: macondo, Edition zwanzig, 2009)

Zwack

Gesülzte Tafelspitzterrine an Apfel-Selleriesalat und Buttermilch-Remouladensauce. Sautierte Kalbsstreifen mit Senf-Rosmarin-Vinaigrette mit Gemüse-Julienne. Schaumsuppe von Flusskrebsen mit Safran-Cognac-Haube. Gebratene Maishähnchenbrust, mariniert in Zitronen-Thymian, mit Ingwer-Schokoladenglacé, Mango-Mangold-Gemüse und Rosmarin-Maispolenta. Duett von Erdbeer-Orangen-Mousse und Stracciatellaparfait an Pralinensoße. Am Buffet Auswahl an internationalen Käsespezialitäten. Kaffee, Tee.

Das war nur die eine Seite der Speisekarte. Es gab noch ein zweites Menu. Er versuchte in den Mienen der anderen, mit denen der Obersteward ihn an einem Tisch zusammengewürfelt hatte, zu lesen. Fanden sie diese Karte nicht auch so ungeheuerlich wie er selber? Musste man jetzt nicht in ein gemeinsames befreiendes Gelächter ausbrechen, weil alles gar nicht ernst gemeint war? Aber niemand sah aus, als zuckten ihm bei der Lektüre schon die Mundwinkel.

Mein Gott, was ihn betraf, so führte er doch ein bescheidenes Leben, in dem so etwas wie Pralinensoße bisher nicht vorgekommen war. Den Traum, einmal selbst eines der prunkvollen Häuser zu bewohnen, die er als Mitarbeiter des Amtes für Baudenkmalpflege begutachtete, hatte er spätestens mit dem frühen Tod seiner Frau begraben. Er logierte in einer Zweieinhalbzimmerwohnung, ernährte sich vegetarisch und ging einmal in der Woche ins Kino. Diesen Luxus leistete er sich, seitdem er seinen Fernseher abgemeldet hatte. Er bevorzugte heitere, nichtssagende Filme, in denen die Welt noch in Ordnung war. Für die katastrophalen Nachrichten aus der Realität reichte das Radio vollkommen aus, die Bilder zu den Schreckensmeldungen konnte er schon lange nicht mehr verkraften. Dafür schämte er sich, aber so war es. Er besaß eben nicht so eine robuste Natur wie die meisten seiner Mitmenschen. Manchmal stellte er sich vor, man könne ihn so wie die heruntergekommenen Häuser in der Altstadt, die er betreute, einfach entkernen. All das schmutzige Gerümpel, das sich über die Jahre in ihm angesammelt hatte, die schiefen Wände, die stickige Enge, die giftigen Ausdünstungen würden einfach ausgeräumt, und zurück bliebe ein freier Raum, eine von Licht durchflutete Weite, in der er sich leichten Herzens neu einrichten könnte. Wenn man dann noch die Fassade erneuerte, die graue Haut spannte und rosig tünchte, die eingegrabenen Falten auf der Stirn ausfüllte, die Schlupflider beseitigte, die Mundwinkel nach oben böge, würde er dem Leben noch einmal eine Chance geben. Aber leider musste er sich täglich aufs Neue mit dem einrichten, was er in sich vorfand. Das war eine Aufgabe, die ihn neben seiner Tätigkeit im Amt für Baudenkmalpflege voll ausfüllte. Er vermisste noch immer seine Frau. Auch nach sechsunddreißig Jahren hörte er ihre Stimme:
„Ewald”, sagte sie, „du denkst zu kompliziert.“
Er gab sich Mühe, einfach zu denken, aber seine Gefühle blieben leider kompliziert. Wie angesichts dieser monströsen Speisekarte auf einem eleganten Flusskreuzschiff, das sieben Tage lang mit ihm an Bord einmal die Donau hinunter- und wieder hinauffahren würde. Eine komplizierte emotionale Gemengelage. Die fünf Mitreisenden, die mit ihm um den runden Tisch saßen, schwatzten fröhlich belangloses Zeug und begrüßten jeden neuen Gang, der serviert wurde, mit herablassendem Wohlwollen, so als wäre es ihr gutes Recht, derart verwöhnt zu werden. Er begriff, dass Völlerei ein Ausdruck von Wohlstand war. Die alleinreisende Dame, deren Doppelkinn in einer dreireihigen Perlenkette ruhte, die beiden Paare, Lehrer im Vorruhestand, Biologie und Mathematik, soviel er mitbekommen hatte, mit ihren Ehefrauen, waren offenbar wohlhabend genug, um diese Luxusreise zu bezahlen, ihm hingegen war sie zugefallen.

Im Amt hatte er nur erzählt, dass er bei einem Preisausschreiben der Zeitschrift Stadt und Kultur eine Städtereise gewonnen habe. Dass er dafür ein Kreuzworträtsel gelöst hatte, hatte er schamvoll verschwiegen, genauso, dass es sich um eine Schiffsreise handelte. Er verabscheute Kreuzworträtsel, diese bildungsbürgerliche, die Zeit totschlagende Flucht in die Besinnungslosigkeit. Und nun saß er genau deshalb hier, als wäre er einer von ihnen. Schon als er die geräumige Doppelkabine betreten hatte, in der er nur ein Bett belegen würde, hatte ihn ein schlechtes Gewissen beschlichen. Ja, wenn seine Frau noch lebte, aber er? So allein. Eleganz, wohin er sah. Ein Bad, das größer war als seine Nasszelle zu Hause. Als er vom ersten Abendessen, das über zwei Stunden gedauert hatte, zurückgekommen war, hatte die Kabinenstewardess seinen Pyjama auf dem aufgeschlagenen Bett drapiert, als wäre er eine Ware in einem Schaufenster, die Käufer anlocken sollte. Daneben lagen die ausgedruckten Programme für den nächsten Tag und auf dem Kopfkissen ein Pralinee. Alle Lampen, die rundum an den Wänden angebracht waren, brannten und gaben der Kabine das Flair einer Hollywoodsuite. Das große Fenster, dessen unterer Rahmen auf derselben Höhe wie der Wasserspiegel der Donau lag, war tiefschwarz. Am Nachmittag noch hatte er, wenn auch durch kleine anbrandende Wellen etwas beunruhigt, auf das vorbeiziehende linke Donauufer geblickt. Als er näher trat und hinter die Spiegelung seiner Gestalt spähte, entdeckte er kaum dreißig Zentimeter entfernt eine feuchte, bemooste Steinwand, die den Blick vollkommen verstellte. Gerade als sein Herz zu klopfen beginnen wollte, bemerkte er, dass sich das Schiff nicht mehr bewegte. Natürlich, er schlug sich mit der Hand vor die Stirn, man war in einer Schleuse.

An die Schleusen gewöhnte er sich schnell, an die Essenszeremonien nicht so leicht. Elf Schleusen gab es auf der Strecke zwischen Passau und Budapest. Nachts lauschte er auf die Geräusche, die bebend das ganze Schiff durchdrangen, am Tag stand er auf dem Sonnendeck und zitterte mit dem Kapitän. Manche Schleusen waren so schmal, dass rechts und links vom Schiff nur noch zwei Hände breit Platz war. Von Passau nach Budapest fuhren sie bergab, in der umgekehrten Richtung bergauf. Aber das mit dem Essen war eine andere Sache. Seine Tischgesellschaft verlangte nach seiner Anwesenheit und murrte, wenn er fernblieb. Von morgens um halb sieben, wo im Café ein Frühaufsteherfrühstück serviert wurde, bis zum Mitternachtsbuffet in der Lounge wurden den ganzen Tag Köstlichkeiten mit langen Namen serviert. Als bestünde das ganze Leben nur aus Essen und Verdauen. In den notwendigen Verdauungszeiten konnte man Dürnstein, Esztergom, Wien, Bratislava und Budapest besichtigen. Er hatte sich auf die Reise gefreut, weil er Wien und Budapest, zwei Städte, die er nur von Bildern her kannte, mit eigenen Augen sehen wollte, aber das Leben an Bord verdarb ihm die Laune.

Diese verhängnisvolle Frage, die einem den Boden unter den Füßen wegzog, diese geradezu bohrende Frage nach dem Sinn des Lebens, die zu stellen er sich über Jahre verboten hatte, drängte sich ihm täglich mehr auf. Weder die berühmte Hofburg noch die Mathias-Kirche erschütterten ihn, ja, ein nächtlicher Spaziergang auf
die Fischerbastei, die sich, angestrahlt von unzähligen Scheinwerfern, ausnahm wie der Alptraum eines Zuckerbäckers, erboste ihn geradezu.

Es war an diesem Abend, dass er sich, obwohl es schon spät geworden war, von seinen Tischgenossen noch zu einem Besuch in der Bar überreden ließ. Das Bordorchester spielte ungarische Weisen, und Ewald machte Bekanntschaft mit Zwack. Zwack war nicht nur gut gegen den unangenehmen Magendruck, den die ausschweifenden Mahlzeiten hinterließen, sondern auch gegen existenzielle Bedrängnisse. Zwack war ein ungarischer Kräuterlikör, eine Erfindung des Leibarztes Zwack, um die Folgen zu heftiger Mahlzeiten seines Regenten zu lindern. Der soll nach der ersten Verkostung begeistert ausgerufen haben: Das ist ein Unicum, weshalb die bräunliche Flüssigkeit auch den Namen Unicum führte. Den Stewards auf dem Schiff war es jedenfalls einerlei, ob man nach Zwack oder Unicum verlangte, sie brachten immer das Richtige. Nach dem dritten Zauberglas dieser Medizin ging es Ewald so gut, dass es ihm nichts ausmachte, mit der Frau des Biologielehrers über Kochrezepte zu plaudern.

Zwack war Medizin für Körper und Seele und tat ihm derart gut, dass er es am nächsten Tag nicht verschmähte, bei einer Bayerischen Brotzeit, die um elf Uhr auf dem Sonnendeck serviert wurde, zuzulangen. Zwack gab seinem Dasein eine Leichtigkeit, die er bisher nicht für möglich gehalten hatte. Sogar der überladene barocke Prunk im Kloster Melk, den er sonst als dekadent abgelehnt hätte, fand seine Zustimmung. Er saß jetzt immer nach dem Abendessen noch lange mit der Tischgemeinschaft in der Bar.

Auch am vorletzten Abend der Reise fand er erst spät zurück zu seiner Kabine. Alle Lampen brannten wie jeden Abend, sein Schlafanzug war schön drapiert, sein Betthupferl war da und das Programm für den nächsten Tag, aber irgendetwas war anders und jagte ihm einen Schauder über den Rücken. Dann wusste er, was es war. Aus dem Fenster sahen ihn zwei riesengroße, schwarz glänzende Augen an. Zwei aufgerissene Augen in einem wüsten Gesicht, die ihn höhnisch anstarrten. Eine schreckliche Fratze, ein Höllengesicht. Die Augen bewegten sich ein wenig in den linken Rand des Fensters, kehrten dann aber in die Mitte zurück. Ewald, schienen sie zu fragen, was treibst du hier? Schämst du dich nicht? Er begann zu zittern. War das das Jüngste Gericht, ein Vorbote gewissermaßen? Er wurde zur Rechenschaft gezogen für seine Maßlosigkeit. Flehend hob er die Hände. Nie wieder Alkohol, schwor er, nie wieder Galadinner, nie wieder Lügen im Amt, nie wieder Neugier auf fremde Städte, nie wieder Kreuzworträtsel, nie wieder Betthupferl, nie wieder Anspruch auf ein bisschen Glück. Das stand ihm einfach nicht zu. Er sank auf das Bett und schlief auf der Stelle ein, so wie er war.

Als er am Morgen aufwachte, ging sein erster Blick zum Fenster. Die Donau kräuselte sich bräunlich an der Scheibe, am Ufer zogen einfache Fischerhütten auf Stelzen vorbei. Im Mund hatte er einen sehr schlechten Geschmack. Er versuchte, seine Gedanken und seine Gefühle zu ordnen, aber alles quirlte durcheinander. Er überlegte, ob die Augen im Fenster eine alkoholbedingte Halluzination gewesen sein könnten. Aber wenn nicht, was dann? Zwar glaubte er eigentlich nicht an übersinnliche Phänomene, aber diese Reise war so ein ungewöhnliches Ereignis in seinem Leben, warum sollten nicht auch noch mehr ungewöhnliche Dinge passieren. Ein Menetekel an der Fensterscheibe, warum nicht. Aber er war nicht Belsazar, wenngleich er gerade ... Ewald, unterbrach ihn die Stimme seiner Frau, du denkst zu kompliziert.

Stöhnend stand er auf und machte sich für das Frühstück fertig. Ein Brötchen, nahm er sich vor, mittags nur den Hauptgang, nachmittags einen Ausflug in die Landschaft und sich den frischen Wind um die Nase wehen lassen, abends etwas Obst und auf gar keinen Fall Zwack. Sich nicht mehr anstecken lassen von dieser dekadenten Gesellschaft, in die er geraten war. Wieder er selbst sein.
Am Tisch waren sie schon alle versammelt.
„Haben Sie schon gehört?”, rief ihm der Biologielehrer entgegen, „wir hatten heute Nacht tatsächlich einen Biber in der Schleuse, er ist um das Schiff herumgeschwommen und hat in alle Kabinenfenster geglotzt.“


(In: Süchtig nach den Worten. Anthologie der Gedok Schleswig-Holstein. Husum Verlag, 2013.)


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Das Schicksal in vollkommener Klarheit

Du weißt, was man mit bösen Kindern macht, hatte der Vater gesagt. Fritz wußte nicht genau, was man mit bösen Kindern machte, aber er hatte eine Ahnung. Es mußte mit dem Unterkeller zu tun haben. Er war noch nie da unten gewesen, aber er hatte große Angst davor. Manchmal sagte die Mutter zum Vater, du mußt einmal wieder nach unten gehen und nach dem Rechten sehen. Die Stimme der Mutter war dann so fremd, daß es ihn fror. Er wußte selbst nicht warum. Alle Erwachsenen am Tisch sahen sich an und wußten Bescheid. Der Vater, die Mutter, der Großvater und auch die Lisbeth, die jeden Tag kam, um der Mutter bei der Hausarbeit zu helfen. Nur die Kinder wußten nicht Bescheid. Sie waren zu fünft, die große Schwester Anna, der große Bruder Wilhelm, dann kam er und nach ihm die kleine Schwester Lotte und der ganz kleine Bruder Heiner. Sie konnten überall spielen. Das Haus hatte viele Zimmer, war geräumig und durch die großen Fenster fiel das helle Licht des Gartens. Die Kinder hatten, wenn sie nur anklopften, Zutritt zu allen Zimmern des Hauses, nur der Unterkeller war ihnen verboten. Manchmal schickte ihn die Mutter in den Oberkeller, etwas zu holen. Dort lagerten die Kartoffeln für den Winter in großen Säcken aus Jute und auf den Regalen reihten sich die Gläser mit Marmelade und anderem Eingemachten. Dann sah Fritz auch die schmale Stiege, die hinunter führte in den Unterkeller. Im Oberkeller warfen starke Leuchtröhren ein schattenloses Licht auf die Regale und leuchteten den Fußboden bis in den letzten Winkel aus, auf der Stiege zum Unterkeller aber wurde es, je tiefer man hinunter sah, immer dunkler. Die schmalen Stufen waren nicht wie der Fußboden und die Wände im 0berkeller weiß gekalkt, sondern grau und verwittert, mit Schmutzrändern in den Dellen, die von vielen Füßen hineingetreten waren. Die Wände rechts und links neben der Stiege waren genauso grau und schmutzig und bei bestimmten Wetterlagen trat Feuchtigkeit aus den Poren der Mauern hervor wie winzige Schweißperlen. Ganz unten konnte man die schwere braune Tür, die mit einer starken Kette gesichert war, nur noch undeutlich erkennen. Einmal als er noch ganz klein war, hatte er die Mutter neugierig gefragt, und wo geht es da hin? Und die Mutter hatte streng geantwortet, da hast du nichts zu suchen. Manchmal überlegte Fritz, wer strenger war, der Vater oder die Mutter. Lange konnte er das nicht entscheiden, bis er endlich eine Lösung fand, indem er sich sagte, beide sind gleich streng, aber jeder ist anders streng. Es gab Gebote und Verbote. Ein Gebot hieß: Kinder sollen fröhlich sein, ein anderes: Kinder müssen folgen. Das waren einfache Regeln. Mit den Verboten war es viel schwieriger. Es gab unübersehbar viele und jeden Tag kamen neue hinzu. Es war verboten, Erwachsene mit Fragen zu belästigen, wenn diese nicht gestört werden wollten; es war verboten, laut zu rufen und schnell zu rennen; es war verboten, Sachen zu beschädigen, und sei es auch nur aus Versehen. Einmal, als er vor Wut sein Spielzeug auf den Fußboden geworfen hatte und es zerbrach, sagte Lisbeth zu ihm: Paß auf, daß das nicht die Mutter sieht, dann kommst du in den Unterkeller. Als Wilhelm eines Tages nicht mehr bei ihnen am Frühstückstisch saß, und auch am Abend nicht da war, um mit ihnen ins Bett zu gehen, erschrak er. War Wilhelm jetzt in den Unterkeller gekommen, weil er am Vortag dem Vater laut und trotzig Widerworte gegeben hatte? Anna fragte den ganzen Tag nach ihm: Wo ist Wilhelm, fragte sie den Vater, die Mutter, den Großvater und Lisbeth. Wir haben einen Fehler gemacht, sagte die Mutter zum Vater. Am nächsten Tag war auch Annas Platz am Tisch leer, und Fritz begriff, daß es ein neues Verbot gab: Nach Wilhelm und Anna durfte man nicht fragen. Er war traurig, und die Mutter tröstete ihn: halte dich an Lotte und Heiner und außerdem bekommen wir bald ein neues Kind. Er war jetzt der Älteste, und das war viel schwerer, als ein Kind in der Mitte zu sein. Er hatte jetzt Verantwortung für Lotte und Heiner und bald auch für das Baby, das mit seinem Geschrei die Eltern störte. Immer öfter gelang es ihm nicht, die neue kleine Schwester ruhig zu halten. An einem Tag, an dem er am Tisch bei seinen Schularbeiten saß, und gleichzeitig ein Auge auf die Wiege haben sollte, während im Nebenzimmer der Vater seine Zeitung las, wurde es ihm zu viel. Er stampfte mit dem Fuß auf, schrie das Baby an und schüttelte es am Ärmchen. Es fiel ihm sogleich ein, daß er das nicht hätte tun dürfen. Aus Angst vor dem Unwillen des Vaters wollte er aus dem Zimmer stürzen, stieß aber bei der Tür eine kostbare Vase von ihrem Tisch und fing, weil doch schon alles verloren war, an zu weinen. Der Vater, der seine Zeitung beiseite gelegt hatte, sagte ruhig: das war zu viel, wies ihn auf einen Stuhl und verließ das Zimmer. Fritz hörte, wie er bekümmert zum Großvater sagte: Den bekommen wir auch nicht groß. Nach einer Weile kam Lisbeth und holte den Korb mit dem Baby, das jetzt schlief. Fritz wartete, was nun mit ihm geschehen würde. Als es vor den Fenstern schon dunkel geworden war, kamen endlich die Eltern und nahmen ihn in ihre Mitte. Man führte ihn in den Oberkeller, wo er am Kopf der Stiege mit der Mutter wartete, bis der Vater die Kette vor der Tür zum Unterkeller aufgeschlossen hatte. Die Tür öffnete sich. Auch dieser Raum war mit schattenlosem Licht erfüllt. Fritz sah sein Schicksal mit vollkommener Klarheit vor sich: die Betonblöcke mit den Namenschildern: Anna und Wilhelm, die Kiste in seiner Größe, in die man ihn stellen würde, die Maschine mit der rotierenden Trommel, in der der flüssige Beton auf ihn wartete.

(In: Zusammen Leben. Poetische Anthologie. Husum Verlag, 2013.)

Nofretete in Kleinkummerfeld

Die Landschaft Schleswig-Holsteins wurde durch die Gletscher der Eiszeiten geformt. In der Mitte der Landmasse zwischen Nord- und Ostsee erstreckt sich von Flensburg im Norden fast bis nach Hamburg im Süden eine flache Ebene. Diese Ebene ist die Sanderfläche des letzten Gletschereises, das vor zehntausend Jahren das heutige östliche Hügelland bedeckte. Wenn Lena 1963 heimlich mit dem elterlichen Lieferwagen von Kiel in Richtung Neumünster unterwegs war, fuhr sie bis Blumenthal noch mitten durch die hügelige Moränenlandschaft. Die gefälligen Linien der Region entsprachen ihrem beschwingten Gemütszustand. In Kiel traf sie sich nämlich mit Wolfgang, ihrem Liebsten, der im städtischen Museum ein Praktikum machte, für ein paar schnelle Küsse zwischen den Wochenenden. Zwei gestohlene Stunden fielen nicht weiter auf, da stellten die Eltern noch keine Fragen. Lenas gute Laune aber reichte nicht viel weiter als bis Blumenthal, von da an ging es nur noch bergab, auf der Straße und mit Lenas Stimmung, und bei Bordesholm befand sie sich bereits auf der Sanderfläche mit ihren mageren Weiden und Äckern, auf denen ohne aufwendige Veredelung nichts gedieh, also zu Hause auf dem flachen Land, wo ihre hochfliegenden Pläne, mit Wolfgang zusammen Ägyptologie zu studieren, einfach nur lächerlich waren.
Lenas Großvater hatte 1921, als ihm eine kleine Erbschaft zufiel, die ertraglose Landwirtschaft aufgegeben und in Kleinkummerfeld, nahe Neumünster, ein Geschäft für Kolonialwaren eröffnet. Das war damals ein ehrgeiziges Unternehmen, denn Friedrich Guenthers Kolonialwarenladen war das einzige Geschäft weit und breit, und die Leute fuhren nach Neumünster, um für den täglichen Bedarf einzukaufen. Aber Lenas Großvater passte sich schnell den Bedürfnissen seiner Kundschaft an, und so gab es in seinem Kolonialwarenladen bald nicht nur Kaffee, Tee, Gewürze, Reis und Kakao zu kaufen, sondern auch Seife, Haferflocken und selbsteingelegte Bratheringe. Bis hinein in die siebziger Jahre sprach auch Lena noch von „unserem Kolonialwarenladen“. Das Familiengeschäft einen Gemischtwarenladen zu nennen, hätte die Eltern noch auf ihrem Altenteil gekränkt. Sie hatten Lena gleich nach ihrer Hochzeit mit Hans Nissen 1965 das Geschäft feierlich übergeben, erleichtert und froh darüber, dass die Tochter nach dem tragischen Tod des Sohnes nun doch noch begriffen hatte, wo sie hingehörte, und ihre unsinnigen Pläne, Ägyptologie zu studieren, aufgegeben hatte. Die notariell erfolgte Überschreibung des Kolonialwarenladens in Kleinkummerfeld auf Lena und ihren Mann hinderte die Eltern aber keineswegs daran, sich weiterhin in alles, was das Geschäft betraf, kräftig einzumischen, solange es ihre Kräfte erlaubten. Schließlich hatten sie ganz persönliche Beziehungen zu all ihren Kunden, kannten die Geburts- und Sterbetage in den Familien und, besonders wichtig, deren Wirtschaftslage. Lenas Mann, Hans, hatte viele Ideen. Er wollte die Unsitte des Anschreibens abschaffen, aber hinter seinem Rücken schrieben die Alten munter weiter an und hatten, wenn Hans ihnen Vorwürfe machte, wortreiche Erklärungen, warum es in diesem besonderen Fall gar nicht anders gegangen wäre. Eine Geburtstagstorte hätte sonst vielleicht nicht gebacken, ein erkranktes Kind nicht mit einem Malbuch getröstet werden können. Hans führte auch Rabattmarken ein, aber selbst Lena wollte sich nicht daran gewöhnen, sondern legte lieber eine Kleinigkeit gratis zum Einkauf dazu, einen Schokoladenriegel, eine Warenprobe, eine Packung Papiertaschentücher. Kein Kind verließ ohne eine Tüte Brausepulver oder ein paar Bonbons den Laden. Mit besonderer Liebe stellte Lena Geschenkkörbe für Jubiläen zusammen und freute sich, wenn die Beschenkten in den Laden kamen und ihre Auswahl lobten. Kundenbindung war das neue Zauberwort, das auch Hans einleuchtete. Als 1992 ein Reporter vom Schleswig-Holstein-Magazin zu ihnen kam, um sie als Inhaber des einzigen überlebenden Einzelhandelsgeschäfts in der Region, das schon in dritter Generation erfolgreich von der Familie Guenther geführt wurde, zu interviewen, waren sie beide auf ihr Geschäft, das nun ein Tante-Emma-Laden genannt wurde, sehr stolz.

Lena, gleich nach dem Krieg geboren, war im Laden aufgewachsen, und sie verbrachte dort ihr Leben. Das Geschäft in Kleinkummerfeld war der Mittelpunkt ihrer Welt; sie konnte sich keine andere mehr vorstellen. Aber in all den Jahren, die kamen und gingen, hatte sie an einem Traum festgehalten, der als einziger übrig geblieben war von den Plänen ihrer Jugendzeit, als sie gedacht hatte, die ganze Welt stünde ihr offen und sie müsse sich nur aufmachen, sie zu erkunden. Sie erinnerte sich nur noch schwach an die abenteuerlustige, selbstgewisse Person, die sie einmal gewesen war, aber die Wünsche der jungen Lena, die handfest und erfüllbar gewesen waren, hatte sie nicht vergessen. Diese Wünsche hatten sich in dem hintersten Winkel ihres Gedächtnisses jung und frisch erhalten und ihr manches Mal als ein Trost für die Zukunft geholfen, dunkle Zeiten zu überstehen: Einmal, irgendwann, wenn die Kinder groß waren, wenn die Einkünfte es zuließen, irgendwann, wenn sie gerade im Laden abkömmlich war, wenn der Bruch des Schienbeins links wirklich ausgeheilt war, sodass sie wieder ohne Beschwerden lange laufen konnte, dann, dann würde sie eine Reise nach Ägypten unternehmen und die Cheopspyramide mit eigenen Augen sehen, sie würde in der Grabkammer des Siremput stehen und die Wandmalereien, über deren Auslegung sie mit Wolfgang so oft gestritten hatte, im Original studieren. Wenn sie in ihren Phantasien so weit gekommen war, konnte sie auch Wolfgangs Stimme wieder hören, diese heisere, immer ein wenig fiebrig klingende Stimme, die ihr ins Ohr flüsterte: Du hast ein Profil wie Nofretete. Dann fragte sich Lena, wie wohl ihr Leben ausgesehen hätte, wenn sie bei Wolfgang geblieben wäre. Er hatte tatsächlich Ägyptologie studiert und lebte seit Jahren, so erzählte man im Dorf, als Leiter eines Museums in Italien.

Einmal waren sie zusammen auf einem Faschingsball in Kiel gewesen. Sie als Nofretete, Wolfgang als Echnaton. Ein schönes Paar, hatten Wolfgangs Freunde gesagt, aber da war ihr Bruder schon tot und nichts mehr so, wie es vorher gewesen war. Schon damals, als sie mit dramatisch geschminkten Augen in einer fast bis zur Taille geschlitzten Tunika die große königliche Gemahlin spielte, konnte sie nicht mehr wirklich daran glauben, dass sie nach dem Abitur zusammen mit Wolfgang nach Göttingen gehen würde, um Ägyptologie zu studieren. Zu sehr bedrängten sie die Eltern! Wenn sie nicht gerade davon redeten, dass nun selbstverständlich Lena nach dem Tod des Bruders das Geschäft übernehmen musste, so fühlte sie doch ihren missbilligenden Blick auf sich. Wozu noch das Abitur machen, sie hatte doch die Mittlere Reife und konnte sich sofort zur Einzelhandelskauffrau ausbilden lassen.

Das Gymnasium in Neumünster war aber in dieser Zeit ihr einziger Halt. Die Freunde, die alle ein Studium planten, Wolfgang, mit dem sie nicht nur die Leidenschaft für Ägypten teilte, die Universitätsbibliothek mit der Fachliteratur, sie alle waren in Neumünster und in Kiel und nicht in Kleinkummerfeld. Sie war immer weniger zu Hause, und die Eltern sahen sie immer vorwurfsvoller an. Eine Woche vor ihrem mündlichen Abitur erlitt der Vater einen Herzinfarkt. Statt sich vorzubereiten, half Lena der Mutter im Laden. Ihr Abitur bestand sie trotzdem. Auf ihrem Abi-Ball tanzte sie mit Wolfgang engumschlungen. Sie liebten sich in seinem Auto. Aber als sie nach Hause fuhr, wusste sie, dass es das letzte Mal gewesen war. Sie konnte die Last der Erwartungen, die ihr die Eltern auf die Schultern gelegt hatten, nicht mehr abschütteln.

Wenn Hans nicht gewesen wäre! Wer weiß, vielleicht hätte sie es ohne ihn nicht lange ausgehalten, hätte alles hingeworfen, wäre davongelaufen, weit, weit weg ins Tal der Könige, wo sie ohne irgendeine Verbindung nach Kleinkummerfeld in aller Seelenruhe Kalksteinscherben ausgegraben hätte. Aber für Hans, dessen Vater als Ungelernter auf dem Bau arbeitete, war ein Tante-Emma-Laden auf dem Lande eine vielversprechende Lebensperspektive. Er war fröhlich, stark und zupackend, ein ansehnlicher, blonder Hüne, der jedes auftauchende Problem als eine persönliche Herausforderung ansah, das er auf der Stelle lösen musste. Er half Lena, aus ihrer bitteren Unterwerfung unter den Willen der Eltern nachträglich eine Entscheidung zu machen, mit der sie wieder froh werden konnte.

„Feierabend“, sagte Hans traurig, „endgültig Feierabend“, und hängte das Schild in das Fenster der Ladentür, bevor er abschloss.

Geschlossen wegen Geschäftsaufgabe, hatte Lena in großen Druckbuchstaben darauf geschrieben und darunter: Wiedereröffnung nächsten Montag. Lena beobachtete ihren Mann, wie er untätig bei der Tür stehen blieb, die Arme hingen wie leere Ärmel nutzlos an den Seiten. Er wusste nicht, was er als Nächstes tun sollte.
„Du lässt jetzt alles stehen und liegen, wie es ist“, sagte sie, „so haben wir es abgemacht. Stefan und Anja sollen mit uns nicht dasselbe erleben wie wir mit meinen Eltern. Ab morgen früh ist es ihr Laden, ganz allein ihr Laden, und sie können damit machen, was sie wollen, hörst du. Deine Meinung ist nicht erwünscht, sie sind erwachsen und wissen, was sie tun. Wir – wir fliegen in vier Tagen nach Ägypten.“
„Wir? Du meinst, du fliegst nach Ägypten, und ich muss zum Koffertragen mit.“
„Hans!“ Lenas Stimme hatte einen besorgten Unterton. „Wir haben das hundertmal diskutiert, die Tickets liegen im Wohnzimmer auf dem Tisch, du fängst jetzt nicht von vorne an.“
Wochenlang, nein, monatelang hatte sie ihm von Ägypten erzählt, die alten Bücher hervorgeholt, neue gekauft, mit ihm zusammen Videos angeschaut und ganz allmählich hatte sich, indem sie versuchte, ihn, den Ahnungslosen, für Ägypten zu begeistern, auch bei ihr die alte, längst dahingeschwundene Faszination für das rätselvolle Land am Nil wiederbelebt. Aufgeregt wie ein Kind verbrachte sie die Tage vor dem Aufbruch zu ihrer großen Reise. Eine vierzehntägige Nilkreuzfahrt hatte sie ausgesucht, damit Hans nicht wie bei einer Rundreise jeden Tag seinen Koffer neu packen musste. Das war ein Zugeständnis an ihn, das er gar nicht zu schätzen wusste, denn auf dieser Kreuzfahrt würden sie nur die bekanntesten Pyramiden und Tempelanlagen besuchen, Gizeh, Karnak, Sakkara, Memphis; es gab aber insgesamt achtzig Pyramiden in Ägypten, und jetzt, wo sie fast ihr ganzes Leben darauf gewartet hatte, wollte sie alle sehen, auch die verfallenen und die für die normalen Touristen uninteressanten.

Sie fühlte sich eben nicht als normale Touristin, das war es, was sie Hans nicht begreiflich machen konnte. Wenn sie sich vorstellte, wie sie zum ersten Mal ihren Fuß auf ägyptischen Boden setzen würde, fühlte sich das an, als wäre es eine Heimkehr nach langer Abwesenheit. Vielleicht würde sie sich nach einer Führung in einer Pyramide verstecken, abwarten, bis der Zugang am Abend verschlossen würde. Dann hätte sie eine Nacht lang eine Pyramide ganz für sich alleine, wäre für eine Nacht unsterblich im Reich der Toten und könnte von Anubis die letzten Geheimnisse der Totenbücher erfahren. Nach einer solchen Nacht, da war sie sich sicher, würde sie wissen, was es war, das in ihrem Leben noch fehlte.

Sie landeten auf dem Flughafen Luxor, als es schon dunkel war. In dem Kleinbus, der sie zum Schiff bringen sollte, warteten sie lange müde auf unbequemen Sitzen, bis endlich auch der letzte Gast seinen Platz eingenommen hatte. Lena lehnte den Kopf an Hans’ Schulter und sah von Zeit zu Zeit durch schmale Augen, die ihr immer wieder zufallen wollten, Luxors Lichter vorbeihuschen. Als sie endlich das Schiff bestiegen, das wie ein festlich erleuchteter Palast auf der spiegelnden Fläche des Nils lag, wurde sie für einen Augenblick wieder ganz wach. Sie waren seit über zwölf Stunden auf den Beinen. Lena, die noch nie eine größere Reise unternommen hatte, hatte sich nicht vorstellen können, dass Reisen so anstrengend war. Als sie ihre Kabine in Besitz genommen hatten, wollte sie nur noch eins: sich ausstrecken, schlafen. Hans, den die Bauart des Schiffes interessierte, war noch munter genug, das Schiff zu besichtigen. Während Lena schlief, machte er einen langen Rundgang über alle Decks, kam mit verschiedenen Passagieren ins Gespräch und nahm schließlich im oberen Salon an der Begrüßung der Teilnehmer ihrer Reisegesellschaft durch den Reiseleiter teil. Am nächsten Morgen war er bester Laune, auf jeden Fall besserer als die letzten Tage in Kleinkummerfeld, und drängte zum Aufbruch. Lena hatte Kopfschmerzen, die auch ein Aspirin nicht wirklich linderten, der ägyptische Frühstückskaffee hatte ihr nicht geschmeckt, und es nervte sie, dass sie wieder so lange herumstanden, bis die Reisegesellschaft komplett war. Erst im Bus nach Karnak fiel ihr ein, dass sie weder gestern, als sie aus dem Flugzeug gestiegen war, noch irgendwann später darauf geachtet hatte, was es denn in ihr auslöste, nun endlich ägyptischen Boden unter den Füßen zu haben. Vor dem Eingang zum Tempelbezirk standen schon viele andere Busse in Reihe.

Als sie die Anlage betraten, sah Lena nur einen Säulenwald, in dem Hunderte Ameisen herumkrabbelten, der nicht viel gemein hatte mit den Bildern in ihrem Kopf. Sie löste sich von ihrer Reisegruppe, sie wollte nicht hören, was der Reiseleiter erzählte, sie wusste selbst genug über Echnatons Tempel. Aber sie fand kaum etwas von dem, was sie suchte. Entweder verwehrten ihr Menschenmassen den Blick, oder sie verlor die Orientierung. Bald taten ihr die Füße weh. Die Weitläufigkeit dieser Tempelanlage, die
als die größte auf der Welt galt, war ihr bekannt, aber ihre Großartigkeit auf Abbildungen war eines, und sie mit den eigenen Beinen zu erfahren, ein anderes; dazu wurde es mit jeder Minute heißer. Sie suchte nach ihrer Reisegruppe, fand sie endlich vor dem Obelisk Thutmosis I., fand Hans und flüsterte ihm ins Ohr, dass sie vorgehe und vorne bei den Bookshops auf ihn warte. Im Laden war es noch heißer als draußen, wo immer noch eine leichte Brise zu spüren war. Lustlos blätterte sie durch Bücher voller Fotos. Es war kaum ein Abbild einer Sehenswürdigkeit dabei, das sie noch nie gesehen hatte. Sie war froh, als sie endlich wieder in ihrer klimatisierten Kabine ankamen.

So blieb es auch die nächsten Tage. Sie verließen morgens um sieben das Schiff für eine Besichtigung, kehrten müde und erhitzt zu ihrem mehrgängigen Menü zurück, hielten eine Mittagsruhe auf ihren Betten, nahmen einen Tee im oberen Salon, während vor den Panoramascheiben ägyptische Landschaften vorbeiglitten, als sähen sie zu Hause ein Video, und warteten auf das Abendessen. Sie teilten den Tisch mit einem gleichaltrigen Ehepaar aus Köln, das über eine langjährige Reiseerfahrung verfügte und Lena das Gefühl gab, sie sei nur ein unwissender Bauerntölpel vom Lande. Hans unterhielt sich besser. Er erörterte mit dem Grundschullehrer aus Köln die zur Diskussion stehenden Bautechniken der Pyramiden und stellte neue Hypothesen auf. Am schönsten war es noch am Abend an Deck, wenn sie sich mit einem kalten Getränk in ihren Liegestühlen ausstreckten, die Ufer des Nils zum Anfassen nahe erschienen, und der abgekühlte Wüstenwind ihnen mit einer leichten Brise das Gesicht streichelte.

Am dreizehnten Tag der Reise, in Gizeh, beim Anblick der berühmten drei Pyramiden, postkartentauglich hintereinander aufgereiht, Cheops, Chephren, Mykerinos, brach Lena für sich selbst ganz unerwartet in Tränen aus. Es waren keine Tränen einer inneren Bewegung über die Begegnung mit diesen schon von Herodot bestaunten Zeugen der ägyptischen Geschichte, nein, Lena weinte über sich selbst. Sie hatte etwas verloren; einen Traum, ein Glück, eine unfehlbare Erhebung der Seele, mit der sie ihr ganzes Leben gerechnet hatte. Das erschütterte sie. Sie konnte es vor sich selbst nicht länger verheimlichen: Sie hatte sich an die Hitze und das frühe Aufstehen gewöhnt, sie besichtigte jede Tempelanlage und jede Pyramide mit Interesse, aber all diese großartigen Zeugnisse einer längst versunkenen Epoche rührten sie nicht, sie war nicht einmal besonders fasziniert von ihnen. Sie war keine Ägyptologin, sie war nichts weiter als eine besonders gut informierte Touristin. Ihr großer Wunsch, Ägypten zu bereisen, war fast fünfzig Jahre alt; weil sie ihn über all diese Jahre gehätschelt hatte, hatte sie versäumt, nach den Wünschen von heute Ausschau zu halten. Ganz dringend musste sie sich um die erfüllbaren Wünsche von 2012 kümmern.

Am Tag vor ihrem Abflug von Kairo, auf einem schmalen, langen, abschüssigen Gang im Inneren der Cheopspyramide, der zum besseren Gehen mit Holzplatten ausgelegt war, stieg das Gefühl heiß und pochend zum ersten Mal in ihr hoch. Sie brauchte eine Weile, bis sie wusste, was es war: Es war Freude. Sie freute sich auf zu Hause.

Der Rückflug erschien Lena weniger anstrengend als der Hinflug. Als sie im Shuttlebus vom Hamburger Flughafen nach Kleinkummerfeld saßen, zeigte Hans, der Geschmack am Reisen gefunden hatte, Lena Prospekte von Tunesien.
„Was hältst du davon?“

„Ja“, sagte Lena, „warum nicht nach Tunesien“, und fing an, Hans von der Musikschule in Neumünster zu erzählen. Dem Chor wollte sie beitreten und Musikunterricht nehmen, und ein Keyboard mussten sie auch kaufen. Hans wunderte sich.
„In deinem Alter“, zweifelte er, „kann man das doch nicht mehr lernen.“
„Und ob“, antwortete Lena, „was denkst du denn! In unserem Alter ist doch noch lange nicht Feierabend.“
Sie fuhren auf der Autobahn, die Abfahrt Großenaspe lag hinter ihnen, nun war es nicht mehr weit.
„Schön, dass es so lange hell bleibt“, sagte eine Frau hinter ihnen.
„Ja“, sagte Lena und lehnte ihren Kopf gegen Hans’ Schulter, „und schön, dass man so weit gucken kann. Dahinten“, sie wies in die Weite zu ihrer rechten Hand, „irgendwo, da, da liegt Kleinkummerfeld.“


(In: Süchtig nach den Worten.
Anthologie der Gedok Schleswig-Holstein. Husum Verlag, 2013.)

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Im Kasten

Ich möchte mich auch mal so in ein weißes Unendlich stürzen, dachte Clea, hineingebückt in die Nische, wo lauwarmes Wasser aus einem verkalkten Hahn drucklos in die Schüssel rann. So wie die im Kasten wollte sie sein, mit solchen Brettern unter den Füßen es hell haben und weit.

Clea versuchte, lautlos zu denken, denn die Mutter sollte sie nicht hören. Aber die Mutter hörte ihre Gedanken immer. Das war, so schien es ihr, wegen der Enge unvermeidlich. Sie versuchte es trotzdem. Immer wieder, denn es war wichtig herauszufinden, ob nicht doch irgendwo einen Winkel gäbe, eine Ecke sich auftäte, die die Mutter nicht besetzt hatte. Aber die Mutter hatte ihre Ohren auch in Cleas Kopf untergebracht; genauso wie Augen, Mund und Nase.

Wenn das Essen auf dem Gaskocher, der so schlecht zu regulieren war, anbrannte – sie rochen es im selben Augenblick, und wenn sie an den verdorbenen Geschmack dachten, zogen sich ihre Mundschleimhäute vor Widerwillen zusammen. Auf den verbeulten Blechtopf, dessen Boden nun wieder mühselig reingeschrubbt werden musste, blickten sie mit derselben Verachtung, und wer von ihnen beiden dann, wenn sie sich endlich an den Tisch setzten, ausrufen würde, „dass wir aus solch einem Topf essen müssen,“ das war egal. Hauptsache, es wurde ausgesprochen! Jeden Mittag, angebrannt oder nicht angebrannt, noch bevor sie die Löffel in die Hand nahmen.

Der Vater verweigerte ihnen nämlich schon seit langem einen neuen Topf. Immer wenn er die schwere Tür aufschloss, um ihnen die Nahrungsmittel für die nächsten Tage zu bringen, lauerten sie, ob er einen neuen Topf dabeihätte, aber jedes Mal sagte er barsch: „Ich schleppe mich schon genug ab, um euch zu versorgen, wartet, bis er ein Loch hat.“ Sie wollten ihn auf keinen Fall verärgern und nickten, aber bei der nächsten Mahlzeit sagten sie es wieder: „ ... dass wir aus solch einem Topf essen müssen!“

Der Vater blieb in letzter Zeit nur noch kurz. Seitdem die Mutter, wenn er den Vorhang vor dem Bett zuzog, nicht mehr wie früher geflüsterte Bitten und erstickte Laute von sich gab, sondern so still geworden war, als wäre sie gar nicht da, und Clea nur noch den keuchenden Atem des Vaters hörte, bis auch der in einem letzten Stöhnen erstarb, ging es viel schneller. Danach allerdings war es immer schwer. Einerseits hatten sie neue Nahrungsmittel im Schrank, und manchmal sogar etwas Besonderes, das sie sich schon lange gewünscht hatten, andererseits lag die Mutter nach dem Besuch des Vaters zu einem Knäuel zusammengedreht auf dem Bett und redete bis zum nächsten Morgen kein Wort. Clea konnte sehen, dass es auch im Kopf der Mutter still und leer war. Sie versuchte, an nichts zu denken, um die Mutter nicht zu stören.

Den Kasten anzuschalten, war dann ganz undenkbar. Einmal hatte sie es versucht, es war schon lange her, sie war sehr viel kleiner gewesen als jetzt. Sie hatte die Menschen im Kasten so leise sprechen lassen, dass sie ihr Ohr an die Scheibe pressen musste, um etwas zu verstehen. Aber die Mutter war hochgefahren und hatte ihren Kopf so gegen den Kasten geschlagen, dass ihr ein paar Augenblicke ganz schwarz vor Augen geworden war. Sie hatte zuerst gedacht, nun wäre der Kasten kaputt, und das war ihr so entsetzlich vorgekommen, dass sie nicht mehr leben wollte, dann aber hatte sie gemerkt, dass die Bilder noch da waren, und dass die Schwärze nur in ihrem Kopf gewesen war. Da hatte sie sich gefreut und wollte auch wieder weiterleben, nahm sich aber fest vor, in Zukunft vorsichtiger zu sein.

Der Kasten war das einzige, worüber sie nicht einer Meinung waren. „Das ist alles nur ausgedacht,“ sagte die Mutter auf ihre bohrenden Fragen. Clea glaubte der Mutter. Aber manchmal, wenn sie gerade wegsah, wie jetzt, wenn Clea gebückt in der niedrigen Nische über der Schüssel ihr Gesicht wäscht, überfällt es sie zitternd, dieses Gefühl, das so stark ist, dass ihr Atem zurück muss in die Brust. Denn wenn in Armen und Beinen sich ein Drang ausbreitet, gegen die Wände zu schlagen, ohne Rücksicht auf das Geschirr, das dabei zu Bruch gehen könnte, oder gegen die Wände zu treten, als wären sie nicht aus Stein, sondern könnten unter der Kraft ihrer Sohlen nachgeben, dann vergisst sie alles und will nur noch eines: sich in dieses weiße Unendlich stürzen, das sie Schnee nennen. Und genau dann steigt in ihr eine kleine irrsinnige Hoffnung auf, so unabweisbar wie manchmal die Träume in der Nacht, etwas von dem, was im Kasten ist, wäre wahr und nicht nur ausgedacht.

(In: „Grenzfälle“,  Texte aus Brandenburg und Schleswig-Holstein, Verlag für Berlin-Brandenburg, 2017)

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Einer macht sich davon


Er kam aus einer anderen Welt. Unvorbereitet. Er kannte nichts anderes als diese abgeschlossene Welt, die ihm ganz allein gehörte hatte und auf immer verloren war, als er sie verließ. Er hatte keine Wahl gehabt. Er musste aufbrechen oder zugrunde gehen. Das neue Land hatte ihn gelockt, aber der Weg dorthin war eng und beschwerlich gewesen. Kantiges hatte seinen Kopf blutig gestoßen, Feuchtes ihm die Augen verklebt. Er hatte mit sich und seinem Atem gerungen und auf ein schnelles Ende der Qual gehofft. Er hatte geschrieen, als er das neue Land betrat.

Man kümmert sich um ihn. Die, die hier schon lange wohnen und sich eingerichtet haben, haben ihn erwartet. Seine Haut zieht sich zusammen, er weiß nicht, dass er friert, er kennt keine Kälte. Erbarmungslose Wellen branden gegen seinen Kopf, er versteht nicht, dass es laut ist, er kennt es nur leise und gedämpft. Weiße Messer zerschneiden ihm die Augen, er kennt den Tag nicht, er hat nur in milder Dämmerung gelebt. Ein wildes Tier wühlt in seinen Därmen, er begreift nicht, dass es Hunger ist, er hatte noch nie Hunger gefühlt. Man stößt und drückt ihn, streicht grob über seine Haut, die nur die sanfte Berührung des Wassers kennt. Er schreit vor Entsetzen und schläft mitten im Schrei vor Erschöpfung ein.

Er gewöhnt sich an Kälte, Lärm, Licht, Hunger und feste Berührung, weil es nichts anderes gibt, und es immer so ist, jeden Tag aufs Neue. Er vergisst, woher er gekommen ist. Und auch die anderen haben es vergessen und sagen, warum soll es ihm besser gehen als uns. Er muss sich ihrem Willen fügen. Essen und trinken, wenn die Nahrung erscheint, sich nicht bewegen, wenn es nicht dran ist, nicht schreien, wenn er still sein soll. Er bemüht sich, ihre Erwartungen zu erfüllen, so gut es ihm gelingen will, denn die Angst, verlassen zu werden, ist größer als der Schmerz, den sie ihm zufügen.

Aber unmerklich verändert sich seine Lage. Der Schmerz, der am Anfang nur ein sachter Druck auf der Brust gewesen ist, nimmt an Ausdehnung und Gewicht zu. Im Auf und Ab seiner mühsamen Atemzüge legt er sich außen wie eine immer schwerer lastende Decke um seinen Körper, dringt innen mit dem Blut wie ein lähmendes Gift in jede Zelle. Da wird es ihm ganz gewiss, dass er nicht bleiben kann. Er weiß selbst nicht wie und wohin. Es geschieht vielleicht im Schlaf, oder in einem Augenblick der höchsten Not. Unbemerkt von ihm selbst und von den anderen, macht er sich davon.

(In: Macondo, Edition Einundzwanzig)

Die Breite der Zeit

Ich habe mir nicht vorstellen können, dass ich es bin, der diese Frage stellt:
„Wie lange noch?“
„Drei Wochen. Drei Monate wären schon viel.“
Ich kenne Geschichten von Menschen, die Pythias Vorhersage überlebt haben. Manchmal um so viele Jahre, dass das Orakel zu einem Kuriosum wurde oder zu einer Anmaßung.
Pythia schaut schräg an mir vorbei auf den erleuchteten Glaskasten, vor dessen Milchglasscheibe die Fotos meiner Lungenflügel stecken. Ich nehme an, sie hat schon öfter die Zukunft vorhergesagt. Mit leiser Stimme und professioneller Sachlichkeit. Was wird sie tun, wenn sie mich verabschiedet hat? Sich wiederbeleben? Gott sei Dank rufen, das habe ich hinter mir, und ihrem Mann eine Mail schreiben: Heute Abend, mein Liebling! Ich freue mich auf dich. Vielleicht aber auch macht sie sich eine Notiz für die nächste Balintgruppe: Derartige Gespräche verderben mir immer die Laune. Für den ganzen Tag. Das muss doch nicht sein. Oder?
Auf der Straße ist alles so, wie es vor einer Stunde war. Die Platanen, die letzten, die den Terror des Verkehrs überlebt haben, bereiten sich auf den Frühling vor. Bei Neumeyers ist das Schaufenster unverändert. Wenn ich noch den Kopf schütteln könnte, würde ich das jetzt tun. So wie ich es ungezählte Wochen getan habe, jedes Mal wenn ich auf meinen Wegen an der Auslage vorbeigekommen bin. Die bocca della verità, fünffach vergrößert, mit einem ofenfrischen Brötchen auf den ehernen Lippen. Stattdessen muss ich husten. Ich bleibe stehen, um Luft zu schöpfen. Ich bin etwas kurzatmig. So wie seit Monaten. Nicht weniger. Und nicht mehr. Auch die Form meiner Nägel ist noch immer dieselbe. Ich könnte Susanne anrufen und sie bitten, mit mir zu schlafen.
„Nichts Besonderes,“ werde ich sagen, wenn sie fragt, „alles ist wie immer.“
Nur dass ich jetzt einen Zeitzünder im Kopf habe. Das Zählwerk tickt. Das Ticken ist so laut, dass mir die geliebte Pasticcio di fegato bei Mario nicht schmeckt. Wäre ich morgen zu dem Orakel gegangen, würde sie mir heute noch schmecken.
Zu Hause setze ich mich vor den Wecker, ein altertümliches Ungeheuer zum Aufziehen, und hoffe, dass sein lautes Klack-Klack das Ticken im Kopf übertönt. Das Gegenteil ist der Fall. Sie vereinigen sich zu einem monströsen Ticken, das den Raum füllt wie eine Kirchenglocke einen Container.
Es ist Dienstag, 18:16.
60 Schläge in den Magen. Dienstag, 18:17.
Die Knochen vibrieren 60 mal. 60 dröhnende Schläge. 18:18.
Mein Herz ist doppelt so schnell, es zählt die Pausen mit. 120 Schläge. 18:19.
Ich springe auf und kontrolliere die anderen Uhren im Haus. 18:20, 18:21. 18:10 auf der alten Standuhr. Sie schenkt mir 10 Minuten. Ich breche in Gelächter aus. Meine Armbanduhr mit Datumsanzeige steht seit 4 Tagen. Gestern hat mich das noch verärgert. Sie zeigt Freitag an. Freitag, 2:54. Freitag war ein guter Tag. In meinem Kopf war das Zählwerk noch nicht implantiert. Ich habe mit Susanne geschlafen. Und nicht daran gedacht, dass es das letzte Mal sein könnte. Oder das vorletzte?
Ich will nicht den Uhren ausgeliefert sein! Ich trage sie alle, alle, die ich besitze, zur Standuhr und werfe sie ihr zu Füßen: meine Armbanduhr, die bunt bemalte Küchenuhr aus dem Tessin, die Funkuhr aus meinem Arbeitszimmer, den Wecker, der schon die Kinder aus ihren morgendlichen Träumen gerissen hat, die Taschenuhr meines Vaters.
Die Zeit ist eine Erfindung der Uhrmacher.
Ich packe alle Uhren in eine Plastiktüte, versenke sie in der Mülltonne im Keller und bedecke sie mit dem Inhalt des Abfalleimers aus der Küche. Verwelkte Blumen, Brotreste, angefaulte Tomaten, Avocadoschalen von Freitag, mit einer Vinaigrette säuberlich ausgelöffelt.
Und die ehrwürdige Standuhr, ein Erbstück, was ist mit ihr? Es reicht nicht, ihr das Pendel zu nehmen. Ich muss ihr Gesicht zerstören.
Seiner Zeiger und Zahlen beraubt, atmet nur noch die Stille. Das leere Antlitz der Zeit schweigt.
Ich lasse alle Jalousien herunter und ziehe den Stecker des Telefons aus der Dose. Die Rundmail ist kurz wie immer. Ich habe schon öfter behauptet, auf Reisen zu sein, um ungestört schreiben zu können. Man kennt das. Ich werde allerdings keine Zeile mehr schreiben. Wozu? Ob ich den Computer wirklich ausschalten will, fragt mich das System. Nicht wirklich, aber endgültig. Die Liege fängt mich auf wie einen Stürzenden. Ist es schon so weit? Ich lausche in die Stille. Entweder die Welt da draußen hinter den Wänden ist im Schockzustand erstarrt, oder meine Ohren sind von den Schlägen der Zeit ertaubt. Susannes letztes Geschenk, Kopfhörer, die eine neue Dimension des Hörens versprechen, greifen nach mir. Ich fülle sie mit Jessyes Sacred Songs. In unendlichen Schleifen. Meine Hörkanäle öffnen sich wie lange geschlossene Schleusen.

Ich muss geschlafen haben. Ich komme von nirgendwo her. Jessye singt „I wonder as I wander.“ Ich spüre die Liege, deren Form mich zwingt, die Beine leicht anzuwinkeln, in meinen Kniekehlen. Die Form meines Körpers ist nicht mehr nachvollziehbar, aber tief innen versammelt Jessyes Stimme alle Wärme, die es in meinem Leben gegeben hat, in einem Punkt, der zu leuchten beginnt, immer mehr anschwillt, bis er schließlich aufbricht und in einem einzigen gleißenden Strom mich überflutet.
Ich verwandele mich.
Ich werde ganz und gar fließend und fließe in das große Meer der Zeit und der Dinge, in dem alles in allem da ist, gleichzeitig sich auflöst und wieder Gestalt annimmt, gleichzeitig es selbst ist und ein anderes. Nichts ist verloren, alles ist aufgehoben. Das Ende ist zugleich ein Anfang und der Anfang das Ende. Ich sehe mich in der langen Reihe, an dem zugewiesenen Platz zwischen all denen, die schon da waren, und all denen, die noch kommen werden. Ich wusste nicht, dass es zwei Welten gibt, die Welt des Alleshintereinander und die Welt des Alleszugleich.
Ich habe die Welt des Alleshintereinander verlassen.
Wenn ich einfach nur da bin, weiter nichts, mit allen Sinnen, kann ich alles zugleich haben und alles zugleich sein. Ich will nicht mehr handeln. Ich will einfach nur noch da sein. In alle Ewigkeit.
Ich bin glücklich.
Die Störung wird immer weniger abweisbar. Hinter Jessyes Stimme schrillt es. Ich habe vergessen, meine Türglocke abzustellen. Die Rückkehr dauert lange und ist schrecklich. Ich öffne den Deckel über dem Spion und sehe durch das dicke Glas direkt in Susannes verquollene Fischaugen.
„Was ist mit Dir? Bist Du in Ordnung?“ dringt ihre Stimme dumpf durch das Holz der Tür.
„Ich habe keine Zeit,“ sage ich, und klappe den Deckel über den Spion.

(In: Zeitschrift für Kunst& Literatur, Ausgabe 1 2008)




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